Serienkillerthriller – Jack Reacher und der Schicksalsberg

Jack Reacher, seit 1997 ermöglichte Autor Lee Child dem ungewöhnlichen Ex Militärpolizist jedes Jahr einen Auftritt auf dem deutschen Buchmarkt. Verlässlich handelt es sich dabei um einen Thriller der zumindest Sog entfaltet, im besten Fall werden zusätzlich weitere Puzzlestückchen gestreut, um den Charakter des Protagonisten, seine Reacher spezifische Denke und die Ursachen für sein jetziges Sein zu erhellen. Dieser Hintergrund gibt den Romanen erst das gewisse Extra.


Mit sehr wenigen Ausnahmen hat Lee Child, der Name ist ein Pseudonym, tatsächlich heißt der Autor James Dover Grant, die Vita seiner Hauptperson mit jedem Roman ausgebaut, aktuelle gesellschaftsrelevante Themen damit verquickt und die Actionszenen mittels der Hintergedanken seines 2 Meter Helden aufgepeppt. So erschrieb er sich seine treue Leserschaft, die jedes Jahr auf’s Neue zu einem Reacher -Thriller griff, in der Erwartung, mehr über diesen Menschen zu erfahren. „Der Bluthund“ ist leider eine solche Ausnahme. Plot und Einstieg sind gut wie immer, Reacher findet in einem Pfandhaus zufällig den Ring einer West – Point Absolventin und lenkt sich damit von der Trennung einer Geliebten ab, die ihm nahegeht, aber unvermeidbar war. Wie ein „Bluthund“ geht er den Spuren des Ringes nach, nicht um ihn im Schicksalsberg zu versenken, sondern um eventuell einer Frau mit sehr kleinen, schmalen Händen ihre hart erarbeitete Trophäe zurückzubringen. Wer Reacher aus vorherigen Büchern kennt, weiß, dass das für ihn ausreichende Gründe sind, sich mit unangenehmen Menschen zu kloppen, ungeniert  Schusswaffen zu benutzen und quer durch die USA zu trampen. Newbies könnten bereits hier das Gefühl bekommen, Child hätte zu stark konstruiert.
Reacher Fans, zu denen ich gehöre, schlucken die Kröte widerspruchslos, werden aber mit dem „Bluthund“ auch nicht wirklich glücklich, denn außer einem kurzen Innehalten als ihm beim Trampen ein älterer Trucker mit belesener Frau, dem Jack etwas über die Suche nach der Ringbesitzerin erählt, diese Handlungsgründe küchenpsychologisch versiert als verstecktes Schuldgefühl deklariert, was Reacher aber, wie wiederholt im Roman, locker beiseite schiebt, und der kürzlich erfolgten Trennung von Chang, gibt es keinen wirklich nachvollziehbaren Anlass für den heimatlosen Protagonisten, sich aus purer ex-kollegialer Solidarität den Ärger und die Suche nach der Trägerin des Ringes aufzuhalsen.
Ausflüge in seine Vergangenheit fehlen hier völlig, sprachlich ist die Reihe bisher noch nie zum Highlight aufgestiegen, zumindest hier bleibt sich der Autor treu. Sehr vermisst habe ich die Kombinationsgabe des Jack Reacher, die hier nur selten gezeigt wird, und seine lakonischen Klopper, während er Kampfszenen absolviert. Atmosphärisch wird es im Roman sehr selten. Die gewohnten Klischees behält Autor Child aber konsequent bei.
„Die Biker waren so gespalten wie Baptisten: alle gleich, aber unterschiedlich.“
Die Effektivität, die diese Thrillerreihe ausmacht, es wird kein Wort zuviel verschwendet und die Dialoge sind militärisch kurz, wurde im vorliegenden Band strapaziert. Die in den USA grassierende Opiat-Krise, die große Teile der Gesellschaft besonders der schwindenden Mittelschicht überrollt hat, hätte deutlicher ausgebaut werden können. Ein paar weniger lapidare Beschreibungen zu typischem Suchtverhalten und den Auswirkungen, und nicht nur die Verwendung des Verkaufsschlagers der amerikanischen Pharmaindustrie als handlungsgebendes Mittel, gäben dem Roman deutlich mehr Schärfe und höben das Niveau.
So verabschiede ich mich nun vom Konjunktiv um meinen Leseeindruck als solide, überraschungsfrei und sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig zu beschreiben.

Interessanterweise bin ich auf diesen Artikel gestossen, in welchem Lee Child verkündet, dass er seinen Helden schon länger das Zeitliche segnen lassen wollte, es aber nicht übers Herz gebracht hat, weil er der Ansicht ist, seine Leser verdienten weitere Geschichten um Reacher. Daher reicht er Jack Reacher nun an seinen jüngeren  Bruder Andrew Grant, der ebenfalls Autor ist weiter. Dieser ändert dafür seinen Namen in Child, so dass Childs Held auch unter diesem Namen fortgeführt wird. Seems like a family affair. 😉

Der Bluthund von Lee Child ist im Juli 2020 bei Blanvalet erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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