Bestiarium des Wahnsinns

Das ist erst mein drittes Buch einer slowenischen Schriftstellerin und ich bin sehr angetan von der Art und Weise, wie kreativ, beeindruckend und gleichzeitig aber furchtbar beklemmend in diesem Roman Vergewaltigungserfahrungen aus dem Balkankrieg verarbeitet werden.

Die in dieser Geschichte geschilderte Gesellschaft hat dystopische, also respektive anti-utopische Züge, spielt aber in der Vergangenheit irgendwo auf einer abgelegenen Insel, wahrscheinlich auf einer kroatischen. Vor einigen Generationen wurden die Frauen und Männer dieses von der restlichen Welt abgeschotteten Mikrokosmos voneinander getrennt, in zwei separaten Kleinstädten untergebracht und ein totalitäres Regime systematischer Vergewaltigungen sowohl auf der Frauenseite als auch bei den jungen Männern installiert. Jegliche Auflehnung gegen das System wird mit Terror, Gefangenschaft, Folter und Tod sanktioniert. Die Burschen werden in der Nacht durch rotierende Pläne zu den jungen Mädchen zwecks Vergewaltigung geschickt, richtiger Sex und Kontakt der beiden Geschlechter zueinander ist strengstens verboten. Lediglich am Sonntag in der Kirche kommen alle Bewohner in einer höchst grotesken scheinheiligen Zeremonie zusammen, in der sie sich aber nicht mal in die Augen schauen dürfen.

Die gezeugten Kinder aus den Vergewaltigungen werden meist abgetrieben, Überlebenschancen haben nur ausgewählte, auf Grund der Genetik meist potenziell dumme Kinder, um möglichst eine Folgegeneration von weiteren dumpfen, nicht aufmuckenden Sklaven dieses Systems zu produzieren. Die Insel gehört mit allen Menschen, die auf ihr leben – quasi in einer Form von Leibeigenschaft – einer Familie auf dem Festland, für die die ganze Bevölkerung zudem auch noch Sklavenarbeit leisten muss. Landwirtschaftliche Güter, produzierte Lebensmittel und gefangener Fisch, in Handarbeit gefertigte touristische Souvenirs, alles, was über die Grundversorgung der Bewohner hinausgeht, wird abgeholt.

In diese Welt kehrt Filio, die vor Jahren aus dieser Hölle auf das Festland geflüchtet ist, wegen der tödlichen Krankheit ihrer Großmutter Helena zurück. Schon im ersten Abschnitt der Geschichte erfährt man Filios grausames Schicksal. Sie wurde sehr jung mit den Vergewaltigungen sozialisiert und hat sich sogar in ihren ersten Mann, den Deflorator, verliebt, von dem sie nicht einmal weiß, wie er genau aussieht, da er nur ein paar Mal in der Nacht zwecks Vergewaltigung zu ihr gekommen ist. Eine Mischung aus Lust, Schuld, ein Gefühl von Beschmutztheit durch die vielen Sexualkontakte und tiefe Verzweiflung, weil sie kaum andere Beziehungen gewohnt war, hat bei der missbrauchten jungen Frau tiefe Traumata hinterlassen. Bevor die Großmutter stirbt, bittet sie ihre Enkelin ihre geheimen Tagebuchaufzeichnungen auf das Festland zu retten.

In Teil zwei erfahren wir aus den Tagebuchaufzeichnungen der Großmutter mehr über das System der Insel und wie alles begann. Helena wurde nicht auf der Insel geboren, sondern mit ihrer Tochter und einem kleinen Jungen namens Uri von den Inselbewohnern während eines Schiffbruchs gerettet. Die drei sind fortan in Geiselhaft der Insulaner und können die abgeschottete Welt nicht verlassen. Schon in der ersten Woche wird auch die Großmutter, die damals etwas mehr als vierzig Jahre war, vom Kommandanten der Insel vergewaltigt und auch sie verliebt sich in diesen Mann. Auf Grund der hohen Position des Mannes wird sie nicht wie die anderen Frauen von einer wahllosen Menge von Männern heimgesucht, sondern sie hat eine Sonderstellung im Dorf und führt fortan fast schon so etwas wie eine Beziehung, wenn er auch nur gelegentlich bei Nacht zu ihr kommt. Im Gegenteil, eine ganze Weile ist ihr gar nicht bewusst, was die anderen Frauen auf dieser Insel jede Woche erdulden müssen. Auf jeden Fall ist es tatsächlich viel zu spät, die schon öfter angedachte Flucht zu verwirklichen, als sie endlich aufwacht und das realisiert, was sie geahnt hat, aber nie wahrhaben wollte. So fügt sie sich in ihr Schicksal, das etwas besser ist, als das aller anderen. Sie versucht durch ihre Sonderstellung, die Situation für die Frauen ein bisschen zu verbessern. Deshalb eckt sie überall an und die Leserschaft erfährt dadurch, dass auch mächtige alte und sehr perfide Frauen dieses furchtbare System auf der Insel tragen, unterstützen und am Laufen halten. Auch sie sind eine wichtige Säule der Terrorherrschaft.

