Cybermobbing im Tunnelblick: An der Oberfläche gekratzt und schlecht recherchiert

Ich war schon äußerst gespannt auf das neue Buch von Natascha Kampusch, denn durch ihre Situation nach der Befreiung aus dem Kerker war sie ja eines der ersten Opfer einer Cybermobbing Kampagne. Deshalb kann sie natürlich aus der Sicht einer Betroffenen auch einiges zu diesem interessanten Thema beitragen. Außerdem habe ich Ihr erstes Buch 3096 Tage, das ich direkt vor diesem Werk zu Einstimmung gelesen habe, sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr gut gefunden.

Leider erschöpft sich der Inhalt dieses Sachbuchs zum Thema Cyberneider nahezu völlig in Hinsicht auf ihren persönlichen Bezug, was bei der oben genannten Biografie sehr erwünscht, bei einem themenbezogenen Sachbuch aber einfach viel zu wenig substantiell ist. Es werden fast ausschließlich Kampuschs persönliche Geschichte und kleine Gschichteln, die bekannten Online-Influencern passiert sind, im charmanten Plauderton total oberflächlich präsentiert. Nahezu den gesamten Rest, den ein Sachbuch ausgehend vom persönlichen Bezug des Autors zu diesem Thema sonst noch aufweisen sollte, sucht man als Leser*in vergeblich.

Da fehlen ganz dringend und unbedingt benötigt gut recherchierte und in einfacher Sprache präsentierte, auch Laien zugänglich gemachte Fakten zu Rechtslage, obwohl ein Rechtskapitel durchaus existiert. Natascha Kampusch will eigentlich Journalistin werden, hat sich für dieses Buch aber nie die dringend notwendige Mühe gemacht, zum Beispiel die Online-Juristin und Spezialistin Maria Windhager eingehend zu diesem Thema zu befragen. Immer wenn Inhalte zwingend in die Tiefe gehen müssten, schummelt sie sich mit nichtssagenden Allgemeinplätzen und platten Attitüden über die notwendigen Details hinweg.

Sogar Stefan Slupetzky konnte in seinem neuen Krimi Im Netz des Lemming kurz und knackig für jeden verständlich auf Seite 68 den ersten problematischen Knackpunkt der aktuellen Gesetzeslage in den Krimiplot einbauen. Cybermobbing kann leider selten als eine gefährliche Drohung angezeigt werden, nur wenn sie massiv genug wäre und in einer größeren Öffentlichkeit als nur von zwei Personen bezeugt werden kann, wird die Staatsanwaltschaft aktiv. Ein Online-Protokoll gilt leider nicht. Cybermobbing kann erst dann als Stalking verfolgt werden, wenn der gleiche Mobber mehrmals aktiv wird. Da aber solche Personen teilweise einige Usernamen verwenden, beziehungsweise eine Gruppe von unterschiedlichen realen Mobbern sich sogar abspricht und abwechselt, ist diese Mehrmaligkeit auch meist nicht gegeben. Also ist keine der Taten ein Offizialdelikt, sondern wir haben es mit einer Ehrenbeleidigung zu tun, was zur Folge hat, dass als Privatanklagedelikt die Polizei und der Staat nicht von sich aus tätig werden. Zudem sind die Strafen lächerlich und die Opfer tragen als Privatkläger das Risiko der Gerichtskosten.

Auch der Fall Sigi Maurer wird von Kampusch im Plauderton vorgestellt, auf das eigentliche Fehlurteil in erster Instanz, die Beweislastumkehr, wird aber wieder überhaupt nicht eingegangen. Sigi Maurer hätte nicht beweisen müssen, dass der Craftbeer-Shop-Betreiber schuldig ist, sie beleidigt zu haben, sondern der Bierverkäufer hätte als Kläger beweisen müssen, dass er unschuldig ist. Hier wäre erneut ein Interview mit der Anwältin Windhager vonnöten gewesen, denn sie vertritt Sigi Maurer und einige andere Opfer in diesen internetrechtlichen Fällen. Wer diesen Fall, in dem die österreichische Politikerin der Grünen, Opfer von Online Mobbing und zusätzlicher Bedrohung auf der Straße, vor Gericht zur Täterin bezüglich Rufschädigung gemacht wurde, nur weil sie die Originalnachrichten des Mobbers und Bedrohers veröffentlichte, nicht verfolgt hat, kann hier die genaue Geschichte recherchiert von Margarete Stokowski nachlesen.

