Die unangepassten Damen

Paris, Ende des 19. Jahrhunderts. Nicht alle, die hochwohlgeboren sind, haben ein so sorgloses Leben, wie man meinen könnte. Nicht alle dieser Gesellschaftsschicht genießen die finanziellen Freiheiten und den Luxus, die hier vorhanden sind. Warum? Weil sie Frauen sind. Unangepasste Frauen. Frauen mit einem eigenen Kopf. Querdenkerinnen, Esoterikerinnen, spirituell angehauchte Damen.

Es lebt sich als intelligente, rebellische Frau nicht einfach in diesen Zeiten. Alles ist im Umbruch, man erschnuppert bereits die Zeitenwende, ahnt, dass Veränderungen kommen werden, doch noch schreiben wir das Jahr 1885 und man muss als Frau genau überlegen, was man sagt und tut.

Eine solche Gratwanderung stellt das Leben der jungen Eugénie dar. Sie ist 19, ihre Eltern sind wohlhabend, ihrem älteren Bruder stehen die Türen offen, sich (weitgehend) frei in der Gesellschaft zu bewegen, seine Meinung kundzutun, sich weiterzubilden, zu diskutieren – kurzum, er hat die Chance, ernstgenommen zu werden. Bei Eugénie endet die Meinungsfreiheit bereits am heimischen Esstisch. Nachdem der Vater gesprochen hat, dürfen auch die anderen am Tische sprechen, doch wehe, Eugénie sagt mal mehr als belanglose Plaudereien! Das junge, clevere Mädchen weiß, dass sie nur beachtet wird von ihrem Vater, wenn sie provoziert – also tut sie dies, wann immer sich ihr die Möglichkeit dazu bietet. Doch sie muss es in einem bestimmten Maße tun, sonst könnte Unheil drohen.

Um nichts in der Welt möchte sie einmal ein Leben wie die Frauen aus der Generation ihrer Mutter führen: dem Herrn des Hauses komplett unterworfen, ohne eigene Ideen, mit der alleinigen Daseinsberechtigung, Kinder auf die Welt zu bringen, und mit der einzigen Abwechslung, sich zu überlegen, was man wohl am nächsten Tag anziehen wird. Das, so viel steht für sie fest, wird nicht das Leben sein, das sie leben möchte! Auch sie möchte Wissen anhäufen, darüber sprechen, sich austauschen können mit Gleichgesinnten. Und sie möchte außerdem gerne herausfinden, was das ist bei ihr ist, diese merkwürdigen Momente, wenn sich all ihre Energie auf etwas kaum Fassbares im Raum konzentriert, ohne ihr Zutun. Sie kann es nicht einordnen – und doch passiert es ihr regelmäßig seit sie klein ist: Ihr erscheinen Menschen, die bereits verstorben sind. Mit ihrem Großvater fing es an und seither hat sie immer wieder diese Visionen. Anfangs teilte sie sich mit, doch an der fassungslosen Reaktion ihres Vaters erkannte sie schnell, dass sie sich in Gefahr begab, wenn sie darüber redete.

Eines Tages jedoch, nach einer aufschlussreichen Lektüre, vertraut sich die junge Frau ihrer Großmutter an, als der Geist des Großvaters ihr mitteilt, dass der seit vielen Jahren als gestohlen geglaubte Anhänger, den er der Großmutter schenkte, als sie jung waren, in der Kommode hinter die Schublade gerutscht und dort eingeklemmt ist. Gemeinsam sehen sie nach – und tatsächlich, sie finden ihn. Schluchzend vor Glück will die Großmutter von Eugénie wissen, wie sie das ahnen konnte – und die junge Frau beginnt zu erzählen – doch die warmherzige alte Frau kann mit diesem furchteinflößenden Geständnis nicht umgehen, reagiert auf die denkbar schlechteste Weise und das Schicksal nimmt seinen unerbittlichen Lauf.

Zeitgleich an einem anderen Ort in Paris: In der Salpêtrière, dem berühmt-berüchtigten Krankenhaus werden nur Frauen eingewiesen und behandelt. Es sind Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, hier kommen sie zusammen: Die reichen, unbequemen, querdenkenden Frauen, die von ihren Ehemänner, Vätern, Brüdern hierher abgeschoben wurden, damit der Familienname nicht durch ihre „Abart“ beschmutzt wird. Die armen, geschundenen Frauen, die nie eine Chance hatten, geschlagen, bedroht, vergewaltigt und/oder zur Prostitution gezwungen wurden und psychische Schäden davongetragen haben. Die, die tatsächlich psychisch labil sind, an Schizophrenie, Verfolgungwahn oder sonstigen geistigen Krankheiten leiden.

