Die Schuldgefühle der Überlebenden

Wer meint, alle Geschichten vom Holocaust seien schon erzählt und sich irgendwie im Prinzip total ähnlich, der wird mit diesem Roman wieder einmal eines Besseren belehrt. Ich bin restlos begeistert und total hingerissen von dieser Familientragödie, die auf wahren Begebenheiten basiert. Es verwundert überhaupt nicht, dass diese bei ihrem erstmaligen Erscheinen 2017 auf Tschechisch zu einem Bestseller avancierte. Nun wurde sie auch endlich ins Deutsche übersetzt.

Die Leser werden unvermittelt ins Jahr 1954 mitten in eine Katastrophe geworfen. Was für eine furchtbare Eröffnung eines Romans! Das Mädchen Mira wird am Geburtstag der Mutter bestraft, weil es am Fluss gefährlich mit dem Eis gespielt hat und hineingefallen ist. Sie darf die Festtagsmehlspeise nicht essen. Diese war leider mit Bakterien vergiftet, hat bei der Familie Typhus ausgelöst und fast alle sterben: Vater, Mutter, Geschwister Tante, alle müssen ins Krankenhaus und plötzlich ist die Protagonistin ganz allein.

Sie kommt bei der Freundin ihrer Mutter unter, deren zwei Kinder sie mobben und sogar beseitigen wollen. Auch der Mann der netten neuen Pflegemutter will sie überhaupt nicht haben, er hegt einen unglaublichen Groll gegen sie, den sie sich nicht erklären kann. Als die Situation in der Pflegefamilie eskaliert, kommt heraus, dass nicht nur die Protagonistin Mira, sondern auch Tante Hana das Typhusmassaker überlebt hat. Nun muss Mira sehr widerstrebend bei der komischen Tante Hana leben, die nach Monaten gesundet ist.

Allmählich wird klar, warum Tante Hana so wunderlich ist. Sie hat ein derart tiefes Trauma, das sie kaum ihr Leben bewältigen lässt und eine tätowierte Nummer am Arm: Sie war im KZ. Mira arrangiert sich allmählich über die Jahre mit Hana und ihren psychischen Problemen, fast sorgt die Nichte für die erwachsene Tante, als wäre sie ein unmündiges Kind. Als Mira nach Jahren in der Schule wieder auf die zwei Kinder der Pflegemutter trifft, ist das Mädchen noch immer ein böser Mensch und eine waschechte Antisemitin, der Bruder wird aber ihr Geliebter. Der ehemalige Pflegevater ist strikt gegen diese Beziehung.

Im Folgenden beginnt die tragische Lebensgeschichte Tante Hanas und der gesamten Familie von Mira. In einer Rückblende werden die Jahre ab 1933 aufgerollt, als Hana und ihre jüngere Schwester Rosa noch wohlhabende, hübsche, lebenslustige junge Mädchen mit hochfliegenden Plänen sind und sich in Tschechien durch Adolf Hitler allmählich alles ändert. Der Antisemitismus und dadurch der Druck auf die jüdische Familie steigt enorm, einige erkennen die Gefahr, Hanas Mutter will sie anfänglich nicht wahrhaben.

Als die Mutter sich endlich entschließt, zu emigrieren, hat sich Hana unsterblich in Jaroslaw verliebt, der sie angeblich heiraten will. Aus diesem Grund und in jugendlichem Leichtsinn verbummelt sie den Passantrag für ihre Schwester Rosa, sie will nicht nach England auswandern, sondern ihren Liebsten ehelichen. Dadurch, dass die tschechischen Juden durch die Situation in Deutschland ja schon antizipieren konnten, was passieren wird und sie der Holocaust nicht so wie ein Keulenschlag traf, gibt es da noch eine weitere, besondere Form von Schuld der Opfer, nämlich jene, die Familie ins Unglück gestürzt zu haben, weil man egoistisch und bequem war und nicht wahrhaben wollte, was passieren wird. Dieser Schuld muss sich Hana zusätzlich stellen: alle bis auf ihre Schwester Rosa, die den Holocaust gut überlebt hat, durch ihre Verschleppungstaktik mit dem Pass in den Tod geschickt zu haben.

Die wesentlich größere Schuld trifft aber Hanas Liebsten, einen unsäglichen Feigling und Lügner, der schon zu Beginn, als sich die Zeiten ändern, nichts mehr mit einer Jüdin zu tun haben wollte, ihr aber dennoch Liebe und Unterstützung vorgaukelte und sie bezüglich Heiratsversprechen hinhielt. Heimlich hat er sich schon längst aus der Beziehung verabschiedet, er erfindet Ausflüchte, warum er sie nicht besuchen kann und hat sich hinter ihrem Rücken bereits mit ihrer besten Freundin verlobt, die keine Jüdin ist.

Es ist so rührend und herzzerreißend zu lesen, wie an Hana das Pech und der Fluch klebt, all ihren Liebsten und sogar den wahren Freunden den Tod zu bringen, aber selbst immer wie durch ein Wunder zu überleben. Das ist kein Glück, sondern eine besondere Plage. Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager ist es vor allem diese Schuld, mit der die Tante nicht zurechtkommt und die sie komplett erstarren lässt.

