Bad Feminist – geschrieben von einer Guten

Zuallererst verdanke ich diesem Buch eine absolut wichtige Erkenntnis: Es heißt DER Feminismus! WtF, ja, frau hätte das schon länger merken können, aber jetzt hat’s auch bei mir geschnackelt, auch diesen Begriff haben die Herren also vereinnahmt. 😉 Ist mir bis dato nie so bewusst geworden, Ladies ihr seid herzlich eingeladen ebenfalls einiges zu überdenken …

Dieser eigentlich redundante (er sollte es sein, aber …) Aha-Moment ist aber nicht der einzige, den Roxane Gay mir mit Bad Feminist bescherte. Großartig und wunderbar gerahmt an die Wand zu nageln sind auch ihre 13 Gebote dafür „Wie man mit einer anderen Frau befreundet ist„. Erläuternd dazu: Ich war eher immer der Typ Frau, der mit Männern besser zurechtkam, (unter anderem wahrscheinlich der Grund, warum ich einen geheiratet habe) klar beste Freundin, war immer unverzichtbar, aber ansonsten waren mir Männer immer lieber, weil meist deutlich unkomplizierter in der Denke und im Umgang. Bäm, auch hierzu schreibt Frau Gay: „3A Wenn Sie das Gefühl haben, es sei schwierig, mit Frauen befreundet zu sein, ziehen Sie in Betracht, dass nicht die Frauen das Problem sind. Vielleicht sind Sie es einfach selbst.“  Netterweise schiebt sie unter „3B“ nach: „Ich war diese Art Frau. Sorry, dass ich urteile.“ Die Gebote beinhalten unter anderem auch den Umgang mit Networking, Kindern der Freundinnen und den Umgang mit der eigenen Meinung zu üblen Dates der befreundeten Frauen. Sie sind unverzichtbar! Alle Frauen sollten sich mit diesen Geboten auseinandersetzen und die Welt würde zu einem besseren Ort. Für alle! Bevor sich die Autorin in ihren Essays an Gender & Sexualität auf ihre mitreissende und durchaus differenzierte Art abarbeitet, stellt sie sich und ihren Werdegang im Kapitel „ICH“ selbst vor. Sie ist Professorin, schwarz, leicht übergewichtig und damit unzufrieden und hat hawaianische Wurzeln. Frau erfährt etlich wissenswertes über die US-amerikanische Scrabble Association und viel Berührendes aus ihrem Leben. Roxane Gay ist eine spannende Person, mit der seltenen Gabe sich selbst nicht unbedingt immer ernst nehmen zu müssen.

In meiner Jugend habe ich die Klassiker der feministischen Literatur gelesen: Simone de Beauvoir, Marylin French, den Cinderella Komplex, Betty Friedan, Alice Schwarzer, Emma, (gab es damals im Jugendhaus, danke Leute!), Virginia Woolf, Susan Brownmiller, alles was die Stadtbibliothek so hergab. Erinnert sich noch jemand an „Der Märchenprinz“? *stöhn*. In der Nachbarstadt gab es einen Frauenbuchladen, ausschließlich Literatur von Frauen für Frauen, diesen entdeckt zu haben und abzugrasen war spannend. Zwischen erstklassigen Büchern und esoterischem Bullshitgeschwafel war alles dabei. Das Thema war wichtig. Es ist immer noch wichtig. Aktuell bedeutsamer denn je, denke ich. Frau stößt, wenn sie in dieser Hinsicht interessiert und zumindest geistig engagiert ist, auch auf Unerfreuliches. Eine irritierende unangenehme Situation ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Meine ehemalige beste Freundin, damals frisch von hetreo zu bi gewechselt, um dann konsequent lesbisch zu leben, sagte, dass sie Feministin sei, ich aber nur Emanze sein könne, weil meine sexuelle Präferenz auf Männer beschränkt sei. Erst war ich verletzt, dann stinksauer. Zurückblickend ist mir heute klar, wie und weshalb sie damals zu dieser Denkweise kam, dämlich ist es dennoch. Genauso idiotisch, wie die Zerwürfnisse innerhalb der feministisch denkenden Frauen beginnend in den 70ern bis heute. Gay, die Mitautorin des Marvel-Comics „World of Wakanda„, erzählt in ihrem Essay-Band „Bad Feminist“ warum sie sich für eine schlechte Feministin hält. Das ist ironisch zu betrachten, tatsächlich kritisiert sie die Spaltung und Differenzen unter den Feministinnen. Sie ist nicht die erste und sicher nicht die letzte, die das tut, aber sie ist konstruktiv! Außerdem hat sie einen feinen, hintersinnigen Humor, der die Lektüre beflügelt und auch durch die ganz harten Themen wie Missbrauch, Rassismus und Vergewaltigung trägt. Und für sie sind Männer auch Menschen, ja sie mag sie. Das weiß ich zu schätzen.

Interessant wie sie sich dem Thema Frauenliteratur nähert. Wer mich kennt/liest, weiß, dass ich mich auch damit auseinandersetze, allerdings nachranging und beileibe nicht aus wissenschaftlicher Sicht, sondern aus dem Anlass heraus. Gay hinterleuchtet die Etikettierung die, wie sie meint schlicht der Abwertung dient und sie belegt das anschaulich und nachvollziehbar. So sind die Texte von Richard Yates und John Updike die meist im häuslichen Milieu angesiedelt sind Literatur, ähnliches von Frauen geschrieben, exakt: „Frauenliteratur“. Jonathan Franzen schreibt Gesellschaftsromane, Anne Tyler Frauenliteratur … „Erzählungen über bestimmte Erfahrungen sind irgendwie legitimer, wenn sie aus der männlichen Perspektive erzählt werden.“ Aufgeweckten Frauen ist das nichts Neues, aber es ist gut immer mal wieder darüber nachzusinnen. Ebenso wie Roxane Gay über Filme nachdenkt. Sie erläutert die Figur des „Magical Negro“, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte anhand von „The Help“.

