Zuhause in der Barbary Lane 28

Als ob es gestern gewesen wäre, kann ich mich daran erinnern, dass mir meine (damalige Studien-)Freundin und jetzige Mittäterin beim Feinen Buchstoff, Birgit aka daslesendesatzzeichen, von einer ihrer Lieblingsreihen vorschwärmte. Nicht ohne mich zu warnen, dass die damals sechs erschienenen Bände äußerst hohes Suchtpotential zu Tage fördern könnten. Den ersten Band mit dem Titel Stadtgeschichten schrieb Armistead Maupin 1978 – für mich geradezu revolutionär freizügig beschrieb er das Leben der Schwulen- und Lesbengemeinde in San Francisco – zunächst in seiner Kolumne im San Francisco Chronicle. Aus der Kolumne wurde folgerichtig ein Buch über eine wunderbare Lebensgemeinschaft, die ohne Vorurteile so bunt zusammenlebt, wie man es sich kaum vorstellen kann.

Gemeinsam mit der Landpomeranze Mary Ann Singleton landete ich in der Barbary Lane 28, lernte die Bewohner besser kennen und konnte, wie prophezeit, kaum an mich halten, was die Lektüre anging. Eigentlich steckte ich mitten in meiner Magisterarbeit über irgendwas mit Literatur und Museen – schon damals ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass mir Literaturvermittlung wichtig ist, in welcher Form auch immer – und doch konnte ich mich nicht lösen aus der mir nicht gänzlich fremden und doch unbekannten Umgebung der Barbary Lane 28 und den Erfahrungen von Mary Ann, die hinaus will in die weite Welt und sich erst einmal orientieren muss. War sie doch in einer ähnlichen Situation wie ich …

Wer kennt das nicht, man möchte der Enge des Elternhauses entfliehen und macht sich auf in eine unbekannte Welt – Mary Ann Singelton trifft aus dieser Situation heraus eine absolut spontane Entscheidung, nicht ohne ein kleines Hintertürchen. Nicht, dass sie wieder zurück möchte, weit gefehlt, doch hat sie zumindest die Telefonnummer einer früheren Freundin in der Tasche, als sie nach San Francisco aufbricht. Aus dem einwöchigen Urlaub wird ein Bleiben, so lange sie will. Doch schnell wird ihr klar, dass sie nicht unbedingt auf den Lebensstil Connies – die als Stewardess viel herumkommt und das ist durchaus doppeldeutig zu sehen – abfährt. Neben der Suche nach einem Job macht sich Mary Ann auf den Weg nach einer für sie geeigneten Bleibe und wird schon ganz bald fündig. Das Haus Anna Madrigals, in der Barbary Lane 28, nur über eine Holztreppe erreichbar, scheint sogar für San Francisco eine sehr außergewöhnliche Lebensgemeinschaft zu beherbergen.

Mary Anns ersten Abenteuern in diesem überaus bunten Setting zu folgen, ist eine Freude. Auch heute, noch fast 20 Jahre nach dem verhängnisvollen Tipp, der mich zwar von meiner zu schreibenden Arbeit ablenkte, aber sehr glücklich machte, komme ich immer wieder gerne zurück, um Mary Ann, Michael Tolliver, der geheiminisvollen Mrs. Madrigal, Brian, den ich mit der Zeit besonders ins Herz schloss und nicht zuletzt der toughen Mona Gesellschaft zu leisten.

Die kurzen Kapitel verleiten mich auch heute noch, wie damals, bis tief in die Nacht zu schmökern, mit dem Gedanken, ein Kapitelchen ginge noch, und so ist der erste Band genauso schnell durch gelesen, wie die folgenden fünf, die ich Ende der 1990er-Jahre innerhalb von Tagen nacheinander erworben und verschlungen habe. Die Geschichten um all die vielen Menschen um Anna Madrigal – die so etwas wie eine Urmutter der Barbary Lane 28 ist – sind zeitlos, weil sie die ursprünglichen Wünsche und Sehnsüchte von uns allen erfassen: ein Zuhause zu finden, eine Familie zu wählen, glücklich zu werden und es zu bleiben, sein zu dürfen, wer man ist. Und gerade in unseren Zeiten, in denen die Spaltung von Gesellschaften so schnell voranzuschreiten scheint, tut es gut, sich wieder einmal darauf zu besinnen, dass wir trotz aller Unterschiede am Ende des Tages doch alle nur Menschen sind. Same same but different.

