Irgendwo vorkommen

Eine junge Frau steht auf dem Dach eines Wohnhauses. Irgendwie scheint sie springen zu wollen, doch gleichzeitig wirkt sie aufgebracht, wütend und jemand, der wütend ist, der springt nicht, oder? Aber wer weiß? Immerhin hat die Frau (noch) keinen Namen und keine Geschichte. Peu à peu puzzelt Simone Lappert in ihrem zweiten Roman sowohl die Geschichte der vermeintlichen Springerin, als auch der Menschen zusammen, die sich um sie herum bewegen. Während die junge Frau dort oben auf dem Dach die Ziegel abdeckt, um sie zornig hinunterzuschleudern, vielleicht auf diejenigen, die da mit der Zeit so etwas wie ein Sit-In veranstalten, nur nicht mit friedlichen Absichten – werden doch nach und nach Stimmen laut, die den Sprung der Wütenden fordern –, bewegen sich verschiedene Menschen wie von ihr gesteuert durch die Tage bis zum Sprung.

Während also die Protagonisten dieses fein konstruierten Romans den Ausgang desselben mehr oder weniger bange beobachten und erwarten, setzt Simone Lappert die Leser*innen gleich zu Beginn auf die Spur. Der Sprung wird geschehen. Doch der Ausgang der Geschichte bleibt im Ungewissen. Und damit treffen Lesergemeinde und Figurenpersonal wieder aufeinander. Dennoch gewährt Lappert ihren Leser*innen immer ein bisschen mehr an Einsicht, als den Protagonisten, die sich zwar begegnen, aber nicht unbedingt kennen. Das Netz der Verbindungen ergibt sich so nur in der Lektüre. Und man sollte nicht den Fehler begehen, zu sehr durch die kurzen Kapitel, die immer eine der Personen, die da um das Zentrum, die vermeintliche Lebensmüde, herum stolpern, tanzen, gehen, in den Mittelpunkt stellt, zu eilen – auch wenn Stil und Sprache der Autorin das nahelegen – und die kleinen Hinweise der Verbindungen dabei zu übersehen.

So ein bisschen wie Hänsel und Gretel kam ich mir vor, als ich immer wiederkehrende Motive sammelte, die einzelne Personen miteinander verbanden, das Netzwerk sichtbar machten. Und genau so etwas zu lesen macht mir großen Spaß. Strukturen im Text zu entdecken, die klar machen, dass die Autorin sich genau überlegt hat, wie sie ein bestimmtes Moment, ein bestimmtes Bild, das sie im Kopf hatte, zeigen und ausarbeiten kann. Fast wie in einem Stop’n’Go Film – gibt es sowas überhaupt? – sehen wir zu, was um die junge Frau herum passiert. Sie selbst ist zwar einerseits der Dreh- und Angelpunkt, andererseits aber auch eher losgelöst von allem anderen Geschehen. Weshalb sie auf dem Dach gelandet ist, zeigt sich mit fortschreitender Lektüre immer klarer. Auch wer sie wohl ist, kann man sich langsam aber sicher zusammenreimen. Simone Lapperts Kniff, ihren Leser*innen genauere Einblicke zu verschaffen, als ihren Figuren, ist brillant. Und macht es schwer, diesen vielschichtigen Roman zu besprechen, ohne zu viel zu verraten.

Das Figurenensemble ist bunt: Da ist Felix, der junge Polizist, der bald Vater werden wird, dessen Beziehung sowohl unter seinem Beruf, als auch unter dem Respekt vor der Aufgabe der Vaterschaft leidet, der sich aber auf der anderen Seite mit einer Zusatzausbildung gerade für Einsätze mit Suizidgefahr qualifiziert hat. Irgendetwas scheint Felix noch zusätzlich auf der Seele zu liegen, was genau, wird sich kurz vor Ende des Buches Stück für Stück zusammensetzten. Dann ist da Finn, der Fahrradkurier, der bald eine Weltreise per Rad antreten will, aussteigen will, aber seit Neuestem hat er eine Freudin, Manu, die eine so unabhängige Person ist, die er so sehr liebt, dass er ständig in der Angst lebt, von ihr verlassen zu werden. Und Manu? Etwas ungreifbar ist sie, obwohl sich vor dem inneren Auge der Leserin ein Bild formt, das eine junge, stolze, unangepasste Frau zeigt, die nicht eben einen geraden Weg gegangen ist, aber weiß, was sie will und wer sie ist. Ziemlich am Anfang des Romans lernen wir Edna kennen, Kettenraucherin und offensichtlich etwas zwangsneurotisch ausgerichtet. Sie wird, obwohl wir ihr Leben nur streifen, eine wichtige Rolle einnehmen, was die Geschehnisse angeht, dennoch irgendwie am Rande des Ganzen bleiben. Aber das ist beileibe nicht das ganze Personal, das diesen süffig zu lesenden Roman bevölkert, doch sie hier alle aufzuzählen würde zu weit führen. Eine meiner Lieblingspersonen allerdings ist Henry, ein aus dem sozialen Gefüge gefallener Mann, der sich nun von Wildkräutern und stibitzen Eiern, gesammelten Pilzen, Samen und Nüssen ernährt, in einem Park nächtigt und einen Bauchladen mit sich führt, in dem er Fragen sammelt, die er an Interssierte verkauft. Sein zeitweiliger Begleiter, Lukas stellt ihm die Frage, weshalb sich die Menschen so um die Fragen reißen und Henry dafür Geld geben. Henrys Antwort ist so einfach wie klug:

