Familienscherbenhaufen

Mit diesem für den Deutschen Buchpreis 2020 nominierten Roman konnte ich ehrlich gesagt viel zu wenig anfangen, da ich mit dem stilistischen Aufbau des Plots nicht zurechtgekommen bin. Die Handlung ist fragmentarisch, wie mit dem Häcksler zerhackt. Ganz kurze, im Stakkato auftretende Szenenwechsel, manchmal nur von einer halben Seite, machen die gesamte Geschichte schwer rezipierbar. Eine durchgängige Handlung muss man sich als Leser*in erst mühsam zusammenbasteln. Mir ist dieser dramaturgische Stil viel zu zeitgeistig, er ist offensichtlich derzeit in der hohen literarischen Community grad modern. Ich kann aber durchaus sehr gut verstehen, dass es auch eine große Fangemeinde für den Roman gibt, denn die beschriebene dysfunktionale Familie passt in ihrer nicht verknüpften, voneinander getrennten Art perfekt zum fragmentarischen Schema des Werkes.

Folgendes habe ich mir aus den Bruchstücken dieser zerrütteten Familie zusammengepuzzelt. Die Geschichte handelt vom Heranwachsen und den Problemen eines Buben von der Kindheit über die Pubertät bis zum Erwachsenenwerden, dabei ist über weite Strecken, bis zu den ersten Liebeszenen in der Pubertät, gar nicht ersichtlich, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Der Protagonist ist jung, fett und redet von sich im Plural, da er offensichtlich immer zusammen mit seinem unsichtbaren Freund auftritt. Er kann sehr gut zeichnen, ist gut in der Schule, wird dort gemobbt, hat möglicherweise Neurodermitis oder eine Zwangsstörung, da er sich ständig blutig kratzt. Das wären jetzt ein paar normale Probleme, aber dieses Kind ist so einsam und total alleine, dass es einem das Herz zerreißt.

Die Mutter ist ständig abwesend und nicht ansprechbar, sie ist magersüchtig, depressiv und oft in der Psychiatrie. Durch ihre Krankheit zieht sie die gesamte Aufmerksamkeit der Familie auf sich, niemand bemerkt, dass auch ihre Kinder massive Probleme haben. Der Vater ist sehr gläubig, fast schon ein religiöser Eiferer, fügt sich gottergeben in sein Schicksal, ist liebevoll zu seiner kranken Frau, aber nie eine Stütze für seine Kinder. Die große Schwester ist nie da, sie flüchtet so schnell sie kann und nahezu täglich aus dieser Situation, aber auch mit ihr könnte vermutlich irgendetwas nicht stimmen. Die Oma scheint die einzige halbwegs normale, liebevolle Person in diesem Setting zu sein, aber sie ist schon sehr betagt, lebt bedauerlicherweise recht weit weg und einfach auf dem Land. Hin und wieder, wenn die Mutter wieder einmal in die Anstalt muss, wird der Protagonist zur Oma abgeschoben, was ihm etwas Halt gibt.

So legt sich der einsame, alleingelassene Junge in seinem Geiste einen schuppigen Panzer zu – gleich einem Triceratops. Als die Oma in der Pubertät des Enkels stirbt, hat der Protagonist seine letzte familiäre Bezugsperson verloren. In der Teenagerzeit verliebt er sich in ein Mädchen, spricht aber kein Wort mit seiner Freundin und der Punkerclique, der sie beide sich zugehörig fühlen – so sehr ist er schon in seiner Abschottung gefangen. Als auffliegt, dass er gar nicht stumm ist, so wie er sich immer bei seinen Freunden präsentiert hat, zerbricht auch diese Beziehung.

Nach und nach offenbaren die Fragmente der Handlung auch die Geschichte der kranken Mutter und den Umstand, dass auch sie Opfer ist, denn neben der ziemlich wahrscheinlichen genetischen Veranlagung zu psychischen Störungen hat sie den erhängten Großvater gefunden, der die Gräuel des zweiten Weltkrieges nicht verkraftet hat. Ich hatte plötzlich viel Mitleid mit dieser Frau, die ihre Kinder im Stich lässt. Auch die Schwester landet schlussendlich in der Psychiatrie, denn durch ihre Schwangerschaft wird eine postnatale Depression ausgelöst und im Rahmen derer auch endlich die schon immer vorhandene psychische Störung diagnostiziert und behandelt, die offensichtlich niemand in der Familie bemerkt hat, weil der Fokus aller Aufmerksamkeit immer auf der Krankheit der Mutter lag. Obwohl die Ursache der Probleme nie erwähnt wird, tippe ich mal auf das Asperger Syndrom.

Das Ende ist offen für Interpretationen, gibt für mich aber Anlass zur Hoffnung. Der Protagonist hat trotz seiner katastrophalen familiären Situation seine Kindheit und Jugend überlebt, obwohl er von fast niemandem Hilfe bekam. Trotz der vielen Baustellen und Probleme ist er stark und wird möglicherweise auch die Zukunft meistern.

Fazit: Heftige Story! Fast schon zu viel Drama und Pech für die heutige Zeit, ohne dass die Schule oder Behörden irgendwie auf die Probleme aufmerksam werden und helfen. Stilistisch ein sehr innovativer Roman, für mich konzeptionell zu außergewöhnlich und ein bisschen zu weit weg von meiner Komfortzone, da ich manisch Plot orientiert bin. Diesmal müsst Ihr selbst herausfinden, ob diese Art von Geschichte etwas für Euch ist, ich gebe weder eine Empfehlung noch eine Warnung ab.

Triceratops von Stepahn Roiss ist 2020 im Verlag Kremayr und Scheriau als Hardcover erschienen. Das Buch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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