Die Wuchtl* in der Abseitsfalle

Dieses für die Longlist des deutschen Buchpreises nominierte Werk mag vieles sein, aber „ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen“ – so wie er im Werbetext auf dem Buchrücken beworben wird – ist er definitiv nicht. Das kann ich als Fußballverweigerin, die aber dennoch eine gemeine Abseitsfalle zu erkennen vermag, hier definitiv unterschreiben.

Das ist insofern sehr schade, denn ich hätte den Roman gar nicht bestellt, wenn er sich in seinen Werbebotschaften nicht so explizit an Nicht-Fußballfans als Zielgruppe gewandt hätte. Alles andere wäre ja unfair, ein Werk zu bewerten, das mich schon im Vorfeld vom Thema her so gut wie gar nicht interessiert. Diese Kombi hat mich aber dann doch neugierig gemacht, und ich wollte unbedingt wissen, wie der Autor diesen Zielkonflikt, beide Gruppen gleichermaßen zufrieden zu stellen, löst. Naja, das ist auf jeden Fall gehörig in die Hose gegangen.

Der Protagonist Ivo Trifunović, mit bosnischen Wurzeln aus der Wiener Vorstadt in den Weltfußball aufgestiegen, ist ein Narziss, aber keiner von der abgrundtief bösen, spannenden Art, sondern auf eine BOBO-Spießerart: meine Häuser, meine Autos, mein Pool, meine Ehefrau, meine Kids, meine Geliebte, mein Boot, mein Job. Zudem eiert er ganz schön unentschlossen herum, ob er seine Alte (Wiener Ausdruck für Ehefrau) tatsächlich mit seiner Jugendliebe betrügen soll oder nicht. Zwar gilt für Ivo nicht das alte Simmeringer Sprichwort: Ich bin ein Fußballer, tu mir beim Denken schwer, aber wie man so einen faden, ordinären, eitlen Zauderer zum Protagonisten eines Romans machen kann, ist mir auch rätselhaft, das lockte mich jetzt auch nicht hinter dem Ofen hervor. Zudem ist der möglicherweise in Deutschland sehr goutierte, anzügliche österreichische Unterschichts-Slang, den manche, die ihn nicht kennen, als rotzfrech bezeichnen möchten, auch nicht grad das Gelbe vom Ei für mich, hatten wir doch alle mindestens ein bis zwei Mitschüler in der Klasse, die sich so machismo-sexistisch und primitiv aufführten.

Was mich aber am meisten gestört hat, sind diese inflationär verwendeten Kicker-Analogien. Der Roman kann keine Situationen oder Gefühlsregungen, also fast nichts beschreiben, ohne einen abstrusen Vergleich an den Haaren herbeizuziehen. Das ist dann genau so, als wäre man in einer Subkultur, in der es essentiell ist, wenn man den Film gesehen hat oder das Buch gelesen, ansonsten versteht man einfach nur Bahnhof. Wie soll ein Nicht-Fußballfan diese Analogien verstehen? Ronaldo ist anscheinend nicht so übel wie Messi (warum auch immer), was ist einen Panenka machen (Ja, Panenka war ein österreichischer Fußballer, aber was war typisches Verhalten für ihn?) und wer zum Teufel ist Peter Hackmair? So geht das zumindest für eine breitere Zielgruppe sicher nicht, ich kann ja nicht die ganzen Lebensgschichtln von diesen A-Z-Kicker-Promis von den 70er-Jahren bis zum heutigen Tag in den einschlägigen Zeitungen nachrecherchieren.

Und selbst wenn der Autor mal nicht nur den Fußball bemüht, kommt er ohne Analogien und Zitierungen nicht aus. Da er offensichtlich viel jünger ist als ich, die mit dem Betthupferl, Dschungelbuch, Kasperl und Petzi aufgewachsen ist, kann ich seine Filme und Fernsehserien und die darin vorkommenden Figuren überhaupt nicht interpretieren und dadurch ergibt sich für mich bei der Übersetzung der Vergleiche in Normalsprech nur ein wildes Kauderwelsch.