Den Anstoß, mich wieder mit den Stadtgeschichten, deren letztem Band Die Tage der Anna Madrigal und der Lebensgeschichte Armistead Maupins in Form seines Memoirs Logical Family zu beschäftigen, gab eine Häufung kleiner Verweise darauf, bis hin zu einer Netflix Serie, die eine Fortsetzung der damaligen Stadtgeschichten in das heutige queere San Francisco mit Verve meistert. Auch da geht nicht alles ohne Brüche bzw. reibungslos vonstatten. Ging es in den ursprünglichen Stadtgeschichten um gesellschaftiche Themen, wie Aids, homosexuelles Coming-Out oder im Allgemeinen um sexuelle Identität, so kreist die Serie – glaubt man der Presse, die sie als höchst aktuell und wichtig versteht – zwar nach wie vor um diese Themen, doch sehr viel diverser, als vor vielen Jahrzehnten. Kein Wunder, es hat sich viel getan – und doch muss sich noch vieles ändern.

Und weil das so ist, werde ich in Zukunft die Barbary Lane 28 immer wieder aufsuchen und möchte euch einladen, euch mir anzuschließen. Der erste Teil der Reise wird übersichtweise die ersten sechs Bände in ein bis zwei Etappen beinhalten, gefolgt von den weiteren Bänden, einem Beitrag zum Memoir von Armitead Maupin und sicherlich auch dem ein oder anderen Hinweis auf die Serie. Ich freue mich auf jede/n Teilnehmer*in dieser literarischen Tour! Denn ihr wisst ja, schon Oscar Wilde wusste:

Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heißt es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.

Alle Bände der Reihe um die Stadtgeschichten sind im Rowohlt Verlag erschienen und nach wie vor erhältlich.

4 Gedanken zu “Zuhause in der Barbary Lane 28

  1. Gerne – ich sah mich selbst wieder in meinem überteuerten Zimmer in der Fünfer WG in der Spardorfer Straße sitzen und lesen … eine veritable Zeitreise. Was die Zeit und das Buch angeht: ja, sowas kenne ich auch. Aber es gibt Bücher und Reihen, die überdauern alles bei mir. Vielleicht, weil es zu dem Zeitpunkt Bücher waren, die mir das leben besser gemacht haben. Die Zeit damals war hart. Meine Großmutter lag im Sterben bei meinen Eltern – ich fuhr ständig zwischen Nürnbeg und Erlangen hin und her – meine Schwester hatte gerade eine schere OP überstanden, ihre zwei kleinen Jungs waren dementsprechend verängstigt … da tat die Reihe gut. Und dieses Gefühl, dass sie mir zu diesem Zeitpunkt so sehr viel gegeben hat, das geht nie weg. LG, Bri

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  2. Na das freut mich, dass die Erinnerung genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Wünsche tolle freie Tage und genüssliche Lektüre, LG, Bri

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  3. Netflix-Serie? Vielleicht sollte ich mich doch damit beschäftigen?

    Ich habe in meiner Jugend die Geschichten ebenfalls verschlungen, 6 Bände gab es damals; eine meiner Freundinnen überreichte mir dann folgende Bücher: Mary Ann im Herbst und Michael Tolliver lebt. Den letzten Band Die Tage der Anna Madrigal habe ich irgendwie verpasst – wird aber jetzt sofort gekauft.

    Danke für die Erinnerung, ideale Lektüre nächste Woche, dann habe ich frei, es wird heiß und der lichte Schatten unter dem Apfelbaum ist zum Lesen ideal!

    Beste Grüße – Brigitte B.

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  4. Wunderbar, wunderbar, wunderbar! Danke, Bri, dass Du mich wieder an diese herrliche Zeit erinnerst, als ich die Bücher verschlang! Es waren lange Nächte, müde, kurze Tage – aber mit welch genialem Mehrwert!! Diese Bücher haben eine Art Zeitgeist bei mir getroffen, es hat zu meinem damaligen Leben als Endstudent 😉 gepasst, kurz vor dem Absprung in die „wirkliche Welt“. Leider tut es mir meist nicht gut, solche Perlen der Vergangenheit noch einmal zu lesen. Es entzaubert meist meine Erinnerung an das damalige Leseerlebnis. Passend zu meinem Credo, dass es für jedes Buch eine passende Zeit gibt. Leider ist diese Zeit nicht beliebig oft zu „bekommen“. Bei mir funktioniert es fast immer nur einmal im Leben.

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