Ach Ihr lieben Götter!

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Wie bereits bei „Ich bin Circe“ (ebenfalls auf diesem Blog besprochen), dauerte es ein paar Seiten bis ich mental drin war in dem göttlichen Universum, aber dann wollte ich auch für die nächsten 410 Seiten nicht wieder heraus. Madeline Miller legt mit ihrem Erstling, der 2015 den Orange Prize for Fiction erhielt, aber erst 2020 durch den Eisele Verlag auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht wurde, ein prunkvolles Werk vor, das in prachtvollem, blumigem und üppigem Ambiente spielt. Der Stil ist nicht kitschig, sondern überbordend, alles wirkt haptisch. Vogue schreibt darüber „Erfrischend, verführerisch und unwiderstehlich menschlich.“ Diese paar Adjektive treffen es äußerst genau.

Im Zentrum der Erzählung steht Achill, der berühmte Krieger, der tapfer jahrelang mit den Griechen gegen die Trojaner kämpfte, da die schöne Helena, die mit Menelaos (König von Sparta) verheiratet ist, von Paris entführt und nach Troja gebracht wurde. Doch Achill ist nicht allein Mittelpunkt des Romans, allzeit bei ihm ist sein engster Vertrauter von Kindesbeinen an: Patroklos.

Während Achill ein Halbgott ist, da seine Mutter die Meeresgöttin Thetis und sein Vater König Peleus sind, handelt es sich bei Patroklos lediglich um einen gewöhnlichen Prinzen, der zudem von seinem Vater in die Verbannung geschickt wurde, nachdem er als Kind bei einem Würfelspiel einen anderen Knaben tötete. Peleus nahm ihn freundlich auf und Achill wählte unter all den Kindern Patroklos als engsten Vertrauten und Gefährten.

Madeline Miller ist Altphilologin, sie unterrichtete Latein und Griechisch in Cambridge, und sie deutet die Heldensage der Griechen in diesem Fall nicht wie Homer, der zwischen Achill und Patroklos lediglich eine enge Freundschaft sah, sondern wie Aischylos, der als erster vermutete, dass es sich bei dieser Freundschaft um eine homosexuelle Beziehung gehandelt haben könnte. Dies war in der Antike nichts Außergewöhnliches – besonders erscheint eher, dass diese Beziehung in Millers Interpretation so eng und andauernd ist.

Die beiden gehen durch dick und dünn miteinander, sehr zum Leidwesen von Thetis, die den Menschenjungen nicht ausstehen kann, will sie doch, dass ihr Sohn zu Ruhm und Ehre kommt und durch seine Taten unsterblich wird. Der gewöhnliche Knabe kommt ihr vor wie ein Makel auf der blütenreinen Weste ihres Sohnes. Achill ist nämlich nicht nur extrem klug, schnell, sportlich und tapfer, sondern auch über alle Maßen schön. Dass er seine Talente und Gefühle an einen dahergelaufenen Prinzen „vergeudet“, will ihr nicht in den Kopf. Sie versucht die beiden auseinanderzubringen, indem sie ihren Sohn zu Cheiron schickt, einem Zentaur, der Achill unterweist in die Kunst des Kämpfens, des Heilens, der Naturkräuter und vieles mehr. Doch Patroklos kann nicht ohne ihn sein, bricht alleine auf, sucht und findet ihn … und die beiden werden wieder vereint, denn Cheiron nimmt Patroklos auf, auch gegen den Willen von Thetis.

So müssen die beiden viele Hindernisse überwinden, ihre Liebe wird heftigst auf die Probe gestellt – doch dann kommt der Trojanische Krieg und sie merken, dass alles davor nur Lappalien waren. Die wirklichen Probleme beginnen erst jetzt … und obwohl man den Ausgang des Kampfes von Achill bereits kennt, zittert und bangt man das letzte Drittel des Roman mit ihm, wünscht sich einen literarischen Notausgang für ihn und Patroklos, eine kleine künstlerische Abänderung der Heldensage, auf dass alles am Ende ganz kitschig und rosarot gut wird. Doch das Leben in der antiken Götterwelt war sicher vieles, aber nicht romantisch. Und so müssen wir uns in das vorbestimmte Schicksal fügen und können nur zusehen …

Ein grandioses Kopfkino bietet dieses Buch – auch speziell für Menschen, die die alten Sagen eben nicht aus dem Effeff beherrschen, aber interessiert sind und Spaß daran haben, auf unterhaltsame Weise einiges über die klassischen Mythen zu erfahren.

5 von 5 Sternen!

Das Lied des Achill“ von Madeline Miller ist 2020 im Eisele Verlag erschienen. Mehr Informationen zum Titel und Verlag über einen Klick auf das Buchcover oder den Verlagsnamen.

3 Gedanken zu “Ach Ihr lieben Götter!

  1. Hallo, ich hatte „Archill“ neulich in der Hand und konnte mich nicht recht zum Kauf durchringen. Sollte unser Bücherknast das Buch haben, werde ich es mir ausleihen. Deine Reznsion hat mich neugierig gemacht :-). Vielen Dank.

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