Poetische Mathematik

Es gibt sie noch, die kleinen feinen Romane, die die Tür zu einem anderen Universum öffnen. Michael Wildenhain nimmt einen in „Die Erfindung der Null“ mit in ein solches Abenteuer. Sprachlich eloquent und fantastisch perfide konstruiert, bringt er sowohl die Poesie und Faszination der Mathematik wie auch den Charakter und die Denkweise seines Protagonisten in diesem großartigen und, trotz überschaubarer Seitenzahl, komplexen Roman heraus. Ausgerechnet Mathematik, die mir ja völlig fremd ist, speziell jene, die ein verkrachter, aber früher hochtalentierter Doktor dieses Fachgebiets beherrscht, wobei eher die Welt der Mathematik und der Zahlen es ist, die sein Denken und daraus folgend auch Fühlen dominiert.

Dr. Gödeler lebt in einem Loch. Einer vermufften, verdreckten Souterrainwohnung im Bohnenviertel im Stuttgarter Talkessel. Er hat es nicht so mit der Hygiene, finanziell geht es ihm gut, er hat einen Job als Nachhilfelehrer an einer Schule. Peu à peu entblättert sich sein Leben und die Umstände seiner Verhaftung durch einen jungen aufstrebenden Staatsanwalt.

„In den Wochen der Verhöre, des Beieinanderseins, entsteht, so der Staatsanwalt, zwischen den beiden Männern eine Atmosphäre eigenartiger Vertrautheit, die über das erwartbare Maß hinausgegangen sei. Trotzdem, darauf wird der Beamte stets beharren, sei ihm Dr. Gödeler seltsam fremd geblieben. Häufig habe er sich gewünscht, dem des Mordes Verdächtigen nie begegnet zu sein.“

Ein wenig sympathischer Mensch ist er, dieser Dr. Gödeler, der zwiespältige Emotionen beim Lesen hervorruft. Von Abscheu bis hin zu Ekel, Faszination, völligem Unverständnis, Mitgefühl und Mitleid. Kommt ihm bei seinen Affairen, Lieben und Beziehungen doch immer wieder seine ursprüngliche alles auslöschende Liebe zur Mathematik in die Quere:

„Wenn ich, Mal um Mal, feststellen muss, dass sie Mathematik für bloßen Hokuspokus hält und im Begriff ist, die Aufklärung an die Magie zu verraten.“

Der Vergangenheit und den Taten des Doktor Gödeler nähert man sich als LeserIn kleinteiligen Bruchstückchen, darf sich alles zusammensetzen und entscheidet selbst, ob es passt. Dabei werden die Stationen seines Lebens anhand der Menschen, weniger der Orte, erhellt. Die Reise mit Susanne, seinem vermuteten Mordopfer, nach dem wunderbaren Städtchen Castellane an die Gorges du Verdon in der Haute Provence war für mich etwas Besonderes, da ich die Gegend kenne und selbst in der Schlucht gewandert bin. Das erhöhte den Spannungsfaktor. Der Roman braucht dies aber mit seinen unerwarteten Wendungen und den seltsamen Gestalten, die Gödeler am Nachhilfeinstitut antrifft, nicht. Dennoch schön, auf die Route Provence -Stuttgart zu treffen. 😉

