Von Hasen und Wölfen

Das Gegenteil von Hasen von Anne FreytagKennt Ihr das, wenn Ihr interessiert in ein Buch reinblättert, Euch festlest auf den ersten Seiten und … plötzlich kribbelt es ganz aufgeregt in Eurem Bauch? Das passiert bei mir ab und an und dann weiß ich – ich hab ein wahnsinnig gutes Buch vor mir liegen. Genau so erging es mir bei meinem heutigen Rezensionsobjekt.

Ich liebe diese kleinen Zufälle, durch die man ein Buch entdeckt, das einem sonst durch die Lappen gegangen wäre: Ich war in der Buchhandlung und da lag dieses Buch an ganz falscher Stelle. Ein Kunde hatte es wohl in der engeren Auswahl gehabt und weggelegt. Und da lag es nun und der kleine Hase sah mich vorwurfsvoll an. Was für ein Cover!, dachte ich. Genial. Erst auf den was-weiß-ich-wie-vielten Blick sah ich, dass der Schatten des Hases gar nicht seiner, sondern der eines Wolfs ist … Was soll ich sagen? Es gibt schon Künstler im Bereich der Covergestaltung und hier waren welche am Werk! Danke an Das Favoritbüro, München für eine grandiose Umschlaggestaltung und Martina Frank für das Erfinden des wohl wunderschönsten Hasen seit … ja, seit wann eigentlich?

Doch worum geht es? Julia Nolde ist Schülerin der Oberstufe an einem Münchner Gymnasium und gehört zu der In-Clique schlechthin. Ihre engsten Vertrauten sind das Zwillingspaar Marlene und Leonard – sie ist ihre beste Freundin, er ihr Freund. Wer zu diesem illustren Grüppchen gehört, hat es geschafft. Richtig beliebt sind sie gar nicht, die drei, eher gefürchtet. Sie haben Macht: Wenn sie über jemanden lachen, lachen alle mit – aus Angst, sonst womöglich selbst zur Zielscheibe der üblen Nachrede zu werden. Was sie cool finden, wird zum schulinternen Trend.  Nicht wenige wären gerne Teil der Clique, doch wie sollte man das als Normalsterblicher schaffen?

Aber dann passiert etwas, was das feste Gefüge auseinanderfallen lässt: Julia vergisst ihr Laptop in einer unauffälligen Jutetasche im Bus (oder war es etwa ganz anders?) und nach und nach werden von einem Unbekannten auf WordPress all ihre geheimen Gedanken, die sie dort zwar abspeicherte, aber nicht veröffentlichten wollte, online sichtbar. Zugegeben ein etwas blöder Ort, um ein geheimes Tagebuch zu schreiben, das nie jemand zu Gesicht bekommen soll, denn wir WordPress-Benutzer wissen ja alle, dass es nur einen Knopfdruck braucht, um den getippten Inhalt der Menschheit im Netz zugänglich zu machen. Aber so sind wir Menschen eben, wir denken nicht alles von A-Z durch.

Und was da so häppchenweise online geht, sind nicht irgendwelche Gedanken, es sind messerscharfe Beobachtungen. Kommentare zu ihrem engeren und auch weiteren Bekanntenkreis, gnadenlose Charakterstudien, bitterböse Analysen. Auch ihr Freund und ihre beste Freundin kommen nicht gut weg.

Doch als Erster bekommt Edgar sein Fett ab. Ein unauffälliger Junge, der keinem etwas zuleide getan hat. Julia macht ihn auch nicht unfair fertig, nein, sie beschreibt lediglich ungefiltert alles, was ihr zu ihm durch den Kopf geht – und das sind neben verletztenden Äußerungen durchaus auch nette. Sie mag ihn nämlich, sitzt, seit sie umgezogen ist und Bus fahren muss, um zur Schule zu kommen, jeden Tag neben ihm und unterhält sich mit ihm. Und sie genießt jede Minute, denn er ist ehrlich, freundlich, witzig, authentisch. Doch kaum steigen sie aus dem Bus, spielen sie ihre Rollen. Jeder weiß, wo sein Platz ist. Sie ignoriert ihn, denn er ist ihr in seiner Uncoolness peinlich, sie weiß, dass er ihrem Ruf schadet, er versucht nicht mal, mit ihr zu reden, denn er weiß ja, dass sich das für ihn nicht gehört. Treffend beschreibt Julia diese skurrile Situation, wenn sie erklärt: Es ist, als würden wir zu unterschiedlichen Kasten gehören.

