Auf dem Weg, die eigenen Grenzen auszuloten und auszudehnen

Ich bin ja so die typisch westliche Glückssucherin und Weiterentwicklungsbegeisterte, egal ob Yoga, Schoki oder Waldgehen, Hauptsache, es tut mir in dieser Situation und diesem Moment gut. Es muss nur in mein atheistisches Weltbild passen und wissenschaftlich logisch, weitgehend ohne esoterischen Schnickschnack daherkommen. So kam ich auch zu meinem Lieblingsguru Brad Warner, der es übrigens hassen würde, als Guru bezeichnet zu werden, wenn er noch hassen könnte, denn da ist er schon längst locker drüber weg. Schreibt der erleuchtete  ZEN Meister doch ausdrücklich, dass wir keinem Guru folgen sollten. Was mich nie gestört hat, ich habe seine Bücher verschlungen und so begeistert wie halbherzig verinnerlicht, dass es mir immer wieder guttut nachzulesen. Allzu leicht frisst einen der Alltag und da ist ein wenig Seelestreicheln und Blickwinkel neu ausrichten immer wohltuend. Man kann den Buddhismus in fast allen seinen Erscheinungsformen als Nichtreligion mit Erleuchtungscharakter sehen, jegliche Perspektive steht einem allezeit frei und da ich mit Religion so gar nichts anfangen kann abgesehen von der Evolution und dem Urknall, und höhere Wesen für mich eher Elefanten und Giraffen und ab und an noch überzeugende Intellektuelle sind (yupp, es ist die Höhe, nothing else!)  und er mit wirklich lebenspraktischen Haltungen, Tipps und Tricks aufwartet, gönne ich mir ab und an ein wenig Auffrischung meines Geistes. Darunter fällt auch so etwas wie das Buch, mit dem meine Mitstreiterin „daslesendesatzzeichen“ kürzlich reüssierte. Eine GutTuChallenge halte ich für eine probate Idee, das eigene Glück zu forcieren und zu maximieren, zumal der Beginn eines neuen Jahres dazu bestens geeignet ist. Schon das Autofahren ist ja ein Gradmesser für die psychische Befindlichkeit und eignet sich trefflich zur Innenschau. Schimpfe ich lautstark über den Schleicher, Drängler, Kamikazepilot und Nichtblinker (Leute, blinken ist so einfach und besonders im Kreisverkehr ein echter Verkehrsflussbeschleuniger!) und erwische mich dabei, dann ist davon auszugehen, dass so ein wenig abgewandeltes Meditieren/Yoga, Waldspaziergang, ich nenne es gerne „Nabelschau“, angebracht ist.

 

 

Zum Innenansichtkomplettcheck eignet sich auch das Buch des nepalesischen Yongey Mingur Rinpoche, der um aus der Komfortzone zu entweichen, „die Tibeter nennen das „Öl ins Feuer gießen“, bei uns heißt es eher, dem inneren Schweinehund entgegentreten, zwecks spiritueller Weiterentwicklung aus seinem Kloster flüchtet und sich mit 150 Dollar in der Tasche auf den Weg, macht dem Ziel näherzukommen. Auch für ihn gilt: „Der Weg ist das Ziel“. SeinenBodyscan“ habe ich prompt in mein Einschlafritual übernommen. Es funzt bestens.

Yongey Mingur Rinpoche mag keine lautstarken Menschenansammlungen, ist verwöhnt aufgewachsen, genießt hohes Ansehen und hat sich nie mit den alltäglichen Kleinigkeiten herumschlagen müssen, da er einer Linie tibetischer Mönche und Lehrmeister entstammt, die ihm von fühester Kindheit an den Weg vorgezeichnet und geebnet haben. Spiritualität ist sein Leben, er bricht bewusst und heimlich aus, um zu erleben, wieweit er mit seinem bisher erworbenen spirituellen Bewusstsein mit den Widrigkeiten die da harren mögen standhält. Das liest sich sehr authentisch, denn der Gute neigt zu nörgeliger Grübelei, kriegt aber immer wieder die Kurve, um mit ihn belastenden Situationen zurechtzukommen und lässt dabei en passant einige Weisheiten fallen. Witzigerweise ist er tatsächlich auf der Suche nach sich selbst: „Wer ist Mingur Rinpoche“, bei einem so anerkannten Lehrmeister hätte ich erwartet, dass er da schon vor einiger Zeit, er ist Mitte 30, selbst dahintergekommen wäre, aber offensichtlich sind bedeutende Buddhismuslehrmeister auch nur Menschen. 😉

Wie immer beim Buddhismus, geht es um das Loslösen vom Leid, wozu man sich des eigenen Sterbens immerzu bewusst sein sollte, um loslassen zu können. Seine „Ego-Suizid-Mission“ ist streckenweise sehr düster, denn die Sterblichkeit und Entropie, das Annehmen, die Bewusstmachung des Lebensendes ist Dreh- und Angelpunkt dieser Philosophie. Das kann bei uns Westlerinnen durchaus Abwehrgefühle hervorrufen, mir ist ein straighter „Guru“ auch lieber als ein über die miesen Umstände und Gerüche am Bahnhof quengelnder, doch Obacht, es sind etliche Perlen für die eigene Weiterentwicklung in diesem Buch zu finden und urteilen sollte Mensch ja auch nicht vorschnell. Viele wertvolle Gedankengänge und Lebensweisheiten, Anregungen zu Übungen und Selbstreflexionsgelegenheiten gibt für die Lesebegleiterinnen des Rinpoche zu entdecken, es lohnt sich durchaus, ihn auf seinem Weg zu begleiten, sich Ideen herauszusuchen, es ist für jede/n etwas dabei und seien es nur die pittoresken Straßen- und Landschaftsszenen, die hier vor dem geistigen Auge entstehen. „Auf dem Weg – Die Reise zum wahren Sinn des Lebens“ hat absolut das Potential sein Leben positiv zu verändern und sei es nur, anhand der Fesstellung, dass Nörgeln und Quengeln einen nicht weiterbringt, echt jämmerlich wirkt und auch weise Lehrmeister nicht davor gefeit sind. Natürlich steckt mehr dahinter, so hat es eine gewisse Grandezza wie uneitel Yongey Mingyur Rinpoche sich darstellt, damit verdeutlicht, dass Schwächen überwunden werden können und wie das möglich ist. Daher kann ich „Auf dem Weg“ guten Gewissens weiterempfehlen, würde interessierten Neulingen in der Materie und weniger konservativen Menschen aber unbedingt raten, sich zuvor mit Brad Warners bisher 3 auf deutsch erschienenen ZEN Büchern zu befassen. Sie sind spaßiger und uns hedonistischen Westlern ein gutes Stück näher. Hier findet ihr ein Interview mit Mr. Hardcore ZEN über sein neues Buch. lohnt sich schon wegen des Ausblicks auf seine hochkarätige Bücherwand 😉

 

Auf dem Weg – Die Reise zum wahren Sinn des Lebens von Yongey Mingur Rinpoche mit Helen Tworkov ist im Dezember 2019 als Hardcover bei btb erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

 

 

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