»Aus demselben Grund, aus dem auch du sie gerne hörst«, sagte er. »Wenn einer etwas gefragt wird, kommt er in der Antwort immer selber vor. Wir Menschen mögen das. Irgendwo vorkommen. Uns irgendwo drin finden.«

Und weil das so ist, werden sich sicherlich ganz viele Menschen mit der Lektüre dieses wunderbaren Romans wohlfühlen, denn irgendwie wird jede*r Leser*in hier sein Identifikationspotential finden. Und das zu Recht. Was aber mehr als der Inhalt der vielen kleinen Geschichten hervorzuheben ist, ist deren Aufbau und Anordnung. Wie in einem Kaleidoskop fallen die einzelnen Gesichten um die verschiedenen Personen durch eine kleine Wendung immer wieder an einen anderen Platz und ergeben so ein nicht minder buntes, aber eben anderes Bild. Den Rahmen dafür hat Simone Lappert sehr geschickt im titelgebenden Sprung geschaffen, dessen Konsequenz, also der Fall selbst, aufgeteilt ist, in den eigentlichen sprung, das Fallen – wiederum in zwei kleine Sentenzen der Selbstwahrnehmung der Fallenden aufgeteilt – und der absoluten Konsequenz, dem Stoppen des Falls mit dem Aufkommen, das einhergeht mit der Lösung eines lange währenden Knotens.

Zwischen diese kurzen Abschnitte – so ein Fall dauert ja nicht wirklich lange – packt Simone Lappert die Geschehnisse, die einen Tag zuvor passiert sind und reißt dabei gleichzeitig die Lebensgeschichten einiger Protagonisten an, bevor diese ann weitergeführt werden, am ersten Tag, an dem sich die junge Frau auf dem Dach des Hauses befindet. Interessant ist auch, wie sie die Eigendynamik beschreibt, die diese Situation, die von außen betrachtet eine ganz andere ist, als tatsächlich, plötzlich entwickelt. Bewertungen ohne den richtigen Hintergrund führen häufig zu Missverständnissen, die fatale Folgen haben können, das wird hier sonnenklar. Doch auch klar wird, dass der Grad zwischen einem (lebens-) notwendigen Einmischen und einem buddhistischen Geschehenlassen sehr schmal ist. Wie man sich selbst in solch einer Situation entscheidet, kann man nur beurteilen, wenn man sich dann tatsächlich mal in einer solchen befindet.

Entscheidungen – auch um die geht es in diesem Buch, das nicht weniger als das pralle Leben mit all seinen Möglichkeiten, Freuden, Enttäusschungen und Glücksfällen nachzeichnet. Entscheidungen, die wir heutigen Menschen oft nicht treffen mögen, weil wir Angst davor haben, etwas zu verpassen, etwas falsch zu machen oder zu versagen. Doch die junge Frau auf dem Dach wird irgendwann quasi gezwungen, eine Entscheidung zu treffen, den Sprung aus dem oder in das Leben zu wagen. Diese Entscheidung packt Lappert in den kürzeren Abschnitt des Buches, den sie mit „Zweiter Tag“ überschrieben hat und der ein relativ offenes Ende für einige der Protagonisten bereithält. Den Leser*innen aber bietet sie einen „richtigen“ Abschluss. Nämlich den Abschluss einer Phase im Leben der jungen Frau, deren Namen die Leser*innen mittlerweile kennen. Es ein Abschluss und ein Neuanfang und so, wie die letzte Seite des Romans viel zu schnell kam, so entfernen sich die im Buch um das Haus versammelten Personen und gehen wieder ihrer Wege. Manche haben eine neue Verbindung geknüpft, sie wahrgenommen und werden sie weiterpflegen. Das ganze Netz der Verstrickungen aber bleibt den Leser*innen vorbehalten.

Chapeau, Simone Lappert, für diese außergewöhnliche Geschichte und den Mut, sie so zu erzählen, wie sie erzählt werden muss. Die Struktur so zu bauen und zu halten ist sicher nicht einfach, da ist Genauigkeit gefragt, um nicht lose Fäden flattern zu lassen. Es gibt ein paar Stellen, die könnte man böswilligerweise als lose Fäden bezeichnen, doch tatsächlich sind es kurze helle Schlaglichter, die ergänzen und nicht flattern. Ein bisschen, aber nur ein bisschen, erinnert mich der Aufbau dieses frischen wunderbaren Romans, ich kann es nicht oft genug sagen, an „Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“.

Absolute, uneingeschränkte Lektüreempfehlung für Simone Lapperts „Der Sprung“, das am 28.08.2019 im Diogenes Verlag erschienen ist. Für mehr Information Klick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder auf der Verlagsseite.

 

4 Gedanken zu “Irgendwo vorkommen

  1. Hallöchen Bri!
    Eine fantastische Besprechung – ich war ja schon wirklich neugierig auf deine Meinung dazu! Jetzt fühle ich mich bestärkt und werde mir das Buch wohl auf jeden Fall zulegen 🙂

    Danke dir!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

  2. Ich bin gestern schon an anderer Stelle auf „Der Sprung“ gestoßen und sehe spätestens mit dieser Besprechung mein mir selbst auferlegtes Buchkauf-Verbot arg ins Wanken geraten … 😉

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.