Gedanken des Hasses und der Liebe

„Freunde sind Gottes Entschuldigung für Familie“ – ein Ausspruch, der, Oscar Wilde zugeschrieben, vielen Menschen aus dem Herzen spricht. Familie, auch die Bagasch oder bugglerte Verwandschaft in meiner fränkischen Heimat genannt, kann einen wahrlich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen, ist sie doch eine Zwangsgemeinschaft, der man ganz schlecht entkommen kann. Denn auch wenn man sich lange freigeschwommen hat, sich im besten Falle auch gut versteht, so ist man mit ihr ein Leben lang in besonderer Weise verbunden. Das Kind seiner Eltern bleibt man immer – im Guten, wie im Schlechten und Erwartungshaltungen gehen damit meist einher. Glücklich darf sich schätzen, wer nur den eigenen Erwartungen ausgesetzt ist. Timna und Babi allerdings müssen sich den Erwartungen von Otto, ihrem Vater und Siebenbürger Juden, stellen. Das ist nicht immer leicht, meist enervierend, aber manchmal auch sehr komisch.

Als ich begann, Otto von Dana von Suffrin zu lesen, war ich zunächst verwirrt. Der, dem unverhofft ins Haus geflatterten Buch, beigelegte Brief sprach von einer herzzerreißend komischen wie auch traurigen Geschichte. Das, was ich im Buch selbst las, war zunächst eine lose Abfolge von verschiedenen Begebenheiten aus dem Leben Timnas, eben einer der beiden Töchter Ottos, das vor allem durch eben jenen Otto bestimmt zu sein schien. Wie es so ist, wenn die Eltern alt und kränklich werden, dreht sich manches um: Die Kinder werden zu so etwas wie Eltern, kümmern sich um die Belange der Eltern, wie diese es früher andersherum und völlig logisch getan haben. Oder vielmehr, wie man es gemeinhin von Eltern erwartet. Häufig sind also die Kinder die aktiven und die Eltern die eher passiven Akteure in dieser lebenslangen Beziehung, die auf einen Punkt zusteuert, der alles verändern wird. Die Eltern gehen, die Kinder bleiben zurück und müssen sich nun tatsächlich alleine zurechtfinden. Es ist etwas anderes, für manche auch Befreiendes, wenn das Leben seinen Endpunkt erreicht.

Otto jedoch behält vor allem Timna gegenüber das Heft in der Hand. Auch Babi, die zweite Tochter, die Otto noch geringer zu schätzen scheint als Timna – mir wurde nie ganz klar, ob diese Geringschätzung nur eine Art Schutz Ottos vor den eigenen Gefühlen war, um nicht noch etwas Geliebtes zu verlieren – wird von ihm in die Pflicht genommen. Manipulativ, an das schlechte Gewissen der Töchter appellierend, verfügt er über ihre Zeit und somit im Grunde über ihr Leben. Sie haben zu spuren, wenn er eine seiner „schönen Bitten“ an sie heranträgt. Die ihm wichtigste dieser „schönen Bitten“ betrifft die Erinnerung an sein Leben und damit an die Schicksale vieler Menschen seiner Generation, die, wie er Familie und Heimat verloren, in eine neue Heimat (Israel) zogen, diese aber wiederum verließen, um sogar in dem Land zu leben, in dem der Ursprung des größten Übels, ihrer schlimmsten Verluste und unvorstellbares Leid lag. Deutschland, das Land der Täter, wird seine selbst erwählte Heimat. Der Endpunkt eines unsteten Lebens, von dem er nicht einmal chronologisch erzählen kann. Wichtig sind die Ereignisse, nicht ihre Chronologie, die muss sich Timna, die irgendwann einwilligt, die Lebensgeschichte Ottos aufzuzeichnen, selbst erstellen.

Doch genau das ist nicht zu schaffen. Und weil das so ist, hat auch Dana von Suffrin ihren Roman, der sprachlich einzigartig schön aus der Zeit gefallen zu sein scheint und, sich wundersam gleichzeitig an traditionell jiddischer Literatur orientierend, eine neue, frische und moderne Lesart dieser bietet, auf eine Chronologie, ja sogar und vielleicht auch gerade deshalb, auf einen Plot verzichtet. Fundierter ist das in Katharina Herrmanns erhellender Besprechung zu lesen, die mir tatsächlich den nötigen Impuls, sogar den Schlüssel, in die Hand gab, um das Buch nicht nach kurzer Lektüre und wegen meiner Verwirrung einfach beiseitezulegen.

Dana von Suffrin erzählt sozusagen auf die einzig mögliche Art und Weise von Otto, seiner Macht über die Töchter, die auch etwas Anrührendes hat, indem sie aufzeigt, was ist und war und kaum Wertungen vornimmt. Das ist mutig und anders und gerade deshalb auch preisgekrönt. Bei allem Sprachwitz und bei aller Manipulation Ottos habe ich die Extreme nicht so extrem empfunden, vielleicht wegen des doch liebe- und humorvollen Blicks, den Dana von Suffrin auf diesen Mann wirft. Denn im Grunde tut doch jede*r sein Bestes, so gut er es eben kann. Und genau das macht es so schwer, sich den Bedürfnissen der Familie zu entziehen und am Ende der gemeinsamen Geschichte einen harten Strich zu ziehen. Die Ambivalenz der eigenen Gefühle wird deshalb nicht aufgelöst werden.

Meine Gedanken waren kein Monument, meine Familie war nicht bedeutend, und meine Geschichte war es nicht. Nichts davon verdiente eine Gedenkstätte. Meine Gedanken waren nur so lange da wie ich, und sie waren Gedanken des Hasses und der Liebe.

Otto von Dana von Suffrin ist am 22. August 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für weitere Informationen zum Buch Doppelklick auf das im Beitrag enthaltene Cover oder direkt auf der Verlagsseite. Mit Dank an Ulrike Meier von Kiepenheuer & Witsch für die überraschende Zusendung.

2 Gedanken zu “Gedanken des Hasses und der Liebe

  1. Nun, Struktur gibt es schon ein bisschen, Plot nein. Das ist so, da ändert sich nix. Damit muss man klar kommen, das ist das Konzept. So erzählen alte Leute ihre Lebensgeschichte, wie es gerade kommt, wie es einfällt, da wird nicht unbedingt auf Chronologie geachtet und so zeichnet sie es auf. Denn sie kann die Reihenfolge nicht bestimmen und keine Wichtung vornehmen. Aber gerade das und die Sprache machen das Buch aus und es ist schon richtig gut. Nur muss man das halt zulassen. LG

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  2. Ich bin nun auch gerade dazugekommen das Buch zu lesen – eigentlich bin ich respektive gerade dabei – und ebenso wie Du auch geneigt, es wegen des fehlenden Plots und der Chronologie beiseite zu legen – es nervt mich momentan sehr. Freut mich aber, dass Du den Zugang dann doch noch gefunden hast und eine in Summe positive Wertung abgeben kannst. Ich fürchte ich bin da ja strenger, weil ich so manisch plotorientiert bin. Aber vielleicht kommt es noch – ich habe ja noch ein paar Seiten. Bisher habe ich mir notiert. Die Geschichte ist total verhüttelt (im Sinne von zersiedelten Landstrichen) ohne Plot und Struktur, derzeit auch noch ohne Ziel und Sinn. Vielleicht gibt sich das noch, ich verspreche durchzuhalten.

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