Buntes Allerlei – die neue Form des Lesens

Werte Leserschaft, heute gibt es ein paar Einblicke und Infos zu zwei gänzlich unterschiedlichen Büchern und einen Vorsatz von mir 😉

Es soll kein falscher Eindruck entstehen: Ich möchte nicht meine eigene Schlurigkeit (Das Wort existiert laut Duden nicht, was ein wirklich großes Manko ist – ich hoffe, Ihr versteht dennoch was ich meine!) zur Kunstform erheben, um darüber hinwegzutäuschen, dass ich da gerade etwas nicht ganz korrekt abarbeite, sondern ich muss versuchen, aus der Not, manches Buch nicht zu schaffen, eine Tugend zu machen. Vor allem hoffe ich, dass ein solches digitales Geständnis, das ja durchaus ein paar Menschen lesen, dazu führt, dass ich mich bessere … 😉

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Aber nu mal los: Ich habe mir im letzten Jahr zwei Rezensionsexemplare besorgt, die mich wahnsinnig angesprochen haben und die ich trotzdem noch nicht durchgelesen habe – und es vielleicht auch nie schaffen werde. Nicht etwa, weil sie schlecht wären, im Gegenteil. Aber das eine, ich gebe es freimütig zu, überfordert mich intellektuell, zumal ich vor allem abends lese und sich dann schon die leichte Tagesermattung bemerkbar macht, und das andere ist mir so wichtig, dass ich es immer vor mir herschiebe und auf den richtigen Zeitpunkt warte, der nicht kommt – denn wann gibt es den schon??

Ich fange mit der überfordernden Lektüre an: Durch einen Podcast vom Deutschlandfunk wurde ich neugierig gemacht und hörte zum ersten Mal von „John Burnside – Über Liebe und Magie – I put a spell on you“. Es klang so spannend, diese Memoiren, diese Selbstanalyse des Schottischen Autors. Über seine Kindheit mit einem Vater, der ein brutaler Säufer war, über seine erste Liebe, über diese schwierige Phase des Erwachsenwerdens , über Religion, Aufenthalte in der Psychiatrie und noch viel mehr. Spätestens seit Burnside Anfang Dezember auch noch beim Literarischen Quartett besprochen wurde, hat er endgültig den Ritterschlag erhalten und ist auch hierzulande in aller Munde. Das war allerdings lang, nachdem ich das Buch angefordert hatte – was deutlich macht, wie beschämend lange das arme Ding schon hier liegt. Burnside hat ein gutes Werk erschaffen, es ist nur die Form, die mir so zusetzt und die es mir so schwer macht, es zu durchdringen: Seine Kapitel haben Liednamen als Überschriften und zwischendurch heißen sie „Erste Abschweifung“, „Zweite Abschweifung“ usw. Es gibt „Zwischenspiele“ und ein „Nachspiel“ – fast wie in ein musikalischer Überbau. Ein kluger Kopf, der Mann, keine Frage. Aber es geht auch wirr zu in seinen Gedanken, mal springt er gedanklich hier hin, mal dort hin, mal kommen linguistische Anmerkungen zum Zuge, mal zitiert er Schriftstellerkollegen, mal macht er einfach so Erläuterungen in den Fußnoten. Das überfordert mich, denn ich lese ja kein Sach- oder Fachbuch. Aber das ist natürlich mein Fehler, das kann ich ihm nicht anlasten. Ich hatte in die ersten Seiten hineingeschnuppert bei der Leseprobe und beschlossen, dass sich das lohnen könnte für mich. Nun beginnen die ersten Seiten auch durchaus „normal“ im Sinne einer Autobiografie. Doch dann beginnt er abzuschweifen, zu analysieren, abseits des eigentlichen „Handlungsstrangs“, den es so natürlich gar nicht gibt, da es kein Roman ist. Nun verstehe ich, warum die Rezensentin Verena Auffermann bei Deutschlandfunk so herumeiert mit ihren Begrifflichkeiten: „Memoirs“ heißt es da, „autofiktionales Erzählen“, „Reflexionen“.

Ich kann es nicht greifen und nicht beschreiben, irgendwann geht bei mir die Klappe runter. Immer wieder sind spannende Sequenzen da, ich steige ein, versuche zu begreifen, dann kommen wieder Personen ins Spiel, nebensächlich erwähnt, als würde die ganze Welt sie kennen, dabei tut sie das nicht, ich begreife das Szenario nicht mehr, ich steige aus. Mein Atem bei Büchern ist nicht mehr so lang, wie er mal war. Ich habe das Gefühl, ich muss mich nicht quälen. Anstrengen ja, aber nicht zu viel. Das hier ist mir zu viel Arbeit, zu wenig Freude – weil ich mich fühle wie jemand, der in ein Gespräch hineingeplatzt ist, dem er nicht mehr folgen kann, weil ihm die Grundlagen fehlen. Ich kann das nicht dem Buch ankreiden, nur meiner eigenen Unlust, mich über Gebühr anzustrengen beim Lesen. Allen, die Spaß an fordernder Lektüre und Gedankenakrobatik haben, sei es dringend ans Herz gelegt!

