Kostbare Tage

Holt/Colorado, eine fiktive Kleinstadt, bevölkert mit Menschen, die echter nicht sein könnten, wären sie real. Kaum einer von ihnen führt ein leichtes Leben. Die Gegend ist geprägt von sehr heißen Sommern und schneereichen Wintern. Umgeben von Gebirgszügen liegt der tiefste Punkt Colorados auf 1021 Metern über dem Meer. Landschaft prägt Menschen – und so besitzen die meisten Einwohner Holts eine harte Schale, unter der nicht bei allen ein weicher Kern steckt. Und obwohl sich das alles eher unwirtlich und wenig einladend anhört, besuche ich Holt gerne und regelmäßig auf meinen literarischen Reisen, fühle mich dort wohl und brauche keinen Glamour oder Nervenkitzel, mir genügt der schnöde Alltag dort vollauf. Schuld daran ist Kent Harufs großes Können, seine Geschichten unaufgeregt, klar, ruhig und dennoch wahnsinnig fesselnd zu gestalten. Schlägt man eines seiner Bücher auf, so öffnet sich sofort die Tür in das Leben eines oder mehrerer Menschen bereits im ersten Satz – direkt, unverstellt und ehrlich.

„Als die Ergebnisse aus dem Labor kamen, führte die Krankenschwester sie beide ins Untersuchungszimmer. Der Arzt, der eintrat, sah sie nur an und bat sie, Platz zu nehmen. An seinem Gesichtsausdruck war abzulesen, wie die Dinge standen.“

Und die Dinge stehen nicht gut für den Mann, den in Holt alle nur unter dem Namen Dad Lewis kennen. Er wird sterben und zwar bald. Es wird sein letzter Sommer in Holt sein, kostbare Tage für seine Frau Mary, die ihn mit der Unterstützung ihrer beider Tochter Lorraine pflegt und auf diesem letzten Weg begleitet. Was früher auch bei uns üblich war, dass Menschen ihre letzten Monate, Wochen und Tage zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung verbrachten, das ist für die Familie Lewis zwar keine Selbstverständlichkeit, aber ein selbstverständlich erwiesener Liebesdienst. Einfach ist das nicht, aber Dad Lewis ist genügsam, ein pflegeleichter Kranker, möchte man fast meinen, und die Liebe, die zwischen seiner Frau Mary und ihm immer da war und auch zum Ende seines Lebens noch ist, lässt nichts anderes zu. Und obwohl sich Kent Haruf in Kostbare Tage mit Dad Lewis als Hauptprotagonisten scheinbar das Sterben und den Tod als zentrales Thema erkoren hat, steht doch immer etwas anderes im Mittelpunkt: die Liebe.

Mary pflegt ihren Mann nicht nur aus Pflichtbewusstsein oder weil man das eben so macht, sondern weil sie ihn liebt. Ihre Tochter Lorraine unterstützt die Mutter dabei, weil sie ihre Eltern trotz verschiedener Lebensweisen und Auffassungen ebenfalls liebt. Allerdings hat sie bereits einen schweren Verlust hinnehmen müssen und ist nun sehr vorsichtig, was andere Menschen angeht. Die Verlustangst, die sie quält, ist groß. Frank, der Sohn des Ehepaars Lewis, ist schon vor Jahren aus Holt weggezogen, eben weil er anders liebt als üblich, und schon in jungen Jahren dafür nicht selten Prügel einstecken musste. Was in einer Großstadt kein Problem wäre, fällt in Holt doppelt auf. Man verhält sich hier eben nach gewissen Regeln. Sicherlich laufen viele Dinge sehr konservativ ab, aber es gibt durchaus Möglichkeiten, sich auch anders zu verhalten, wie Haruf in Lied der Weite zum Beispiel eindrücklich zeigt.

Neben der Familie Lewis hat noch eine andere Familie zu kämpfen, die erst kürzlich von Denver nach Holt gezogen ist. Rob Lyle, der neue Pfarrer der Gemeinde, versucht mit Frau und Sohn hier Fuß zu fassen. Lyle ist davon überzeugt, dass die einzige christliche Antwort auf alles die Liebe sei, was seiner Gemeinde so gar nicht passt. Wie bereits in Denver legt er die Bergpredigt für die Gemeindemitglieder Holts zu „wörtlich“ aus – Haruf zeigt in diesem Konflikt einen Zug moderner Gesellschaften, der sich derzeit scheinbar verstärkt: Konflikte werden aus Überforderung häufig nicht kühlen Kopfes gelöst, sondern emotional befeuert.

