Der eine bewegungslose Moment der Mitte

Sally ist unterwegs. Wohin weiß sie nicht, nur dass sie weg will ist klar. Mal wieder weg. Weg von zu vielen Fragen, zu viel Besorgnis, zu viel Interpretation, aber vor allem weg von dieser scheinbar allumfassenden Leere, die irgendwie alles andere verdrängt. Noch ist es Sommer, der 1. September genau genommen, aber der Herbst lässt sich an diesem heißen Tag schon spüren. Obwohl die Luft flimmert, wie sie es nur an solchen Tagen tut.

„Auf der Kuppe der schmalen Straße durch die Felder und Weinberge flimmerte die Luft über dem Asphalt. Als Liss mit dem alten offenen Traktor langsam hügelan fuhr, sah sie aus wie Wasser; leichter und beweglicher. Sommerwasser. Man konnte es nur mit den Augen trinken.“

Sally, das junge Mädchen, das von so vielem weg will, trifft plötzlich, mitten im Weinberg, auf Liss. Die sitzt mit ihrem Traktor, respektive mit dessen Anhänger, in einer Rinne fest. Alleine würde sie es nicht schaffen, frei zu kommen. Da fällt ihr Sally auf, die sich am liebsten einfach wieder davon gemacht hätte. Doch irgendetwas an Liss‘ Blick und Art lässt es nicht zu, wieder zu türmen. „Kannst Du eben mit anfassen?“, ist die seit langem erste ehrliche, direkte Frage, die Sally gestellt bekommt. Und so bietet sie an, zu schieben. Was als nächste Reaktion kommt, ist weder eine Be-, noch eine Abwertung, sondern verlangt eine Selbsteinschätzung, die Sally fast aus den Socken haut: „Bist du stark?“. Liss nimmt Sally als Person so uneingeschränkt offen und wertfrei wahr, dass in Sally etwas passiert. Sie haben einander etwas zu geben, befinden sich sozusagen auf Augenhöhe, trotz ihres doch sehr unterschiedlichen Alters.

Dieses Bild der Gegenseitigkeit von Liss, die einen Schubser, etwas Hilfe braucht, um frei zukommen und Sally, die einfach nur irgendwie sein möchte, ohne ständig bewertet zu werden, steht gleich am Anfang von Ewald Arenz neuem Roman „Alte Sorten“, und bildet das Leitmotiv der Geschichte. Beide Frauen haben offensichtlich an etwas zu tragen, das sie aus der Gemeinschaft der anderen herausnimmt. Sie sind eigene Persönlichkeiten, mit einem echten Freiheitsdrang und haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie können Menschen sein lassen, wie sie eben sind. Und genauso möchten sie behandelt werden.

Liss erkennt sich in Sally in vielen Punkten wieder, will nachvollziehen, was Sally zu gewissen Handlungen treibt. Beide lieben das Schlichte, die Einfachheit und Kraft der täglichen Hofarbeit, in die Liss Sally einführt. Seien es die gerade geernteten, frisch gekochten Kartoffeln, die Sally die Tränen in die Augen treiben, weil sie „wie Heimkommen“ schmeckten, oder die Arbeit mit den Bienen, in die Sally von Liss eingeführt wird – es sind Dinge, die getan werden müssen und die schon seit Urzeiten gleich getan werden. Dinge, die eine ungeahnte Verbundenheit herstellen.

Sally lief den Weg zum Haus zurück. Ich bin gerade ein Teil von irgendwas, dachte sie. Ich weiß nicht genau, wowon. Ich bin gerade ein Teil von diesem sonnigen Tag. Ich bin gerade ein Teil von Liss‘ Arbeit. Ich bin gerade ein Teil von diesem Haus.
Sie war sich überhaupt nicht sicher, ob das gut war. Aber in diesem Augenblick fühlte es sich richtig an.

Der Augenblick, die Gegenwart, tun, was getan werden muss, weil es Zeit dafür ist. Das sind die Dinge, die Arenz in den Mittelpunkt stellt. Ohne wenn und aber, ohne weitschweifige Exkurse, aber mit viel Verständnis für die ureigensten Wünsche der Menschen, die heutzutage oft unter einem Berg von Äußerlichkeiten verschwinden. Die Abläufe der Hofarbeit, das Pflegen der Bienenvölker, das Ansetzen der Maische für den Birnengeist, dessen Essenz so flüchtig ist, dass er in reinem Duft aufgeht, beschreibt er so, als täte er den lieben langen Tag selbst nichts anderes. Die Atmosphäre, die durch die Einbeziehung aller Sinne entsteht, wird buchstäblich greifbar und das Lektüretempo passt sich, durch die von Arenz jeweils eingesetzte Sprache, den Ereignissen des Geschehens an. Teilweise meditativ, so dass der eigene Herzschlag sich scheinbar verlangsamt, teilweise wütend, aufgebracht, so dass die Seiten nur so dahinfliegen.

