Die Tage des Pandas

Bri und daslesendesatzzeichen aka Birgit haben Pandatage unabhängig voneinander gelesen, sich darüber ausgetauscht und was dabei rauskam findet ihr in ihrem ersten gemeinsamen Auftritt hier.
Beworben wird Pandatage mit dem Hinweis auf einen von Nick Hornbys Romanen, dessen Verfilmung ich tatsächlich sehr liebe: „About a boy oder Der Tag der toten Ente“. Inhaltlich haben die beiden Bücher nicht wirklich viel gemein, außer der Tatsache, dass es im Zentrum auch um einen Jungen geht, der Probleme hat. Während der Junge sich bei Hornby davor fürchtet, dass seine alleinerziehende Mutter sich umbringen will, ist Will, der Junge um den es in Pandatage geht, nach dem Unfalltod seiner Mam verstummt. Sein Vater kümmert sich, neben der Verarbeitung der eigenen Trauer, so gut es geht um das Wohlergehen des Jungen, findet aber keinen Zugang zu ihm. Während der Lektüre wird klar: Will Malooley hatte viel mit seiner Mutter gemeinsam, von dem Danny Malooley nicht einen blassen Schimmer hatte …


Birgits Sicht auf die Dinge:

Ich kenne von Bris angesprochenen Büchern nur „About a boy“ und das ist gefühlte hundert Jahre her und ich erinnere mich, dass mir die Verfilmung trotz Hugh Grant nicht so irrsinnig gefallen hat. Oder doch? Hach, alles irgendwie mehrere „Leben“ her.

„Pandatage“ ist herzerwärmend und vernünftiger Lesestoff. Der Plot ist gut durchdacht, die Personen schön skizziert, das Ende ein wenig anders, als ich erwartet hätte (das fand ich gut!) und der Schreibstil flüssig. Trotzdem sprang bei mir lange, lange der Funke nicht über. Zu vorhersehbar, für meinen Geschmack, waren viele der Ereignisse, zu konstruiert manche (durchaus wunderbare) Ideen. Die Idee, den Vater als Nebenjob in ein wenig appetitliches Kostüm zu stecken, das dieser selbst im besten Falle als Panda bezeichnen kann, ist große Klasse. Sie ermöglicht die Begegnung von Vater und Sohn für den Kleinen, der aus Kummer über den Tod der Mutter seinen Mitmenschen gegenüber verstummt ist, ganz vorurteilsfrei und ohne Beschränkungen. Will ahnt nicht, wer sich hinter dieser Maske versteckt, und kann sich durch die Neutralität dieses Wesens öffnen. Dem Vater ermöglicht es, aus seiner Rolle als Beschützer von Will (was er zu seinem Leidwesen nicht besonders gut hinbekommt) heraustreten zu können und in die einer vom Familienunglück unbetroffenen Figur zu schlüpfen. Er kann handeln und urteilen wie ein Außenstehender – das erweitert den Horizont und gibt ihm Freiheiten, die er ohne „Schutzanzug“ nicht hätte.

Bris Sicht der Dinge:
„Pandatage“ – ein Roman, der derzeit auf vielen Kanälen von begeisterten Leser*innen empfohlen wird, fängt den angesprochen Nick Hornby Sound aus „About a boy“ meiner Meinung recht gut ein. Die britische Fähigkeit, schwere Dinge eher leicht zu verpacken und dabei einen bestimmten Ton zu treffen, dabei in den melancholischeren, tieferen Szenen nicht ins Kitschige abzugleiten, hat James Gould-Bourn auf jeden Fall drauf. Immerhin muss man bedenken, dass Pandatage sein erster Roman ist. Und in solchen Fällen bin ich Autor*innen meist von vorneherein ein wenig wohlgesonnener als bei arrivierten Autor*innen. Unvoreingenommen begann ich zu lesen und vielleicht war das Buch einfach auf zur richtigen Zeit auf meinem Leseplan gerutscht. Anders als Birgit hatte ich sofort einen Zugang und bin in die Geschichte eingetaucht. Klar, keine Hochliteratur, aber auch kein Trash. Gute Unterhaltung gepaart mit guten Dialogen. Das ließ mich das Buch von Anfang an nicht aus der Hand legen. Danny, der Bauarbeiter, der durch den Unfall seine große Liebe verloren hat und nun verzweifelt versucht, seinem Sohn nähter zu kommen, war für mich als Figur überraschend, weil er eben kein typischer Bauarbeiter ist. Auch die anderen Figuren zeichnen sich dadurch aus, dass sie vielleicht auf den ersten Blick gewissen Klischeevorstellungen entsprechen, sieht man genauer hin, werden diese an vielen Stellen gebrochen. Das machte für mich die Spannung in der Lektüre aus
.
Birgits Sicht auf die Dinge:

