Irrungen und Wirrungen

41zOtl3USRL._SX312_BO1,204,203,200_Irene Diwiak war mir kein Begriff, bis die Chefin meiner Lieblingsbuchhandlung hier im Dorf eine knappe, aber gute Rezension über „Liebwies“ verfasst hat. Es ist der erste Roman der 1991 in Graz geborenen Schriftstellerin – und er macht Lust auf mehr! Ihr Buch ist eine zeit- und alterslose Studie der Gesellschaft. Weder die Jahreszahl spielt eine große Rolle noch der Ort – es könnte sich überall so begeben haben.

Natürlich geht es um große Emotionen, um Liebe, um Liebe, die sich in Trauer wandelt, um Liebe, die sich in Hass wandelt und um Liebe, die bleibt, aber tragisch endet.

Hauptpersonen gibt es einige, ihre Gewichtung wechselt im Lauf der Geschichte: Den Auftakt macht Walther Köck, der kriegsversehrte Gymnasiallehrer, der mit entstelltem Gesicht aus dem Kampf nach Hause kehrt und Frau, Anstellung und dadurch sein gesamtes altes Leben verliert. Auf Umwegen kommt er dazu, als Grundschullehrer in einem verschlafenen Kaff namens Liebwies bei Karlsberg anzufangen.

Dass er dort auf eine kleine Sensation trifft, wundert ihn selbst wohl am meisten: Die wenig ansehnliche, halbblinde junge Frau Karoline hat eine glockenreine Stimme – was er nur durch Zufall herausfindet. Es ist, als könne sie die Welt durch den Klang ihrer Stimme verzaubern. Trotz ihres hässlichen Äußeren verliebt sich Köck ein bisschen in sie und in seinem Kopf bahnt sich eine Idee ihren Weg  … er beschließt dieses Wunderkind seinem alten Freund Christoph Wagenrad vorzustellen, der in der Stadt lebt und ein Musikkenner ist. Köck organisiert in Liebwies ein Konzert, und um die glanzvolle Stimme seiner Meisterschülerin noch mehr hervorzuheben, lässt er auch die sehr schöne, aber im Singen gänzlich unbegabte Schwester Karolines namens Gisela ein Liedchen trällern. Doch was geschieht? Der musikalisch versierte Freund aus der Großstadt verliert jede Fachkenntnis angesichts der Schönheit der untalentierten Gisela, verliebt sich Knall auf Fall und würdigt das Wunderkind Karoline keines Blickes mehr. Er nimmt Gisela mit sich, kleidet sie neu ein und lässt sie bei sich wohnen. Und so beginnt der Aufstieg der schönen, aber unmusikalischen Gisela, die sich fortan Gisela Liebwies nennt und rasend schnell zum Star des Wiener Kulturbetriebs der 1920er-Jahre mutiert.

Was mit Karoline und Köck geschieht, erfahren wir nie, sie scheinen ihre Aufgabe erfüllt zu haben als Nebendarsteller in diesem Roman. Schade!
Ebenso unfair verhält sich das Schicksal gegenüber Ida Padinsky, die als Tochter einer reichen Unternehmerin eigentlich alle Chancen haben könnte, die man so braucht auf dieser Welt, wenn die Mutter nicht ein äußerst exzentrisches und egozentrisches Wesen wäre, das keinerlei Interesse an dem zarten Geschöpf hat, das Ida nun mal ist. Idas Leidenschaft ist die Musik – ein Thema, das für die profitorientierte Mutter äußerst niedrige Priorität hat, und so ist klar, dass die beiden keinen Draht zueinander entwickeln können. Als Ida als junge Frau dann auch noch eine Liaison mit einer Bediensteten anfängt, ist das Maß voll und Mutter Padinsky will sich der Tochter durch Heirat (natürlich mit einem Mann!) entledigen. Klappt: Mit dem selbstbewussten, aber wenig erfolgreichen Komponisten August Gussendorff findet sich ein passabler Ehemann. Für Ida ist dies jedoch ein schlechter Kompromiss, da sie sich weder für Gussendorff im Speziellen noch für Männer im Allgemeinen interessiert … Doch ihr Schicksal ist besiegelt und im Lauf der Zeit gibt es Momente, da hat Gussensdorf Angst, seine Frau könne ihm unter den Händen wegsterben, da sie immer dünner wird, blasser und durchsichtiger. Der Wendepunkt ihrer beider Leben kommt, als Gussendorf zusagt, eine Oper zu schreiben, doch nicht liefern kann. Die Muse küsst ihn einfach nicht. Doch da ist ja noch das Musikgenie Ida an seiner Seite, die viele Jahre nichts anderes getan hat, als Musikstücke zu schreiben, sie dann aber in den Tiefen ihrer Schublade zu verstecken.

