Reisen durch Leben und Zeiten

In der TAZ  gab es eine hervorragende, großartige, weil neugierig machende und hohe Erwartungen schürende Besprechung zu Regina Porters Debüt Roman „Die Reisenden“. So wanderte dieses Buch – das ich, des Covers wegen, eher unter Kitschroman, Lovestory geframed hätte –  in meine Wishlist und, weil die Rezension so vielversprechend klang, bald auch in mein Haus. Fabulierlust, Erzählkunst, übergreifende Handlungsstränge, intensives Eintauchen in das Personal habe ich mir davon versprochen, und Frau Porter konnte all das einhalten und setzte sogar noch etliches drauf.


Manche AutorInnen umgarnen einen mit dem ersten Satz. Bei „Die Reisenden“ gefiel mir bereits das bebilderte, künstlerisch anmutende Personenregister, das sich beim Aufklappen des Vorsatzes (im Einband) verlockend darbot. Gewidmet ist der Roman Porters Eltern und den „Alltagsgeschichtenerzählern“, die im Hause Porter zu Besuch waren. Geschichten aus dem alltäglichen Leben von Menschen zu schreiben, die Sog ausüben, nachsinnen lassen und den LeserInnen diese Welt und Zeit so nahebringen, ist eine hohe Kunst, die Porter beherrscht. Dabei rückt sie ihren Figuren nie zu nahe, beschreibt distanziert, doch mit humorvoller Wärme, wertfrei.

2010 ist das magische Jahr, in dem all diese verschlungenen, miteinander verschmelzenden Geschichten über die Familien Vincent, Applewood und Delaney enden. Auf den 371 Seiten davor lässt die Autorin die LeserInnen quer durch die Zeit springen, mal kommt man dieser Familie näher, mal einem Sproß, oder gar dem oder der Begründerin einer anderen. Diese wunderbare, kurzweilige Hopserei durch die Familien, ihr Leben und Erleben und durch relevante Teile der amerikanischen Geschichte hat natürlich ihren Preis: Alle diese Menschen, die kleinen Einblicke in ihr Leben, sind kurze Abrisse, die ein wenig Tiefe ausloten, um dann mit jedem neuen Kapitel zu einem anderen Leben, in eine andere Zeit zu wechseln. Das daraus entstehende Gesamtbild ergibt sich erst am Schluss. Auf diese Art werden die Bilder zu den ProtagonistInnen mit der Zeit und den Zeiten, immer komplexer, je länger man liest und genießt. Dabei hält, wie sich nicht erst am Ende zeigt, die Autorin die vielen losen Fäden locker und stringent in der Hand, LeserInnen sind gezwungen, innezuhalten und nachzublättern, wie die Verwandtschaftsverhältnisse sind und wer da gerade im Licht der Aufmerksamkeit steht. Das fordert, fördert aber auch die Leselust und das Vergnügen an dieser unkonventionellen Erzählweise. Wer das nicht mag, wird womöglich nicht glücklich werden mit diesem Roman, dessen einfache, klare Sprache in kleinen beiläufigen Sätzen ein immer deutlicheres Bild der vielen Protagonisten, dem alltäglichen Rassismus, Sexismus, ihren kleinen Glücks- und großen Unglücksmomenten, von denen Porter so leichtfüßig berichtet, zeichnet. Die LeserInnen werden zu Sammler – und ForscherInnen, die diese Info-Schnipsel zu einem Gesamtbild zusammengefügen. 

„Liebe – ich habe meinen Mann wegen der Liebe zu seiner Mutter geheirate, auch wenn ich für mein meinen Teil Rufus inzwischen deutlich seltener liebe. Ich könnte ihn wirklich öfter lieben.“


Es sind kleine Highlights, die in diesen prägnanten Sätzen aufblitzen, menschliche Wahrheiten, die dennoch nichts von Kalenderweisheiten ausstrahlen, sondern Zuordnung, Einordnung, Einblick und Verständnis ermöglichen.


„Gideon lächelte Hank an. Sein Lächeln sprach die internationale Sprache der Gehässigkeit. Irgendwann beansprucht die Gehässigkeit jeden für sich.“

Porter gelingt das Kunststück, in einem Roman Themen, die für mehrere gereicht hätten, mit charmanter Leichtigkeit so süffig zu erzählen, dass sich diese Familiengeschichte wie die außergewöhnlichste Alltagsstory anfühlt und zu einem nie endenden, Abenteuer wird. Dem Abenteuer Leben, Lieben und mit dem ganzen Mist fertig zu werden, der in der Schlange beim Schalter Problemlösung ansteht. Noch dazu flicht sie immer wieder Tom Stoppards herrliches Theaterstück von Rosenkranz & Güldenstern  (für „Cumberbitches“ hier die Version mit dem wunderbaren Benedict Strange 😉) in die Familiengeschichten ein. Dafür, für den erfrischenden Stil, die unterschiedlichen Erlebniswelten der ProtagonistInnen, die ein stimmiges Gesamtbild durch Diversität ergeben und für das pralle Leben, das darin subtil gefeiert wird, schätze ich dieses Buch außerordentlich.  Ein großartiges Debüt, an dem ich nichts, nada, niente zu kritteln habe, außer dass es nun fertiggelesen ist.
Ein Roman-Highlight für 2020, das endlich wieder einmal 28 Dodos samt Dodo-Award verdient hat. Great Job, Mrs. Porter!

Die Reisenden von Regina Porter ist 2020 als Hardcover bei S. Fischer erschienen. Weitere Informationen sind auf der Verlagsseite zu finden.

6 Gedanken zu “Reisen durch Leben und Zeiten

  1. Pingback: Krankenhaus ohne Corona | Feiner reiner Buchstoff

  2. Ich finde, du hast es gut eingefangen. Ich hab nicht mehr alles präsent aus dem Buch, aber du machst auf jeden Fall Lust auf die Lektüre!

    Gefällt 2 Personen

  3. Findest du ich konnte es einfangen? Ich habe an dieser Besprechung lange gelitten, weil nach der TAZ Besprechung, die ich blöderweise ja davor kannte und die ich großartig finde, es wirklich schwierig war die eigenen, lange nicht so gut ausformulierten Gedanken hier zu posten.

    Gefällt 2 Personen

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