Konstruiert finde ich es deshalb, weil der Autor, der mit diesem Roman sein Erstling vorlegt, es schaffen muss, dass eine Begegnung zwischen den beiden zustande kommt, um sie in Interaktion treten lassen zu können. Und diese Stelle ist mir zu weit hergeholt. Der Vater will ja eigentlich, dass ihn sein Umfeld und vor allem sein Sohn NIEMALS bei dieser, ihm anfangs äußerst unangenehmen, Arbeit als Straßenkünstler sieht. Aber dann kommt es zu dieser Situation, in der Danny, der Vater, in Pandauniform mitansehen muss, wie sein Sohn gemobbt wird und er springt ihm zur Seite, hilft ihm. Wenig später laufen sie sich wieder über den Weg und Will spricht den Panda-Mann an, um sich nochmals für die Hilfe zu bedanken. Und so beginnt die Kommunikation mit dem Panda, die genau anders herum ist, als alle anderen Arten der Kommunikation, die Will sonst betreibt: Hier nämlich redet ER und der Panda schweigt. Der Panda schreibt seine Antworten nur auf.
Ich weiß, dass James-Gould-Bourn keinen anderen Weg hatte, um diesen Plot durchzuziehen, aber mich hat dieser Punkt genervt. Ab da habe ich schneller gelesen und mich nicht mehr so fallengelassen. Auch ich musste an manchen Stellen ein Tränchen verdrücken, aber ich war emotional doch eher auf Abstand, hatte auch das Gefühl, dass das Buch bereits mit Blick auf eine eventuelle spätere Verfilmung formuliert wurde. Keine Ahnung warum, nur so eine Vermutung …

Gould-Bourne schreibt schöne Dialoge, findet lustige Sideplots, zum Teil recht haarige, bei denen man um den sympathischen Danny Angst bekommt, doch sie werden aufgelöst – aber auch hier gilt für mich wieder die böse Kritik „auf zu vorhersehbare Weise“.

Bris Sicht der Dinge:
Vorhersehbarkeit – der Kritikpunkt von Birgit – ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Auch mir war einiges ein wenig zu vorhersehbar oder wie ich manchmal sogar das Gefühl hatte, sprunghaft. Der Weg zu manchen Situationen hin war zwar gut ausgearbeitet und eben auch vorgezeichnet, man weiß, was passieren muss, dass das Pandakostüm, das übrigens auch nur Will als solches erkennt, der Schlüssel sein wird, um die Vater-Sohn-Beziehung zu ermöglichen, aber wie das passiert, war mir etwas zu eindimensional. Natürlich ist dann auch vorprogrammiert, dass Will irgendwann entdecken wird, was oder wer hinter dem Pandakostüm steckt.
Was mir aber wirklich gut gefallen hat, waren die Dialoge, die durch den Kniff, Dannys Ex-Arbeitskollegen so manches Mal mit den Fallstricken der englischen Sprache kämpfen zu lassen, auch Sprachwitz enthielten. Besonders gut fand ich die Figur der „Stangentänzerin“ – korrekt übersetzt ist das schon, aber doch sehr gewöhnungsbedürftig – Krystal. Eine junge, selbstbewusste Frau, die sich ihres Jobs nicht schämt. Manche Leser*in hat sich darüber mokiert, dass Krystals Ausdrucksweise zu derb sei, doch das ist schon ein wenig sehr verklemmt. Krystal fand ich richtig knorke und erfrischend.
Birgits Sicht auf die Dinge:

Dennoch, auch wenn es mich nicht überzeugt hat, „Pandatage“ ist kein schlechtes Buch, keines, wofür ein Autor sich schämen müsste. Ich wäre froh, überhaupt ein solches Werk zu verfassen 😉 Wer also ein nettes Wochenende mit einem netten Buch verbringen möchte, dem sei dies hier ans Herz gelegt.

Möchte jemand ein britisches Buch mit dem – auch hier aufblitzenden – britischen Humor lesen, das einen komplett überzeugt, hineinzieht in die Geschichte, zum Lachen und Weinen, zum Nachdenken und Schmunzeln bringt, dem sei indes das auch hier auf dem Blog besprochene Buch mit dem bescheuerten Titel „Der Klang unserer Herzen“ empfohlen. Was diesem Buch fehlte, war ein guter Titel, ein gutes Cover und ein ähnlich gutes Marketing wie „Pandatage“ es bekommen hat. Dann nämlich wäre „Der Klang unserer Herzen“ in aller Munde.

Bris Sicht der Dinge:

Für mich, wie auch für Birgit, ein Buch, mit dem man wirklich Spaß haben kann. Manche Szenen empfand ich persönlich als besonders schillernd, sprachlich sogar brilliant ausgearbeitet. Meist waren das Szenen, in denen es um den Verlust von Wills Mutter und Dannys Frau ging, beziehungsweise Rückblenden auf sie und ihr Wesen. Und weil es nicht wirklich leicht ist, Geschichten, die von Melancholie, Verlust und Trauer auch mit einem lachenden Auge zu erzählen und dabei nicht kitschig zu werden, mag ich „Pandatage“ sehr. Auch wenn es kleinere Schwächen hat, die man einem Debütroman meiner Meinung nach doch verzeihen kann. Ich bin gespannt, ob und was wir von James Gould-Bourn in Zukunft noch zu hören beziehungsweise zu lesen bekommen

„Pandatage“ ist im Mai 2020 als HC bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für mehr Infos zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder auf der Verlagsseite.

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