Geister der Vergangenheit

Direkt neben dem Coffeeshop ist ein Schuhputzstand, zwei throngleich erhöhte Sitze, darunter ein Bursche, der einem die Schuhe poliert. Es ist ein junger Mann, der in diesem Moment in ein Buch vertieft ist und die Uniform trägt, die mit seinem Beruf offenbar zwangsläufig einhergeht: Hosenträger und Schirmmütze, eine vage an den Beginn des zwangzigsten Jahrhunderts erinnernde Kombination. Neben Samuel steht Periwinkle, der sich die Schuhe putzen lassenwill, aber zögert.
„Ich bin ein gebräunter Weißer in einem teuren Anzug“ sagt Periwinkle, und starrt den schwarzen Schuhputzer an.
„Und das bedeutet genau was?“ fragt Samuel.
„Ich mag das Bild nicht.“

Der Gentleman, viktorianischer Screwball

Der Gentleman ist Engländer. Wie könnte es auch anders sein. Lionel Savage, dessen Geschichte hier berichtet wird, hat mich total erheitert, fasziniert und war erfrischend anders als fast alles zuvor gelesene, zudem total witzig amüsant und elegant. Am ehesten noch vergleichbar mit Die Besteigung des Rum Doodle und der Brautprinzessin. Herrlich altmodisch, dabei frisch und…

Underdogs

Wer mich kennt, also etwas näher als über diesen Blog oder sonstige sozialen Netzwerke, weiß erstens, dass ich in Nürnberg geboren wurde, zweitens in einer unglaublich Fußball affinen Familie aufwuchs, drittens mein Vater das Glück hatte, einen Glubberer*  der 1968er goldenen Generation-Mannschaft, die dann leider ja auch gleich 1969 von der ersten in die zweite…

Viel Spaß

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, Ehemann und Familienvater mit geringer Sozialkompetenz, wird mittels einer unvorhergesehen Chance aus seinem provinziellen Tübinger Trott gerissen. Ein Techno – Milliardär hat einen Wettbewerb ausgeschrieben. Anlässlich des dreihundertsiebten Jahrestages des Leibnizschen Essays zur Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit der Menschen und den Ursprung des Übels gilt es in…

Malen gegen den Wahnsinn

Charlotte. Ein kurzer, knapper Titel. Das Cover mit dem faszinierenden Gesicht, nur angeschnitten, der Kopf nicht komplett zu sehen. Dann dieser Blick, intensiv und ernst, der einen überall hin zu verfolgen scheint. Charlotte. Auch der Name meiner ältesten Tochter. Noch ein Grund, dass dieses Buch mich wie auf magische Weise anzieht und ich es unbedingt…

Aufrichtig geliebt

„Die Stille dauerte eine Ewigkeit, dann legten die Musiker los und meine Eltern begannen, sich langsam umeinander herum zu drehen, sie hielten die Köpfe leicht geneigt und schauten sich tief in die Augen, als suchten sie sich, als zähmten sie sich. Ich fand es schön, und es machte mir Angst. Dann gebann die große rot-schwarze Frau zu singen, die Gitarren nahmen Tempo auf, die Becken vibrierten, die Kastagnetten klapperten, mein Kopf drehte sich, meine Eltern flogen. Sie flogen, meine Eltern sie flogen umeinander, sie flogen, die Füße am Boden, den Kopf in der Luft, wirklich, sie flogen und wenn sie landeten, hoben sie gleich wieder ab, wie zwei ungeduldige Wirbelwinde, nur um aufs Neue zu fliegen, voller Leidenschaft und entfesselt im glühenden Tanz. Nie zuvor hatte ich sie so tanzen sehen, es war wie ein erster Tanz und auch wie ein letzter. Ein Tanz wie ein Gebet, Anfang und Ende in einem.“