„Sie sind ein verfluchter Terroristenfreund. Er erhob sich in der Mitte der Kirchenbank und hielt sich an der Rückenlehne vor ihm fest. Ein großer schwerer Mann. Wir hätten Sie niemals hierher kommen lassen dürfen. Sie sind ein Feind unseres Landes.“

„Kostbare Tage“ ist der fünfte von sechs Romanen, die Kent Haruf geschrieben hat. Vier davon sind nun im Diogenes Verlag erschienen, wobei seine beiden ersten Romane derzeit noch fehlen. Jeder dieser vier Romane ist eine wahre Trouvaille und kann, obwohl sie alle in Holt angesiedelt werden, einzeln und für sich gelesen werden. Dennoch macht es natürlich Spaß, Verbindungen über bestimmte Personen zwischen den Romanen zu entdecken. Und während ich die drei ersten Romane mit wachsender Ratlosigkeit, was das Geheimnis hinter dieser scheinbaren Einfachheit, die in Sprache und Stil zum Tragen kommt, und gleichzeitiger Bewunderung dafür, Geschichten so ruhig erzählen zu können, ohne beliebig oder langweilig zu werden, gelesen habe, glaube ich, das Geheimnis nun entschlüsselt zu haben. Es ist die Direktheit, mit der Haruf uns Leser*innen in die Geschehnisse hineinwirft. Ohne Zögern stößt er die Tür auf, lädt uns ein, Menschen zu begleiten, über deren Geschichte er uns zwar im Verlauf des Romans mehr erzählt, die er uns aber zunächst ohne große Worte vorstellt. Er beobachtet gut, wertet nie und lässt uns genügend Spielraum, für eigene Gedanken. Die große Kunst des „show, don’t tell“, also des „Zeigens und nicht Aussprechens“, beherrscht er perfekt und die Figuren, die er schafft, kommen einem unglaublich nah.

Obwohl hier nun viel die Rede von Dad Lewis und Rob Lyle als zentrale Figuren des Romans war, handelt dieser Roman auch ganz stark von weiblicher Solidarität. Eine der schönsten Szenen ist das gemeinsame Bad von Mary und Lorraine Lewis und ihrer Nachbarin Bertha May und deren Enkelin Alice, die nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrer Oma lebt. Es ist heiß, der Rindertrog auf dem Bauernhof mit kühlem Wasser gefüllt und die vier Frauen baden gemeinsam und nackt. Mutig und unerschrocken und ohne Scham.

„Ihre Gesichter und Körper glänzten. Später stiegen sie alle raus, trockneten sich ab, zogen sich an, nahmen die Gartenstühle und die leere Weinflasche und gingen durch den Pferch und über den heißen Feldweg zum Haus zurück.“

Wie bei allen Haruf-Romanen bleibt einem aber auch hier nicht erspart, unangenehme Situationen durchstehen zu müssen. Wer schon einmal einen Menschen auf seinem letzten Weg begleitet hat, der wird die Schilderungen der letzten Tage und Stunden von Dad Lewis als sehr realistisch dargestellt empfinden. Das kann man nicht in der Öffentlichkeit lesen, wenn man so gestrickt ist, wie ich es bin. Dennoch oder gerade deshalb ist „Kostbare Tage“ für mich, wie schon die anderen drei Haruf-Romane zuvor, ein Meisterwerk und wahres Lesevergnügen. Dank des Diogenes Verlags kommt das deutschsprachige Lesepublikum nun endlich auch in den Genuss, diesen grandiosen Autor entdecken zu können.

Kostbare Tage von Kent Haruf ist am 27. Mai 2020 als Hardcover im Diogenes Verlag erschienen. Für mehr Informatiion zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebidlete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

5 Gedanken zu “Kostbare Tage

  1. Es ist unglaublich realistisch – ich habe meine Mam vor jetzt auch schon zehn Jahren die letzten zwei Wochen begleitet und lag ähnlich, wie Mary neben ihr … die letzten Stunden. Haruf hat dieses Gehen schon mehrfach miterlebt, da bin ich mir sicher. Aber schon in Szenen vorher, musste ich sehr sehr schlucken …

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