Ein Gentleman auf Reisen

allmen-und-der-koi-9783257070750Wenn Herr Suter etwas Neues macht, schlägt mein Herz erst mal höher. Im März diesen Jahres durfte ich ihn mit Stephan Eicher bei der kleinen Tour zu ihrem gemeinsamen (Buch-)Projekt „Song book“ (den Beitrag zu Buch und Bühnenshow gibt es hier) live auf der Bühne erleben, jetzt war ich schon nervös, wann wohl endlich die langersehnte Post bei mir ankommen würde, denn: Es gibt einen neuen Allmen! Hurra!

Und, siehe da, kaum ist das Buch erschienen, hat die Nation entschieden: Suter ist, fast schon mit Lichtgeschwindigkeit, mit „Allmen und der Koi“ auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste gelandet.

Der Blick auf die Diogenes-Seite ließ mich schmunzeln, dort titeln sie über das neue Werk so humorig wie treffend: „Reiche und Teiche. Allmen ermittelt auf Ibiza“. Der Einstieg ist dramatisch und spannend. Ein kurzer Prolog ist vorangestellt, der klar werden lässt, dass es diesmal knapp für Allmens Partner und Diener Carlos wird.

Und dann steigt man endlich richtig ein in die Geschichte, deren Anfang ein geheimnisvoller Anruf ist, getätigt von der Sekretärin einer bekannten Anwaltskanzlei. Allmen wird zu einem Termin gebeten, bei dem er erfährt, dass ein vorerst anonym bleibender Mandant der Kanzlei seine Dienste als Privatdetektiv in Anspruch nehmen möchte. Jedoch nicht in der Schweiz, sondern an einem Ort mit „südlichen Wetterverhältnissen“. Allmen, der sich Flexibilität auf seine Fahnen geschrieben hat, willigt freudig ein, hofft er doch insgeheim auf einen leicht zu lösenden Fall, bei dem er Luxus, Sonne und Meer genießen kann, am besten an einem möglichst exotischen Ziel, denn man hat ja nicht alle Tage Projekte dieser Art.

Als er dann im Flugzeug sitzt und dieses zur Landung ansetzt, ist er beim Blick aus den Fenstern fast schon enttäuscht, denn, was sich da durch die Wolken zu erkennen gibt, ist  eindeutig Ibiza – gerne wäre Allmen weiter gereist … Doch der angemessene Empfang am Flughafen auf Ibiza, die Fahrt im edlen Maybach zum schicken Anwesen des Auftraggebers, all das entschädigt ihn dafür, dass das Ziel des Fluges nur eine Baleareninsel ist.

Allmen ist, das merkt der Leser, der ihn bislang noch nicht kennen sollte, spätestens jetzt, ein Mann der gehobenen Ansprüche. Ein kultivierter, leicht snobistischer Kunstkenner, der dank seiner chronischen Geldnot (aufgrund der hohen Ansprüche …) in der unangenehmen Situation ist, dann und wann sein Dasein als Privatier zu verlassen und in die niederen Kreise der normal arbeitenden Bevölkerung hinabzusteigen. Als Privatdetektiv hat er sich in der Kunstszene und allgemein in der High Society einen Namen gemacht, sodass er immer wieder lukrative Projekte unterbreitet bekommt. Auf Ibiza soll er nun, das erfährt er schließlich, etwas beschaffen, womit er bislang keinerlei Berührungspunkte hatte: Er soll ein vermisstes Haustier wiederfinden. Doch es ist weder die Fellnase noch der Goldhamster von nebenan, es handelt sich vielmehr um einen unfassbar teuren Koi.

Sein Arbeitgeber ist eine ehemalige Größe der Musikindustrie, nun etwas in die Jahre gekommen und nicht mehr ganz gesund: Steve Garrett, der als Produzent mit den berühmtesten Musikern der Welt zusammengearbeitet hatte. Boy, der verschwundene Karpfen, gehört seiner Lebensgefährtin, der wunderschönen und deutlich jüngeren Asiatin Akina, deren Herz an diesem seltenen, teuren Fisch hängt. Allmen wird in einem stilsicher eingerichteten, wunderbar gelegenen Nebengebäude des Anwesens untergebracht und darf sich bereits in einer der ersten Nächte dort über unverhofften Besuch von Akina in seinem Schlafgemach freuen. Offensichtlich in allen Bereichen ein Auftrag, wie Allmen ihn zu schätzen weiß.

