Liebesschmonzette, aber gut gemacht

Die grandiose Autorin Amelie Nothomb hat sich dieses Mal einen Märchenstoff vorgenommen, den sie bedauerlicherweise im Romanplot sehr traditionell interpretiert hat. Dies bedeutet: eine gehörige Portion Romantik, zwei Figuren, die vom Schicksal her füreinander bestimmt sind und die nach vielen schweren Prüfungen letztendlich zueinander finden. Die genretypische Liebe-heilt-alles-Attitüde und das von mir so verachtete Märchenprinzstockholmsyndrom werden leider ebenso verarbeitet und auf die Geschichte angewandt.

Die kleine Trémière wächst bei ihrer Großmutter auf und hat ob ihrer außerordentlichen Schönheit, massive Probleme mit anderen Mädchen. Durch permanentes Mobbing der Mitschüler isoliert sie sich von ihrer Umwelt und tritt mit anderen gar nicht mehr in Interaktion. Dadurch wird sie von ihren Klassenkameraden auch fälschlich als dumm bezeichnet. Nach der Schule wird sie ein berühmtes, erfolgreiches Schmuckmodel.

Der extrem hässliche und altkluge Déodat hat irgendwie annähernd ähnliche Probleme wie Trémière, denn er ist wegen seiner Hässlichkeit und Klugheit ständiges Ziel des Spottes seiner Klassenkameraden. Déodat kanalisiert seine Mobbingerfahrungen im einsamen Studium der Vögel, das ihm als Erwachsener auch einen anerkannten Status als berühmter Ornithologe einbringt.

Bei einem Fernsehinterview treffen die beiden zufällig aufeinander und die Liebesgeschichte zwischen der „dummen Schönen“ und dem „intelligenten hässlichen Biest“ schlägt wie ein Blitz ein. Beide heilen an ihren alten Verwundungen und werden das französische Liebespaar der High Society. Und wenn sie nicht gestorben sind … naja den Rest könnt Ihr Euch denken.

Liebhaber*innen von romantischer Literatur werden ihre Freude haben, denn die Figuren sind entgegen traditioneller Märchen und klassischer Romantikliteratur tiefenpsychologisch grandios entwickelt mit all ihren Verletzungen, Ängsten, Traumata, charakterlichen Potenzialen und Hoffnungen. Hinzu kommt auch noch die Nothomb-typische geschliffene Sprache und die sehr klugen, Anleihen und Analogien der Autorin bezüglich der klassischen Liebesliteratur und Filmkunst wie Balzac, Zola, Tolstoi, Cocteau.

Ich bin ja nicht so gestrickt und verachte seit meiner Kindheit solche romantisierenden Märchen inbrünstig, vor allem auch deshalb, weil ich als technikaffines Mädchen, das mit Matador, Fischertechnik und Legotechnik spielen wollte und nicht durfte, unterstützt von eben diesen Stoffen ziemlich brutal in meine mir zugedachte Genderrolle gepresst und auf Linie gebracht werden sollte. Hat nicht funktioniert. 😉

Aber sogar in der mir so verhassten Ausprägung im Plot schafft es Nothomb dennoch, mich hin und wieder zu packen, vor allem wenn sie thematisiert, warum sie ausgerechnet diesmal eine ganz traditionelle Liebesgeschichte mit Happy End schreiben wollte. Notiz an mich: Ich muss unbedingt immer den Titel und den Untertitel von Büchern ernst nehmen. Was habe ich mir dabei gedacht, bei meinem Hass auf das Märchenprinzstockholmsyndrom zu einer Geschichte mit dem Titel Happy End zu greifen.

In Frankreich gehen die meisten Märchen gut aus. Niemand stört es, wenn sie dem kindlichen Gesetz entsprechend ein Happy End haben, das in der Literatur, die diesen Namen verdient, als Geschmacksverwirrung betrachtet wird. […] Nun gibt es aber ein fast absolutes Gesetz, dem die Meisterwerke der Liebesliteratur in 99,99 Prozent der Fälle unterworfen sind: Sie müssen ein böses Ende nehmen, sonst gelten sie als Groschenroman. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass große Schriftsteller den tragischen Ausgang als Akt der Buße gleich mit einbauen, auf dass ihnen das Klischee vergeben werde.

Bei diesem Zitat musste ich herzlich und lauthals lachen, diese kluge Frau hat mich wieder einmal ganz kalt erwischt und vorgeführt, denn genauso eine Kitschverächterin, wie hier beschrieben wurde, bin nämlich ich. Ist mir übrigens schon mehrmals bei ihr passiert, dass ich mich entweder ertappt und in ihren Romanen punktgenau beschrieben am Nasenring durch die Geschichte gezogen fühlte, oder dass sie mich durch ihre konzipierten Figuren in meinem moralischen Grundsätzen erschütterte. Das liebe ich so an Nothombs Werk, es ist so vielfältig, überraschend und jedes Mal anders.

Fazit: Für Leser*innen, die mit Romantik kein Problem haben, eine richtig gut gemachte, kluge Liebesgeschichte mit vielen literarischen Anleihen und tief entwickelten Figuren. Die anderen sollten die Finger davon lassen, denn es gibt ein schmalziges Happy End und schon zu Beginn der Beziehung wird mit diesem abgeblendet.

FIN

Happy End von Amelie Nothomb ist 2020 im Diogenes Verlag als Paperback erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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