Die Erzählperspektiven wechseln von Gödeler zum auktorialen Erzähler. Ein Hinweis könnte des Doktors Name sein, der stark an Kurt Gödel  erinnert, dessen Arbeiten zur Vollständigkeit und Beweisbarkeit die Struktur und Form der Ich-Erzählung möglicherweise geprägt haben. Wobei ich mich hier wirklich sehr weit aus dem Fenster lehne, denn Mathematik ist etwas, dessen Faszination ich zwar staunend betrachte, aber niemals verstehen werde. Gödeler hingegen hat diese Wissenschaft durchdrungen, auch wenn es mit seiner Habilitation hapert, und das seit Jahren. Wie es dazu kam, dass er unter diesen unwürdigen Umständen existiert und nicht die angestrebte Rockstarexistenz (Bereich Mathematik) seiner Jugend führt, das erzählt der Autor in einer derart soghaften und teils rauschhaften Sprache und Art, dass man „Die Erfindung der Null“ nicht mehr weglegen möchte. Michael Wildenhain verwendet kein Wort zu viel und es lohnt sich, langsam und akkurat zu lesen, nachhallen zu lassen, auch wenn man unbedingt wissen möchte, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Ich habe auch mehrmals zurückgeblättert,  Seiten erneut gelesen, weil ich anfangs nicht genau verstanden habe, was mir da erzählt wurde, wie gesagt, was Mathe anbelangt,  bin ich blöde, dennoch war dieser genreübergreifende Krimi, Thriller, Familienroman oder Charakterstudie das Beste, was mir seit Langem unter die Augen kam. Ein Lesehighlight 2020. Unbedingt empfehlenswert, für alle, die sich in einem anderen Universum wiederfinden möchten, ohne zu Fantasy oder Science Fiction zu greifen, und die raffinierte Geschichten zu schätzen wissen.

 

Die Erfindung der Null von Michael Wildenhain ist im Juli 2020 bei Klett-Cotta erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

11 Gedanken zu “Poetische Mathematik

  1. Dein wässriger Mund freut mich. Es hat mich, wie unschwer zu erkennen wirklich begeistert. Als Bücherfresserin findet man wenige solche in Stil, Sprache und Konstruktion so überzeugende „Buchschätzchen“ und Wildenhain ist so entspannt spektakulär in dieser Hinsicht, dass es eine Freude war. Würde mich, wenn du es liest über Rückmeldung freuen. Liebe Grüße thurs

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  2. Hallo,

    diese Rezension macht mir richtig den Mund wässrig! Das klingt einfach großartig… Höhere Mathematik geht mir zwar auch über den Horizont, aber Schul-Mathe habe ich einige Jahre als Nachhilfelehrerin unterrichtet und finde Mathematik an sich wirklich spannend und auch unterhaltsam.

    LG,
    Mikka

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  3. manchmal passt es auch einfach nicht, ich denke da an Irving und den einen Autor den du so liebst und ich komm gar nicht damit klar …
    Zuwenig Zeit um Bücher zu lesen, die frau nicht mag

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  4. Ich hab Dir ja schon geschrieben, dass ich nicht so klar komme mit dem Buch, was mich schon ärgert, weil die Sprache halt echt toll ist, aber der Plot, der interessiert mich so gar nicht … naja, ich legs mal weg und vielleicht passt es später besser. LG

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  5. Das Ende, das hat mich auch verblüfft und etas verwirrt hinterlassen. Schön, dass du es auch so mochtest. Du dürftest mit Mathe ja klarkommen 😉

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  6. Ich verstehe die Argumentationsführung nicht, aber wie gesagt, Mathe ist nicht meines… es ist wirklich klasse geschrieben, muss einem aber wohl reinlaufen, eine Buchstoffmitstreiterin hat es daheim liegen, ihr gefällt die Sprache sehr , aber sie kommt nicht rein. Bücher sollten aus Lust darauf gelesen werden, finde das haben sie verdient. Mir hat es ausnehmend gefallen.

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  7. 🙂 Ich weiche Mathe immer ganz gern aus, um die Defizite zu verdrängen, aber das mit der wilden 13 klingt intersssant.

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  8. Ich bin auch eine mathematische Unternull 😉 Zuerst hatte ich bei Deinem Buch an einen anderen Titel gedacht: „Null, unendlich und die wilde 13“ – vielleicht dann auch was für Dich! Hatte beim Durchblättern dort den folgenden thematisch passenden Witz gefunden: >>Ein Professor steht vor einem Hörsaal. Er sieht fünf Studierende den Hörsaal betreten und nach einiger Zeit sechs Studierende herauskommen. Da denkt sich der Prof: „Wenn jetzt noch einer reingeht, ist der Hörsaal wieder leer.“<<
    🙂

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