„Wenn man ins Kino geht und sein Hirn zuhause lässt, ist The Help“ ein guter Film.“

Leider vergreift sie sich auch an Tarantinos hochgeschätztem „Django Unchained“ und den kenne ich nicht nur vom Hörensagen, umso bedauerlicher, dass sie ins Schwarze trifft. All ihre Beispiel aus der Populärliteratur und Kunst sind hochspannend, wenn man die Perspektive wechselt und mitdenkt.

Keine Feministin und nur sehr wenige Nichtfeministinnen kommen um das Thema Empfängnisverhütung herum. Roxane Gay widmet sich dieser Thematik unter der Überschrift: „Die veräußerlichen Rechte von Frauen“ und trifft damit exakt den wunden Punkt. Schon die unmögliche Rechtssprechung in unserem Land zu Paragraph 218 regt mich auf. Meiner Ansicht nach ist den Frauen die alleinige Oberhohheit über ihren Körper zu geben, so wie das bei Männern selbstverständlich ist. Gay sieht das ebenso, beschäftigt sich mit der selbstbestimmten Reproduktion. Sie nennt die Schwangerschaft „… die am wenigsten private Erfahrung im Leben einer Frau“ und ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Ungefragt tätscheln fremde Leute einem den Bauch, geben unerbetene Ratschläge oder Kommentare ab und fragen was ihnen gerade so in den Sinn kommt. In den USA gibt es seit 1973 das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und besonders vor Wahlen ist dieses Recht am eigenen Körper immer und immer wieder in der Diskussion. Selbsternannte Lebenschützer töten deswegen Menschen. „Terry England, der im Parlament von Georgia sitzt, sagte bei der Diskussion über ein neues Abtreibungsgesetz, das einen Schwangerschaftsabbruch nach der 20. Woche unter Strafe stellt, dass Frauen tote Föten austragen sollten, weil auch Schweine und Kühe das täten.“

In Arizona wurde 2012 ein Gesetz erwogen, das die Entlassung einer Frau rechtlich erlauben würde, weil sie Verhütungsmittel benutzt. Es ist schockierend, wie wie in den USA versucht wird, das Rad, die Frauen betreffend, wieder zurückzudrehen. Diese Essay-Sammlung erschien im Original bereits 2014, also noch vor Trump. Es ist davon auszugehen, dass die Situation in den USA sich seit seiner Präsidentschaft deutlich verschärft hat. Insofern kann Mensch „Bad Feminist“ auch durchaus als Warnung lesen um Derartiges hier in Deutschland und Europa zu verhindern, dem entgegenzutreten.

Wer sich mit mit Alltagsrassismus, alltäglicher Unterdrückung von Frauen und der Benachteiligung des weiblichen Geschlechts auseinandersetzen möchte, kommt um Bad Femninist nicht herum.

Ich bin mit Genuß ebenfalls eine Bad Feminist und ganz sicher möchte ich mehr von Roxane Gay lesen.

Bad Feminist ist im Mai 2019 als Softcover bei btb erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder der Verlagsseite.

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5 Gedanken zu “Bad Feminist – geschrieben von einer Guten

  1. nun ja, wir sind der Regelfall, als Frauen können wir vielleicht noch besser nachvollziehen, wie manches ist … aber im Grunde genommen sind wir so normal, dass viele Dinge für uns einfach banal wirken, für die andere so verdammt hart kämpfen müssen.

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  2. hab ich auch bei Gay gemerkt, es ist schwierig aus der weißen Haut und Denke zu wechseln, denn manche Sachen kommen einem so banal und egal vor. Der Typ aus dem Spiegel der so begeistert und aufgewühlt war endlich ein braunes Pflaster passend zu seiner Hautfarbe gefunden zu haben, Ich habe es akzepiert, aber naja … Bei Gay konnte ich vieles nachvollziehen.

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  3. Ja, das Buch ist klasse – aber man muss sich Zeit damit lassen. Sacken lassen, viel drüber nachdenken, es halt denke ich alles seine Berechtigung, nur kann ich es aus meinem tatsächlich weißen privilegierten Background, wenn auch Arbeiterkind, nicht hundertprozentig nachvollziehen. Muss aber auch gar nicht sein, habe ich gemerkt. Was aber sein muss, ist die Tatsache, dass man anerkannt, dass es so ist.

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  4. Das will ich auch noch lesen. Gay bennet die Strukturen auch, sie hat es erlebt, als sie studierte, mit Bestnoten hörte sie eine Komillitonin die der Ansicht war sie würde nur aus Quotengründen, quasi Mitleid diesen Studienplatz erhalten haben. Sie hatte auch lange das Gefühl sie müsste als Frau und PoC immer mehr bringen als andere. Ich finde es spannend Vergleiche anzustellen zu Deutschen mit Migrationshintergrund. In Bezug auf die Sklaverei ist es nicht vergleichbar, klar, aber es gibt Schnittmengen.

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  5. Interessant, dass sie die Spaltung der feministischen Kreise anspricht – naja, logisch eigentilch, nicht überraschend, aber mit dem Hinweis auf Hautfarbe noch mal eine Spur anders. Bin ja gerade immer noch dabei, „Watum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge lese – das braucht Zeit, wenn man alles erfassen will – die dieses Thema, also Feminismus + Hautfarbe sehr dezidiert auseinandersetzt und eher nicht so ganz entspannt mit den strukturellen Gegebenheiten umgeht. Also Bad Faminist wandert sofort auf den Wunschzettel.

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