Ja, Allmen ist ein kluger, gut aussehender, im Umgang mit sämtlichen Kulturen versierter Gentleman, der sich in der High Society bewegt wie ein, nun ja, Fisch im Wasser. Doch was in den vergangenen Romanen mit ihm als Protagonist mit feiner Ironie unterlegt war und immer wieder aufgelockert wurde durch harte Landungen Allmens aus seiner Luxuswolke in der schroffen Realität, ist in diesem Roman zu einseitig. Seine beiden geerdeten Gegenpole Carlos und María kommen (zeitlich versetzt) erst später nach, und fallen auch dann sehr wenig ins Gewicht – das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt auf Allmen. Das Fehlen an Pragmatismus durch Carlos und María schadet dem Plot. Es ist alles zu glatt, zu makellos. Wo es sonst eine María gibt, die die Augenbraue pikiert hochzieht, weil sie mit Allmens Affairen nicht klarkommt, ist nun nichts. Wo in den früheren Fällen Carlos widersprach, ist nun nichts. Es fehlt in allen Bereichen das Korrektiv. Ohne größere Umschweife und – noch viel tragischer – ohne größere Spannung mäandert das Geschehen so vor sich hin. Der kurze Eindruck der Dramatik, der durch den eingangs erwähnten Prolog entsteht, wird hinweggefegt durch die gleichbleibende Klarheit um das Wissen, dass sich nichts Größeres Allmen in den Weg stellen wird.

Das ist furchtbar schade, denn, dass Herr Suter schreiben kann wie kein anderer, weiß jeder, der bereits etwas von ihm gelesen hat. Die feine Eleganz, das hohe Niveau, der Spannungsbogen – all das beherrscht Suter aus dem Effeff. Doch diesmal fehlt leider zur Gänze die SPANNUNG. Es liest sich alles ganz wunderbar, doch plötzlich ist das Buch zu Ende, der Fisch (Verzeihung für den Spoiler!) gefunden und mehr oder weniger alle glücklich … Naja, nicht ganz, denn es gibt tatsächlich einen sehr netten Sidekick am Ende der Geschichte, böser, schwarzer Humor, aber, nun gut … Wer Suter kennt, erwartet einfach das ganze Buch über mehr. Hinzu kommt die Tatsache, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass die beschriebenen Szenen allesamt von Herrn Suter bereits im Kopf daraufhin abgeklopft wurden, ob sie nachher auch filmisch gut umsetzbar sind, wurden doch die ersten drei Allmen-Fälle bereits äußerst gelungen mit Heino Ferch in der Hauptrolle verfilmt. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ist, sich als Autor von diesem Wissen um die gesicherte spätere Verfilmung freizumachen, dennoch so zu schreiben, dass der Roman ein Roman bleibt – und ein Filmskript später zusätzlich entworfen werden muss. Ich unterstelle Herrn Suter nicht Absicht, ich glaube eher, dass es einfach passiert ist – am Ergebnis ändert sich dadurch jedoch leider nichts und so muss ich wie folgt zusammenfassen:

Ein wunderbar geschriebener Roman, der dem Anspruch, ein Krimi zu sein, jedoch keinesfalls gerecht wird, da es diesmal in allen Bereichen an Spannung mangelt. Dennoch handelt es sich nicht um ein schlechtes Buch, ich liebe Suters Stil, ich liebe die Figur Johann Friedrich von Allmen, die heitere Leichtigkeit des Seins, die er so formvollendet beherrscht (oh, wie ich ihn darum beneide!!!) und ich liebe das Lesevergnügen, das sich bei mir bei jedem Suter-Titel einstellt. Nur: Wer ein spannungsgeladenes Buch erwartet, der sollte dieses Buch meiden und sich den ersten drei Fällen des Gentleman-Detektivs zuwenden. Damals hat Suter nämlich noch alles vereint: Stil, Heiterkeit, Ironie und Spannung!

Allmen und der Koi“ von Martin Suter ist am 25.10.2019 im Diogenes Verlag erschienen. Mehr Informationen über einen Klick auf das Cover zum Buch oder über die Verlagsseite.

 

 

 

 

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