Wann hören wir auf uns etwas vorzumachen und packen es an die Welt so zu verändern, dass sie allen Lebewesen erhalten bleibt

Frisch aus der Stadtbibliothek geholt und beim „Spätstück“ in einem Rutsch gelesen. Ich benötigte professionelle Hilfe, das schmale Bändchen, das enorme Sprengkraft auf das Denken hat, zu finden. Wer Franzen kennt, scannt zuerst die Wälzer.

Franzen befreit unser Denken vom unmöglichen Spagat, trotz allem was dagegen spricht, daran zu glauben, dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist. Dabei spürt doch jeder denkende Mensch, wie Theorie und Praxis auseinanderdriften. Stattdessen konkretisiert er Handlungsszenarien, die erreichbar sind und jene, die die Menschheit jetzt unternehmen muss, um der kommenden Katastrophe gerüstet entgegenzugehen.
Sein Essay zum Klimanotstand ist ein ehrlicher Befreiungsschlag. Endlich jemand der ausspricht was viele denken oder unbewusst fühlen, und dabei imstande ist kluge Hoffnung auf gezielten Aktivismus zu verbreiten. Der Klimawandel ist nicht zu stoppen, das belegt Franzen alleine durch diesen Satz:

„Als Nichtwissenschaftler führe ich meine eigenen Modellversuche durch. Ich speise diverse Zukunftsszenarien in mein Gehirn ein, bedenke dabei die Grenzen der menschlichen Psyche und der politischen Wirklichkeit, berücksichtige den unaufhörlichen Anstieg des globalen Energiekonsums (bisher werden die durch erneuerbare Energien entstanden CO2 Einsparungen durch die Verbrauchernachfrage mehr als aufgehoben) und zähle die Szenarien, in welchen sich die Katastrophe durch kollektives Handeln abwenden lässt.“

Laut Wissenschaft ist der Klimawandel theoretisch noch zu stoppen. Eben, in der Theorie, wenn wir es in den nächsten Jahren schaffen, alle Emissionen auf Null runterzufahren. Ein Energetisches Perpetuum Mobile wäre da hilfreich. Ein Wunder also, mein Wunderglaube hält sich in engen Grenzen. Wobei…

Natürlich müssen wir trotzdem alles versuchen die Erderwärmung abzumildern. Das Artensterben aufhalten, Demokratien stärken mit allem was dazugehört. Fake News Bekämpfung, Vorgehen gegen Hass und Hetze, aufrechter Journalismus, Gerechtigkeit zwischen den Rassen, Umgang mit Klimaflüchtlingen, Geschlechtern und Einkommensschichten zu erreichen. Es gibt genug Ziele. Eines davon sollte für jeden sein sich, so objektiv wie möglich, mit Franzens Essay auseinanderzusetzen. Für mich war es befreiend und erleichternd, festzustellen, dass unerreichbare Ziele in erreichbare, greifbare umgewandelt werden oder  glaubt wirklich jemand, dass wir im Hauruckverfahren die Weltwirtschaft, die Politiker, die Energiewirtschaft, die Nahrungsmittelproduktion und den Individualverkehr umstellen? Lest Franzens Essay und ich bin gespannt, wie ihr darüber denkt.

 

„Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? – Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können“ von Jonathan Franzen ist im Februar 2020 als Hardcover im Kleinformat bei Rowohlt erschienen. Weitere Informationen durch Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

8 Gedanken zu “Wann hören wir auf uns etwas vorzumachen und packen es an die Welt so zu verändern, dass sie allen Lebewesen erhalten bleibt

  1. Oh ja, der versuch klimaschonend und umweltverträglich zu leben scheitert oft an den Anforderungen des Lebens. Und vieles was politisch ad hoc umgesetzt wird ist letztlich sinnfrei und unzweckmässig.

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  2. Fortsetzung

    … dass es gerade auch im Bereich Umwelt und Klima selbst bei bestem Willen oft auch Widersprüche gibt, die es möglichst konstruktiv zu leben gilt.
    Gute Wünsche und Grüße

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  3. gerne geschehen, war mir ein Anliegen. Franzen geht im Essay nur kurz auf die ganzen Initiativen ein, er hat mehrere Artikel in den USA zum Thema veröffentlicht und sieht wenig Chancen die (immer noch zu unambitionierten ) Klimaziele von Paris durchzusetzen, mit Trump, der alles streicht was die Industrie Geld kostet und die Erderwärmung leugnet sowieso nicht. Im Vorwort erzählt er, wie heftig er rteils von Klimaschützern angegangen wurde, er hat many shitstorms mit seinen Artikeln provoziert und ihm wird vorgweorfen sich nur für seine Vögel zu interessieren (er ist begeisterter Vogelbeobachter und der Schutz der Umwelt für die Tiere liegt ihm deutlich am Herzen, wie auch der Kampf gegen das Artensterben. Hier engagiert er sich auch. Dennoch sind viele Klimaschützer sauer auf ihn, weil sie befürchten, dass sich gar nichts mehr tut, wenn wir eingestehen, dass die Ziele nicht zu halten sind und die Erwärmung nicht zu stoppen ist. Darauf geht er im Essay nicht ein, sondern legt seine Sichtweise dar. Ich kann das schmale Bändchen nur empfhelen, ebenfalls seinen Vorgänger https://www.ndr.de/kultur/buch/Jonathan-Franzen-Das-Ende-vom-Ende-der-Welt-,endederwelt104.html
    den ich gelesen habe und für gut befand. Es ist eine Art Biographie in Essayform.

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  4. Danke Thursdaynext
    für den engagierten Hinweis auf einen Text, den ich mir holen könnte und anschauen mag.
    Was das Klima-Thema betrifft, gibt es ja unter anderem das Pariser Klimaschutz-Abkommen, welches der aktuelle Präsident für die USA nicht annehmen mochte. Wir lesen oder hören, dass dies vielen US-Bundesstaaten, Kommunen, Körperschaften und Bürger:innen nicht gefällt, und sie engagieren sich für den Klimaschutz u. a. Nur als Rückfrage: Was schreibt der Autor dazu?
    Gute Wünsche und Grüße
    Bernd

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