Als es ihr wie Schuppen von den Augen fällt, dass ihre Tochter dasselbe Leid wie alle anderen Frauen erdulden muss und permanent von einem Pulk von Männern regelmäßig vergewaltigt wird, nimmt das Schicksal und die Fortsetzung dieses Wahnsinns seinen Lauf. Die aus einer Vergewaltigung entstandene Enkeltochter Filio wird nicht abgetrieben und auch nicht getötet, denn die Insel benötigt dringend frisches Blut. Infolge der Inzucht können die Bewohner aus gesundheitlichen Gründen kaum mehr ihre Sklavenarbeit durchführen. Ihre Tochter stirbt letztendlich sehr früh, weil sie von rivalisierenden Vergewaltigern in einem Handgemenge erschlagen wird.

Der dritte Teil des Romans schildert die Sichtweise von Uri, der nachdem er bis zum Alter von acht Jahren von Helena aufgezogen wird, dann in die Männerstadt übersiedeln muss, vom Kommandanten unter die Fittiche genommen wird und zu seinem Nachfolger ausgebildet werden soll. In diesem Teil wird auch erstmals gewahr, dass auch die jungen Burschen von den älteren Männern regelmäßig vergewaltigt werden. Die Sicht von Uri rundet letztendlich die Beleuchtung dieses Terror-Systems und wie es durchgesetzt wird ab, hier wird die Seite der Männer und der Macht beschrieben. Als Nachwuchs-Wache wird Uri mit den Konsequenzen von Ungehorsam und den psychopatischen Strafen, die darauf folgen, konfrontiert. Uri ist es auch, der den ersten Verkehr mit Filio hat und der sich ebenso wie Filio verliebt.

Was in diesem Roman erschreckt und so derart aufwühlt, ist die lapidare Grausamkeit in der wirklich die entsetzlichsten Folterungen im dritten Teil geschildert werden, sie haben etwas derart sadistisches an sich, wie man vor allem Frauen aber auch Männer quält, demütigt, sexuell fertig macht und letztendlich den Geist und den Widerstand von Menschen bricht. Dagegen muten die schrecklichen Bilder von Abu Graib fast wie Szenen aus einem Landurlaub an. So etwas Fürchterliches, Abgebrühtes und Grausames habe ich bisher nur von Edgar Hilsenrath in seinen zwei Romanen Nacht und Das Märchen vom letzten Gedanken gelesen. Zusätzlich kommt dann noch eine im ersten Moment völlig deplatziert scheinende Komponente der Lust bei den Opfern dazu, die aber durch das Missbrauchssystem, das sehr bald, fast noch bei Kindern angewendet wird, psychologisch und logisch durchaus realistisch wirkt. Auch mir als Leserin wurde das Stockholmsyndrom übergestülpt und die Täter-Opfer-Umkehr im Laufe der Jahre und der sadistischen Erziehung glaubhaft vermittelt.

Die teilweise lyrische, poetische Sprache setzt ebenso einen interessanten wie sehr ungewöhnlichen Kontrapunkt zum grausamen Inhalt. Innovativ ist auch der Aufbau des Plots. Die Geschichte wird rückwärts und chronologisch durcheinander erzählt, im ersten Teil befindet sich schon das Ende des gesamten Romans, zu dem man dann tatsächlich nochmals zurückblättern muss, denn, als man es gelesen hat, kannte man die Zusammenhänge noch nicht. Zuerst dachte ich noch, da fehlt am Ende etwas, erinnerte mich aber an eine sehr lapidare Episode, die sich nachträglich als ein derart leises Happy End oder zumindest als ein Neuanfang beziehungsweise Aufbruch entpuppte, dass es mir fast entgangen wäre.

Fazit: Für mich eine ausgezeichnete, einzigartige, aber entsetzliche Geschichte, von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung. Aber das ist beileibe kein Roman für ganz schwache Nerven. Obwohl, die Grausamkeit steigert sich von einem niedrigen Niveau hin zu den schlimmsten Perversionen so kontinuierlich, dass ich als Leserin letztendlich erschrocken war, wie sehr ich durch den dramaturgischen Aufbau und die schrittweisen Grenzüberschreitungen abgestumpft war. Am Ende ließ sich auch das aushalten. Das alleine war meiner Meinung nach schon hohe schriftstellerische Kunst: Das Grauen und die grauenvollen Taten dieser Gesellschaft derart sukzessive zu steigern, dass sie wie zwangsläufig logisch und unabwendbar scheinen. So funktionieren ja auch totalitäre Systeme am besten und am nachhaltigsten. Wenn sie in Babyschritten eingeführt werden. Jeden Tag wird die Kompassnadel der Moral um ein paar Millimeter verrückt. Chapeau für diese dramaturgische Leistung!

Übrigens habe ich selten so einen punktgenauen Klappentext gelesen, dessen Bezeichungen ich sogar für die Überschrift verwendet habe, der genau meine Gefühle für den Roman beschreibt und die Stimmung, die er bei mir nachhaltig hinterlassen hat:

Die Anti-Utopie liest sich eigentlich wie ein trojanisches Pferd im Gedanken der Unterdrückung: Es sprengt von innen heraus.

Das bringt alles kurz und knackig und zudem sehr lyrisch auf den Punkt.

Filio ist nicht daheim von Berta Bojetu ist 2020 im Wieser Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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