Die Pheromondrüse der Blattella

Ich weiß nicht genau, was es ist, aber manchmal reitet mich etwas und dann suche ich mir Bücher aus, die eigentlich nicht so ganz mein Thema bedienen. Genauso eines ist das hier vorliegende Exemplar. Und doch werde ich meist, so auch in diesem Falle, positiv überrascht davon, was manch ein Autor zwischen zwei Buchdeckel packt.

Frank Nischk ist ein Nerd im klassischen Sinne, einer, der ein Hobby hat, das nicht wirklich viele teilen und einer, der völlig aufgeht in genau diesem Thema. Bereits als Kind interessierte sich Nischk nicht für Hund und Katz, sondern für Schabe, Kakerlake und Spinne. Als er erwachsen ist, studiert er Biologie und hebt sein Hobby somit auf ein höheres Level. Seit 2000 arbeitet er als Wissenschaftsjournalist, führt Regie und schreibt spannende Dokumentationen fürs Fernsehen – oder eben mal ein Buch mit dem klangvollen Titel „Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere – Von fürsorglichen Schaben, tauchenden Libellen und boxenden Krebsen. Eine Liebe auf den zweiten Blick“.

Hervorzuheben ist die wirklich liebevolle Aufmachung der Seiten, die zu den Kapitelüberschriften passende Verzierungen von Stephanie Raba in Form von Insektenzeichnungen haben, die so gut gelungen sind, dass meine Tochter angewidert aufquiekte und hysterisch auf meine Buchseite deutete: „Mama, igitt! Da krabbelt ne Spinne über deine Seite!“ 🙂

Inhaltlich erfährt der interessierte Leser viel Wissenswertes und Ungeahntes über die Tiere, die ansonsten selten Gegenstand begeisterter Aufmerksamkeit sind. Doch Nischks überbordende Freude darüber, von den Besonderheiten dieser Insekten zu berichten, wirkt ansteckend: So erfährt man von den Cryptocercus-Kakerlaken, dass sie zum einen Helikoptereltern sind und zum anderen zu den wenigen Lebewesen gehören, die Holz verdauen können. 😉 Schöne kleine Wissenshäppchen, die sich wunderbar mal im Smalltalk einbauen lassen, um das Gegenüber zu verwundern 😉 Schön auch die Information, dass die Helikopter-Kakerlakeneltern dabei nicht brav von Mund zu Mund füttern, nein, nein, die kleinen Larvenbabys fressen den Kot von Mami und Papi.

Spannend auch, was wir über das Brutverhalten der Grabwespe lesen – sie trägt ihren Namen nicht ohne Grund: Ein besonders eifriges Tierchen wurde dabei beobachtet, wie es eine tote Grille (!!) anschleppte, in eine kleine Höhle zerrte, ein Ei daneben legte und alles verschloss. Futter für den Nachwuchs …

Dass Nischks Liebe zu den Insekten in der Tat außergewöhnlich groß ist, merkt man an vielen kleinen Nebensätzen. So schreibt er im Brustton der Überzeugung:

„Dabei lohnt es sich, die Furcht vor den Insektenstichen ganz nüchtern zu bewerten: Eigentlich müssten wir den wehrhaften Hymenopteren, also den Bienen, Wespen und Ameisen, dankbar sein, dass sie uns nur wehtun und nicht gleich umbringen, wenn wir ihnen zu nahe kommen.“

Ööhm, ja. Kann man so sehen. Als Mutter zweier im Angesicht von über Kuchen kreisenden Wespen völlig hysterischer Mädchen kann ich aber getrost sagen: Diese Sichtweise teilen nicht viele Menschen! Ganz abgesehen von denen, die allergisch reagieren auf solche Stiche …

Frank Nischk nimmt den Leser an der Hand, sagt ihm „Pass mal auf, ich erklär dir das mal sachlich und nüchtern“ und unterfüttert seine Fakten mit stichfesten, aber amüsanten Anekdoten.

Das ideale Buch für Klugschieter der besonderen Art, die mal so richtig auftrumpfen wollen mit einem absurden Nischenwissen, und für alle, die, wie ich auch, mal „outside the box“ denken wollen, sich mal über den Tellerrand des Gewöhnlichen wagen. Ein Buch, das man überall hin mitnehmen kann, ein paar Kapitel lesen kann, es wochenlang nicht beachten kann, nur um dann nahtlos ans bisher Gelesene anzuknüpfen und schnell wieder reinzukommen.

Die im Titel beschworene „Liebe auf den zweiten Blick“ empfinde ich zwar noch immer nicht beim Anblick einer Kellerassel oder gar einer Kakerlake (ich denke da nur an handtellergroße Prachtexemplare, die ich in Kuala Lumpur am Bahnhof auf dem Bahnsteig herumtrippeln sah), aber zumindest hat das wunderbare Büchlein meinen Horizont erweitert und mir Respekt für diese kleinen Lebewesen abgenötigt , die so viel kompetenter sind, als ich dachte.

Also schüttelt Eure Aversionen ab und lest mal hinein in die krabbelige Welt des Frank Nischk und, wer weiß, vielleicht ist das hier der ideale Geschenktipp für den einen oder anderen in Eurem Bekanntenkreis, der schon alles hat, außer das Buch der besonderen Art!

„Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere“ von Frank Nischk ist 2020 als Hardcover im Ludwig Verlag erschienen. Weitere Infos zum Titel und Verlag über Klick auf das Buchcover oder den Verlagsnamen.

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