Die Salpêtriere in Paris
(Foto: Vaughan/Wikipedia)


Sie alle sind versammelt in dieser „Irrenanstalt“. Für die einen ist die Salpêtrière Zuflucht, Heimat, Schutz – für die anderen ist sie ein Gefängnis, ein Ort, dem sie nicht mehr entkommen werden.

Hier gibt es Geneviève, die strenge, aber dennoch besorgte Krankenschwester, die seit 20 Jahren die rechte Hand des bekannten Pariser Arztes Charcot ist. Er ist eine Autorität und in ihn stecken viele Patientinnen ihre Hoffnungen. Wenn er sie für gesund erklärt, sind sie rehabilitiert. Wenn seine Hypnose wirkt, ist das sensationslüsterne Publikum, das sich bei seinen „Vorführungen“ einfindet, begeistert. Höhepunkt für die Insassen wie für die noble Gesellschaft Paris‘ ist der Ball der Verrückten, der einmal im Jahr zu Mittfasten stattfindet. Die Mädchen erhoffen sich, als das wahrgenommen zu werden, was sie sind: Menschen mit mehr oder minder starken Beeinträchtigungen, fröhliche, traurige, kluge und weniger kluge Frauen, die frei sein wollen. Die noblen Damen und Herren lieben den Event, denn er ist so herrlich ambivalent: irgendwie gruselig, irgendwie frivol, irgendwie verrückt. Man findet die „Verrückten“ merkwürdig anziehend, nicht wenige Männer schielen begierig auf diese hemmungslosen Wesen, die sich scheinbar ganz vergessen können beim Klang der Musik. Auf diesen Event fiebern nun alle hin, Kostüme werden gewählt, Frisurentipps ausgetauscht, der normale Wahnsinn eben. Eine ist ganz besonders aufgeregt, Louise, denn der Medizinstudent Jules will an diesem Tag um ihre Hand anhalten. Sagt er ihr. Glaubt sie. Alle anderen sind skeptisch.

Jean-Martin Charcot bei einer seiner Vorführungen (Gemälde von André Brouillet 1887, Quelle: Wikipedia)


Und nun ist die Neue da: Eugénie. Gleich bei der Ankunft knallt sie mit Geneviève zusammen, der sie ungefragt mitteilt, wie ihre vor vielen Jahren verstorbene heißgeliebte Schwester hieß und wie sie aussah – denn Eugénie kann sie sehen. Geneviève wird dadurch an ihrer verletzlichsten Stelle erwischt und reagiert panikartig. Es dauert eine ganze Weile, bis die beiden nach diesem Kaltstart zueinanderfinden und ruhig miteinander reden können. Doch bei Geneviève wurde etwas ins Rollen gebracht, sie beginnt ihr Leben umzukrempeln, merkwürdige Dinge geschehen mit ihr, nachdem sie beginnt, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Ein ganz schwer zu beschreibendes Buch ist dieses „Die Tanzenden“, dessen U4 und Klappentext mich gar nicht so recht auf die richtige Fährte gelockt hatten. Sie sind nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Leichte Konotationen haben mich anderes erwarten lassen, als ich bekam. Aber ich finde gut, was ich bekommen habe. Es ist ein leicht zu lesender, luftiger Roman, der viel transportiert, einiges aber auch ungeklärt lässt. Manches hätte ich mir deutlicher gewünscht, doch in Summe ist dieses Debüt der Französin Victoria Mas ein großer Wurf.

Sie schreibt über ein äußerst ungewöhnliches Thema, macht Personen zu Hauptfiguren, die sich sonst nur am Rand der Gesellschaft bewegen. Die Geschichte an sich ist nicht erfunden: Die Salpêtrière gibt es und den Arzt Jean-Martin Charcot gab es wirklich, lediglich die hier konkret beschriebenen Insassinnen hat Victoria Mas frei erfunden. Ein Buch, das bezaubert, das man rasch weglesen möchte, weil man begierig ist, zu erfahren, was nun mit den Hauptfiguren Louise, Eugénie und Geneviève wohl passiert, und das einen ein wenig verloren zurücklässt, wenn man aus der Salpêtrière des späten 19. Jahrhunderts wieder auftaucht in unsere Welt 2020.

Die Tanzenden von Victoria Mas ist am 6. Juli 2020 als Hardcover im Piper Verlag erschienen. Weitere Infos zum Titel und Verlag über Klick auf das Buchcover oder den Verlagsnamen.

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