Das war nun noch nicht die gesamte Geschichte, denn die Verwicklungen in der winzigen Kleinstadt, die Beziehungsgeflechte und die schicksalhaften Episoden, gehen noch viel weiter, als es ursprünglich erscheint. Fast könnte man meinen, in diesem Roman wurde dramaturgisch derart unglaubwürdig an der Schicksalsschraube gedreht, um die Geschichte durch Übermaß an Tragödie noch mehr zu dramatisieren. Wenn dann aber offenbar wird, dass dieser Roman auf wahren Gegebenheiten basiert, kann man nur noch feststellen, die wahren Dramen schreibt eben das Leben. Als alles aufgedeckt wird und alle Handlungsstränge zusammenwachsen, nachdem die gesamte Story noch furchtbarer wird, als sie ohnehin durch den Holocaust schon war, überwindet die nun alte Tante Hana in der Gegenwart ihren Fluch und ihr schreckliches Trauma und beschert dem Roman auch noch ein kleines Happy End zusammen mit ihrer Nichte Mira.

Neben der grandiosen persönlichen Familiengeschichte beleuchtet der Roman auch punktgenau das Leben und das Kippen der politischen Stimmung in der beschriebenen tschechischen Kleinstadt. Verdeckter Antisemitismus und offener Judenhass, anständige, mutige Menschen die versuchen, Juden zu retten, Kollaborateure und Kriegsgewinnler, glühende Nazis und Duckmäuser zeichnen einen detaillierten Mikrkosmos der Kriegszeit in Tschechien, der bis in die Gegenwart und den wieder aufkeimenden Antisemitismus zu Zeit des Ostblocks reicht. Sprachlich überzeugt dieser Roman zudem vollends, ein Lob auch an die sehr gute Übersetzung (deren Urheberin der Wieser Verlag immer sehr charmant und wertschätzend gleich unter der Beschreibung der Autorin recht ausführlich mit Biografie erwähnt).

Fazit: Sensationell! Großartig! Dramatisch! Glaubwürdig! Berührend! Wichtig! Ein Roman über den Holocaust und dessen Folgen, den die Welt unbedingt noch gebraucht hat. Für mich ein absoluter Buchstoffhöhepunkt dieses Jahr.

Hana von Alena Mornštajnová ist 2020 im Wieser Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

4 Gedanken zu “Die Schuldgefühle der Überlebenden

  1. @booksandtwins Wenn die Familie natürlich selber betroffen ist, ist das noch eine ganz andere Baustelle, das kann ich mir vorstellen. Einerseits will man alles wissen, andererseits wird man viel schneller wütend und oft fehlt die Distanz. Meine Familiengeschichte hat zwar selbst keine Berührungspunkte mit dem Holocaust aber mit dem Genozid an den Armeniern und den pontischen Griechen. Kaum ein Buch hat mich so mitgenommen wie Edgar Hilsenraths Buch „Das Märchen vom letzten Gedanken“. Edgar Hilsenrath ist ja überhaupt ein Genozidspezialist – er schreibt sowohl über den Holocaust als auch über Aghed. Den solltest Du dann nicht lesen, denn das ist extrem schwer erträglich.

    Drei Bücher aus diesem Bereich kann ich Dir aber, wenn Du möchtest, auch noch empfehlen: David Safier 28 Tage lang https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2017/07/31/welcher-mensch-willst-du-sein/ und Monika Held Der Schrecken verliert sich vor Ort https://www.goodreads.com/review/show/1117175898 und Gerhard Zeilinger Der Gürtel des Walter Fantl https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/10/29/theresienstadt-ausschwitz-gleiwitz-ueberleben-im-holocaust/

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  2. Das mache ich. Ja ich bin da etwas zart besaitet. Meine Familie stammt aus Polen, Krakau…ich habe/hatte viele Zeitzeugen in der Familie. Für mich war das auch immer eine Selbstverständlichkeit, dass ich mich sozusagen viel mit dem Ganzen auseinander gesetzt habe oder durch die Familie aufgeklärt wurde. Deswegen geht es mir manchmal sehr nah. Aber ich bin sehr interessiert es zu lesen uns gebe auf jeden Fall Rückmeldung!

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  3. @booksandtwins ja der Roman ist ergreifend aber nicht gar so fürchterlich grausam im Detail, dass es nicht auszuhalten wäre, die Szenen von Auschwitz und Theresienstadt sind zwar heftig, aber nicht so detailliert beschrieben, dass sie gar nicht auszuhalten wären da kenne ich viel grausamere und detailliertere Stories wie zum Beispiel von Edgar Hilsenrath. Sie bieten eigentlich nur den Hintergrund des gesamten Lebensdramas. Viel interessanter ist das Psychogramm von vielen Einwohnern der Kleinstadt und wie sie sich einzeln in der Nazizeit verhalten. Außerdem ist die Geschichte am Ende sehr postitiv. Also wenn Du schwankst, würde ich Dir raten, probiere den Roman und wenn Du es machst gib mir dann auf jeden Fall Bescheid, wie Du es gefunden hast.

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