Mama nicht schreien von Jeannine Mik

Die zweite Lektüre, die unvollendet ist, lautet „Mama, nicht schreien!“ von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter. Der Untertitel bestätigt, was der erschrockene Leser schon ahnt: „Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen“. Genau. Der Plan war: Ich lese mal, was anderen so passiert, wenn sie sich nicht im Griff haben. Ich würde ja nie laut werden 😉.

Und da ist man bei diesem Buch ganz richtig, denn hier geht es ans Eingemachte. Aus oben beschriebenen Gründen (Waiting for the perfect moment) ist es mir noch nicht gelungen, das Buch ganz durchzuackern, obwohl ich es bitter nötig hatte. Meine Mädels und ich verstehen uns zwar sehr gut, aber bei Stress werde ich zur Furie. Keine Angst! Ich tu nix, ich muss nur laut werden, um Stress abzubauen. Das wissen die beiden und grinsen mittlerweile schon, denn sie wissen, es ist wie bei einem Gewitter: Es rumpelt und dann wird es wieder schön.

Ich würde das gern besser machen, ich bin nicht stolz auf meine stressbedingten Lautwerdmomente, aber zum Glück gibt es auch viele Dinge, die ich gut mache, also muss ich mich nicht zu sehr kasteien. Die Idee ist: Nicht im Selbstmitleid versinken, sondern was ändern. Daher das Buch!

Und ich kann nur Gutes sagen: Es ist nicht zu dick, nicht zu dünn, es ist unheimlich liebevoll geschrieben, niemals mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern die Autorinnen nehmen einen mit an Bord. Sie geben einem das Gefühl, hey, die kennen das auch, diese blöden Situationen, wo man gern cool bliebe, aber dann doch austickt, weil das Kind (oder man sich selbst!!) einen so nervt. Das Buch ist gut strukturiert aufgebaut, es wird ins Thema eingeführt, auf hohem populärwissenschaftlichen Niveau erläutert, wie es dazu kommt, dass wir in solche unschönen Situationen kommen und wie die Lösungsansätze sein können.

Dann kommt das klare Handwerkszeug, welche Fragen muss ich mir stellen, wie gehe ich heran an diese schlechten Gedanken. Ein schöner Satz wird formuliert:

Dieses Buch schreit: „Benutze mich!“

Und das fasst prägnant den Kern des Buches und meines Scheiterns, es durchzuarbeiten, zusammen. Dies ist keine Sofalektüre, nach der ich mich beruhigt zurücklehnen kann, in dem Irrglauben, nun alles zu wissen. Dies ist ein Mitmachbuch. Man sollte sich am besten eine Kladde daneben legen, in die man eintragen kann – Gedanke, Gefühle, Tipps. Ein Arbeitsbuch.

Die beiden Autorinnen sind Profis, wissen, was sie schreiben. Das Buch ist ansprechend vom Inhalt und vom Layout – ich kann es jedem nur empfehlen, der sich diesem Thema liebevoll und empathisch zuwenden möchte. Macht es besser als ich: Lest einfach los, arbeitet an Euch und verschanzt Euch nicht hinter dem nächsten Roman, wie ich es tue, um dem unbequemen Thema aus dem Weg zu gehen.

Der Vorsatz? Dieses Buch endlich nicht nur zu überfliegen, begeistert, beglückt, sondern es DURCHZUARBEITEN!

John Burnside: „Über Liebe und Magie – I put a spell on you“ ist 2019 im Penguin Verlag erschienen, „Mama, nicht schreien!“ von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter 2019 im Kösel Verlag. Für mehr Informationen zum jeweiligen Buch Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Buntes Allerlei – die neue Form des Lesens

  1. Gestern in der Stabi noch mit dem Burnside geliebäugelt, aber soviel Gutes daheim, dass ich dachte das kann warten und dann saß ich ja auch ewig an meiner englischen Lektüre die mich allein dadurch fordert, dass ich ausgewiesene Schnellleserin zwangsweise entschleunigen muss, aber nicht will, jetzt bin ich vorgewarnt, das ist gut, lesen mag ich ihn trotzdem, wenn es wieder wärmer und schöner ist und das schockgefrostete Hirn besser funktioniert. Merci für die Anlockende Warnung 😉

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