Ivo hatte immer schon Mitleid mit den Bösen. Mit dem Kojoten, der in einer Scheißwüste lebt, wo es sonst nichts gibt und der jedes Mal dafür bestraft wird, wenn er seiner Natur folgt und versucht, diesen arroganten Vogel zu erwischen. […]
Die Guten sind meistens langweilige Scheißkinder, und trotzdem kriegt am Ende Calimero die Bitches und Toni, die coole Ente geht leer aus. […]
Irgendwas wird auch Simbas Vater falsch gemacht haben, damit ihn sein eigener Bruder so hasst. Klar, Scar will König sein, und König wird immer der Sohn vom König und nicht sein Bruder, aber ist es so falsch, gegen diese Ordnung anzukämpfen. Ist es falsch, wenn ein Löwe König sein will. Wenn er es nicht wollen würde, wäre es ja noch schlimmer, dann würde man ihn in die Kategorie von Bernhard Tomic und Nick Kyrgios stecken, in die Kategorie der Ausländer, die nicht genug aus ihrem Talent machen, denen es nichts mehr gibt, zu gewinnen, und die deshalb für immer Ausländer bleiben.

Hä????? Rembrandt??? WTF?? Ich kapiere wirklich nur Bahnhof. Versteht mich nicht falsch, für eine interessierte Mini-Subkultur, die mit diesen Codes aufgewachsen ist und auch noch die beiden genannten Fußballer kennt, mag das grandios sein, aber wenn ein Roman den Anspruch erhebt, für ein breites Publikum geeignet zu sein, dann ist diese Ambition aber so etwas von gehörig in die Binsen gegangen.

Jetzt sollte ich ja nicht spekulieren, warum ausgerechnet dieser Nischenroman für den deutschen Buchpreis nominiert ist, ich ärgere mich aber schon, warum von Kremayr & Scheriau nicht dieser hinreißende feministische Roman Hippocampus, den ich vor Kurzem hier besprochen habe, nominiert wurde. Wahrscheinlich sind aber 51% Frauen in der Bevölkerung eine zu kleine Zielgruppe, als dass sie für den Buchpreis relevant wären, da wird lieber ein Buch für die totalen Fußballfreaks mit den Codes der 90er- und 00er-Jahre nominiert. Dieses Minderheitenprogramm ist sicher relevanter für den auszeichnungswerten Literaturkanon. (Ironie off)

Gegen Ende der Geschichte, also auf den letzten Seiten, macht Ivo übrigens noch eine gute Entwicklung durch, die nicht ganz so irrelevant für Jedermanns und Jederfraus Leben ist, insofern waren die letzten Seiten dann nicht so furchtbar wie die mühsamen restlichen neunzig Prozent der Story.

Fazit: Für Fußballfans kann ich den Roman nicht beurteilen, für -verweigerer ist er aber definitiv komplett ungeeignet. Außerdem strotzt er nur so von vulgären sexistischen österreichischen Dialektausdrücken, die dem Leser als „erfrischend“ und rotzfrech verkauft werden.

Nicht wie Ihr von Tonio Schachinger ist 2019 im Verlag  Kremayr und Scheriau als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

*Wuchtl = 1. Fußball 2. Tiefer Pass im Fußball 3. tiefer (primitiver) Scherz in der Sprache

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5 Gedanken zu “Die Wuchtl* in der Abseitsfalle

  1. Pingback: Das einzige Nicht-Oberschicht-Buch ist ein Oberschicht-Buch. Nicht Wie Ihr von Tonio Schachinger – Sören Heim – Lyrik und Prosa

  2. @Soerenheim 🙂stimmt in Deutschland gibt es weit mehr Fußballfans als bei uns in Österreich. ist ja auch spannender einem Sport anzuhängen, bei dem man nicht seit Jahrzehnten die Jause nachträgt (verliert).

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  3. Wie groß die Zielgruppe ist, sollte für einen Literaturpreis egal sein. Und ob ein aufgrund der Millieu-Sprache hermetischer Text nun aus dem Fußballer-Millieu stammt oder zB aus dem der Bergleute oder der Sennerinnen, ist auch erstmal nicht entscheidend.
    Allerdings wirken die Zitate hier schrecklich bemüht, gerade nicht das Millieu spiegelnd, sondern selbst eindeutig Zielgruppen-Orientiert (als dächten Fußballer ständig in Fußball-Metaphern!), sprich: Fanservice. Denn der Markt der Fußballfans ist ja so klein auch nicht. Aber ob Fans das auch werden lesen wollen…?

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  4. Ganz ehrlich? Selbst als Fußballfan war mir das alles zu doof, so dass ich nach ca 30 Seiten abgebrochen habe. Das war alles so unter Niveau, dass ich mich allein schon auf diesen Seiten gefragt habe, was dieses Buch auf der Longlist zu suchen hat.

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