Konstruktive Vorschläge für Betroffene zum Krisenmanagement im Fall von Cybermobbing sind überhaupt nicht vorhanden. Es wird sogar von wirksamen Methoden – wie dem Blocken – durch Natascha Kampusch expliziert abgeraten. Das Gruppenblocken (Chain Blocking) mittels Softwaretools von Cybermobbern auf Twitter ist eine sehr wirksame Methode, einem über eine Einzelperson herfallenden (organisierten) Mob Einhalt zu gebieten. Ihre Namensvetterin Natascha Strobl, Rechtsextremismusexpertin und mobbingmäßig im Dauerbeschuss, kann hier schrittweise sinnvolle Methoden aufzeigen, wie sie einen Angriff des mit dem Welt-Journalisten Don Alphonso sympathisierenden rechten Mob durch solche Tools erfolgreich abgewehrt hat. Erneut hat Kampusch hier nicht recherchiert und verbreitet sogar als Rat für die Opfer sehr kontraproduktiv Blödsinn. Den detaillierten Prozess eines solchen Shitstorms und die gut funktionierenden Gegenmaßnahmen eines agierenden Betroffenen, der sich auch wehren kann, findet Ihr hier detailliert beschrieben. Aber jetzt höre ich schon auf, als Fleißaufgabe einen unerlässlichen Teil dieses Buches selbst zu schreiben.

Was mich am meisten bei diesem Werk genervt hat, ist dieser naivdümmliche Zugang zum Thema. Alles, was hier gebetsmühlenartig wiederholt wird, ist, dass Mobbing böse ist und dass wir uns doch alle liebhaben sollten. Echt jetzt, so wollen wir mit dem Thema und mit Betroffenen umgehen? Keine Info, wie man sich juristisch effektiv wehren kann, beziehungsweise welche Gesetze geändert werden müssen? Für Mobbingopfer nur ein bisschen Mitgefühl, den Rat durchzutauchen und den Kopf einzuziehen, es durchzustehen und sich nicht durch zu Chain-Blocking zu wehren? Das ist einfach zu wenig.

Und dann, nachdem hier so viele schmerzliche essentielle Lücken zu der Problematik des Cybermobbings klaffen, auch noch so viel zusätzliches Blabla vollständig am Thema vorbei. Wobei dieser Umstand Kampusch durchaus aufgefallen ist, und sie spricht das in den komplett überflüssigen Kapiteln zur Social Media Werbung, zum Gaming, zur Politik … auch an, schreibt aber trotzdem munter ausführlichst an diesen Abschnitten, die mit Cybermobbing nichts zu tun haben, weiter.

Bevor ich das Buch schon als komplett nutzlos in die Ecke schleudern und mich über meine gestohlene Lesezeit, ergo Lebenszeit ärgern wollte, kam die Autorin doch noch mit zwei winzigen Nutzeneffekten um die Ecke. Sie recherchierte aus Anwendersicht in den einzelnen wichtigen Social Media Kanälen, wie schnell beziehungsweise wie umständlich die User-Informationen und Hilfe zum Thema Cybermobbing im Anlassfall bekommen. Weiters gibt es am Ende eine nicht ganz uninteressante Linkliste, in der sich unter anderem auch einige Meldestellen und Hilfsorganisationen für Mobbingopfer befinden.

Fazit: Dieses Sachbuch hat zum Mobbing nichts Substantielles zu berichten. Von mir gibt es also auf keinen Fall eine Leseempfehlung. Wer ein glühender Fan von Natascha Kampusch ist, kann vielleicht mit der ausschließlich persönlichen und tunnelartigen Sicht der Autorin auf das Thema ein bisschen etwas anfangen, gelernt hat die Person auf jeden Fall nichts Wesentliches. Wer Natascha Kampusch als Person genauer kennenlernen möchte, sollte besser ihren Bericht 3096 Tage lesen, der ist nämlich wirklich gut.

Cyberneider von Natascha Kampusch ist 2019 im Dachbuch Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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