Im weiteren Verlauf der Geschichte kreuzen sich die Wege der vom Schicksal zu Unrecht begünstigten Gisela Liebwies und der vom Schicksal zu Unrecht benachteiligten Ida Gussendorff und sie gehen eine Beziehung miteinander ein, die für ihre jeweiligen Lebensläufe folgenschwer sein wird. Doch davon ahnen sie über viele Jahre nichts.

Irene Diwiak gelingt es in ihrem Roman, viele Stränge auf nicht vorhersehbare Weise miteinander zu verknüpfen, sodass es eine wahre Freude ist, dem Plot zu folgen. Die Wendungen sind durchdacht und machen Sinn, dennoch kommen sie oft überraschend, weil man in genau diese Richtung nicht dachte. Das Buch hält den Spannungsbogen bis zur letzten Seite mit einem Ende das, so wage ich zu behaupten, wirklich keiner am Anfang erahnen kann.

Für manche Figuren hätte ich mir gewünscht, dass sie länger eine Rolle spielen dürften. Namentlich Karoline, Köck und Wagenrad. Die ersten beiden verschwinden komplett, Wagenrad „faded out“, wie ein altmodischer Popsong … das ist unfair, denn die Charaktere sind alle gut angelegt und könnten einem noch lange Zeit Spaß machen. Außerdem hätte ich mir, als Fan von klaren Schicksalen, gewünscht, zu erfahren, was mit Karoline und Köck passiert. Heiraten sie? Beste Vorausssetzungen dazu hätten sie ja: Sie halbblind, er entstellt – das klingt zynisch, ist aber nicht so gemeint und hätte mich für beide gefreut.

Nun ja, ich werde es wohl nie erfahren, außer Frau Diwiak schreibt noch ein Sequal oder liest meine Rezension hier und antwortet mir. Beides halte ich für unwahrscheinlich 😉

Ich empfehle das Buch ohne Einschränkungen. Es ist klug geschrieben, interessant und die Story hält durch alle Seiten ihre Spannung!

Liebwies von Irene Diwiak erschien am 23. Januar 2019 als Taschenbuchausgabe im Diogenes Verlag, Zürich. Weitere Informationen zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

3 Gedanken zu “Irrungen und Wirrungen

  1. Oha – Grazer Autorin und ich als Österreicherin hab noch nie von ihr gehört… tja das muss ich auf jeden Fall ändern – dieser Roman transfundiert direkt auf die Wunschliste

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  2. Guten Morgen zurück! Es ist wirklich ein schönes Buch, das man ohne große Mühe an einem Wochenende verschlingen kann. Aufgrund seines unvorhersehbaren Endes ist es tatsächlich auch ein Buch, an das ich durchaus noch öfter denke, obwohl ich es bereits vor 2 Wochen durch hatte! Viel Spaß damit!

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  3. Guten Morgen!
    Das klingt in der Tat nach einem ziemlich unterhaltsamen Buch! Ich mag es immer sehr, wenn sich verschiedene Schicksale miteinander veeknüpfen und man so den verschiedensten Menschen folgen kann.

    Sommerliche Grüße!
    Gabriela

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