Bereits in seinen vorangegangenen Romanen zeigte Arenz seine große Kunst, Gefühle durch Düfte, Farben und Haptik greifbar zu machen, doch „Alte Sorten hebt sich von den Vorgängerromanen ab. Hier herrscht zusätzlich zur immer präzisen, poetisch eingefärbten Sprache ein anderer Ton, der dem Ganzen etwas Herbes beimischt, was den Roman rund werden lässt. Liss und Sally sind eindeutig die Hauptfiguren, die absolut klar und mit jeweils eigener Stimme vor dem inneren Auge erstehen. Und es ist so wunderbar zu verfolgen, wie poetisch, kitschfrei, humorvoll, erschreckend, gleichzeitig empathisch und vor allem wertfrei die Geschichte dieser Freundschaft entwickelt wird. Hier stimmt einfach alles und alles kommt ins Gleichgewicht. So wie eine Geschichte sein muss, die im Gedächtnis bleiben wird und überdauert. Keine persönliche Nabelschau, sondern echtes Erkennen prägen diesen wunderbaren, feinen Roman, den man einfach lesen muss.

Allmählich begann sie abzukühlen. Noch war der Regen angenehm, aber sie musste sich wieder bewegen.
Eine Minute noch oder zwei. Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten Seiltänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.

„Alte Sorten“  von Ewald Arenz ist im März 2019 gebunden im Dumont Verlag erschienen. Mehr Information zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

11 Gedanken zu “Der eine bewegungslose Moment der Mitte

  1. Liebe Ulrike, wie schön. Das freut mich sehr. Für Dich, für Ewald Arenz und das Buch. Großartig. Aber gerne verlinken …. ich mach dann, wenn Deine Besprechung on sein wird, auch noch einen Link. Regenfrische bräuchten wir hier … von uns aus tropische Nachtgrüße, Bri

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  2. Liebe Bri,

    „Alte Sorten“ habe ich inzwischen mit Genuß leseverspeist, und meine begeisterte Rezension werde ich im Laufe der nächsten Woche veröffentlichen. Ich gehe davon aus, daß es Dir in diesem Zusammenhang recht ist, daß ich auch auf Deine Buchbesprechung hinweise und verlinke.

    Regenfrische Grüße von
    Ulrike

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  3. Pingback: Ewald Arenz: „Alte Sorten“ | leseschatz

  4. Hab‘ Dank für die attraktiven Informationszugaben und das schöne Zitat!
    Dann werde ich auch mal bei ars vivendi stöbern …
    Ganz gewiß werde ich Dich wissen lassen, wenn ich etwas von ihm gelesen haben werde.
    Gutenachtgruß!

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  5. Ach das ist sehr schön. Ewald Arenz ist lokal – er kommt ja aus meiner Heimat und hat bisher bei ars vivendi verlegt, wo ich mal gearbeitet habe, ich kenne ihn also schon lange – eine Größe. Aber der Schritt, den er jetzt geht, der ist schon lange angesagt. Wenn Du mehr von ihm lesen wollen würdest, dann musst Du bedenken, dass Du vielleicht erst etwas anderes, als dies hier lesen solltest, denn das hier ist wirklich sein bestes. Aber sehr gut gefallen haben mir seine anderen Bücher auch. Ein wenig sanfter, verspielter und etwas „harmloser“ sind sie … mein Lieblingszitat aus einem seiner Bücher (Die Erfindung des Gustav Lichtenberg) zeigt, wie schön er schreibt: „“In dieser Nacht wacht Titta auf und lauscht. […] In der Stille hört sie Hufschlag. Ruhig und sicher am Zelt vorbei. Dann ganz leises Geklirr wie von übereinandergelegten Steigbügeln. Das Pferd fällt in Trab, doch es ist schon so weit weg, dass die Mücken lauter sind. Am nächsten Morgen, als die Sonne aufgeht, finden Titta und Reinhard auf ihrem niedrigen Frühstückstisch unter nassen Tüchern eine silberne Schale mit einem kleinen Berg Orangeneis. Von Bergen sehen sie nie wieder. Seine Spur im Sand ist längst verweht, wie immer.“ – bis bald, und ich will wissen, wenn Du etwas von ihm gelesen hast, wie es Dir gefallen hat!! Herzlich, Bri

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  6. Mir ist der Autor noch ganz unbekannt, und ich freue mich sehr, daß Du, liebe Bri, mich mit ihm bekannt gemacht hast.
    Die Mauersegler schwirr-schwärmten hier eben noch vor meinem Balkon lebhaft herum. Fledermäuse habe ich dieses Jahr noch nicht erspäht, aber es gibt durchaus welche in der Umgebung.
    Naturverbundene Grüße von mir zu Dir

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  7. Liebe Ulrike, ach das freut mich jetzt ganz extrem und ich hoffe, Du wirst berichten. Es ist ein ganz besonderes Buch – ich kenne fast alles seine Bücher und die sind alles schön, aber dieses hier ist extrem gut. Ja, das Zitat ist eines der vielen, das ich mir markiert habe und es trifft so extrem gut. Mauersegler beoachtende Grüße zurück … obwohl jetzt bald die Fledermäuse auftauchen werden …, Bri

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  8. Liebe Bri,
    verbindlichen Dank für diese ansprechend-gehaltvolle Rezension. 🙂
    Allein das letzte Zitat macht es für mich zu einem lesenswerten Werk und auch sonst klingt
    „Alte Sorten“, als wäre es etwas für meinen Lesegeschmack.
    Schwalbenschwirrende Abendgrüße von
    Ulrike

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