Interessant ist, dass dabei klar wird, wie sehr sich diese In-Clique selbst einschränkt: Wer ist „cool“ genug, dass ich mit ihm gesehen werden darf? Wer ist „peinlich“ und schadet meinem Renommée? Wer könnte mir, auf welche Art auch immer, gefährlich werden, wer mir nützen? Es muss ein anstrengendes Leben sein, dort oben an der Spitze der schulischen Gesellschaft. Fast bekommt man Mitleid, denn die „Uncoolen“ sind, bei genauem Hinsehen, die Freieren. Sie müssen nur eine Regel einhalten: Den Coolen nicht in die Quere zu kommen. Ansonsten können sie sich in ihrer „uncoolen“ Parallelwelt bewegen, wie sie wollen. Frei nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert.“

Erstaunlich ist, wie Anne Freytag ihren Roman aufbaut – das erinnert stark an die genialen Plots, die Jodi Picoult entwirft und die in all ihren Büchern  psychologische „Aufräumarbeit“ betreibt. Der Knall kommt gleich zu Beginn, dann wird psychologisch aufgerollt, wie sich alles so entwickeln konnte, dass es zu dieser Situation kam. Wie Picoult schafft es auch Freytag, die Vorfälle von allen Seiten zu beleuchten. Alle Personen kommen zu Wort, alle dürfen ihren Beitrag zum Vorgefallen bringen und so entsteht eine Innenansicht der Personen und der Dinge. Ein Psychogramm der besonderen Art. Ganz feinsinnig entrollt die Autorin die Hintergründe, Lebensumstände und Familienkonstellationen, in denen die Personen gefangen sind. Gutes wie Schlechtes wird erzählt. Und so wird beim Leser Empathie geweckt für alle Figuren. Es gibt kein Gut und kein Böse, es gibt nur Wege, die unklug waren und trotzdem eingeschlagen wurden. Situationen, in denen Menschen sich falsch verhalten haben, aber aus irgendwelchen Gründen nicht anders konnten. Verhaltensmuster, die verletzend waren und für die sie sich mittlerweile schämen.

Die „Bombe“ platzt, als Julias Einträge viral gehen, von der Unantastbaren wird sie selbst zur Außenseiterin, vom Star zur Aussätzigen. Doch der freie Fall birgt ungeahnte Möglichkeiten, denn tatsächlich haben alle Dinge zwei Seiten und die gute Seite an der grauenvollen Situation, die angefüllt ist von Pein, Scham, Schmerz und Trauer, ist, dass Julia nun nicht mehr tiefer fallen kann. Sie ist am Boden und kann sich ihr Leben neu gestalten. Die Chance in der Krise.

Fast alle Personen, die in Erscheinung treten, durchlaufen diese Katharsis. Sie leiden, sie wachsen, sie werden eine andere, meist bessere, Persönlichkeit. Und am Ende erfährt man sogar, wer das Tagebuch online stellte …

Ein großartiges Buch über das Erwachsenwerden, über den Umgang der Menschen miteinander über Mobbing und die Erkenntnis, dass man sich nicht selbst beschränken sollte bei der Wahl seiner Freunde.

Ein absolutes Lesehighlight 2020!

Das Gegenteil von Hasen von Anne Freytag ist am 25. Mai 2020 im Verlag heynefliegt erschienen. Weitere Infos zum Titel und Verlag über Klick auf das Buchcover oder den Verlagsnamen.

 

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