Nicht lustig, sondern sehr zornig

Es gibt verschiedene Gründe, humorige Bücher zu schreiben. Ich sage extra humorig und nicht – lustig. Im Grunde genommen sind die Bücher von Terry Pratchett nicht lustig. Was ist nun der Unterschied? Für mich ist lustig – nun, so etwas worüber ich lache, aber im nächsten Moment vergessen habe warum. Humor ist, wie sagte jemand, Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es besteht also in jeder Spielart von Humor ein Kern von Ernst. Und Humor erinnert die Menschen meist an ihren eigenen Ernst und deswegen bleibt der Humor (manchmal im Halsstecken) in der Erinnerung.

Pratchett ist zornig, nicht lustig. Und das war seine Motivation, Bücher zu schreiben. Zornig auf die Dummheit, Ungerechtigkeit, menschliche Torheit, Kurzsichtigkeit, zornig auf seine Krankheit, zornig darauf, nicht selbstbestimmt in den Tod gehen zu dürfen. Für das letzte Recht hat er jahrelang gekämpft. Aber daneben hat Pratchett auch viel Liebe in sich, denn Zorn alleine lässt einen verbittern in dieser Welt.

Terry Pratchett hat mich in meinem bisherigen Bücherleben treu begleitet, bis er plötzlich, ohne mich zu fragen, gestorben ist. Einer der Großen und humorigen Schriftsteller ist von uns gegangen, zum Glück hat er reichlich Material hinterlassen. Und seine Bücher sind auf jeden Fall einen zweiten Blick wert. Nun ich will jetzt nicht über seine Bücher reden, aber über das vorliegende Buch, welches Essays, Gedanken und Vorträge Pratchetts in meist chronologischer Form enthält und einen tiefen Einblick in seine Seele wirft.

Zornig ist Pratchett auch bei einer falschen Wortwahl. Worte sind Werkzeuge bei seinem Handwerk.

„Erwartet man denn von einem Musikliebhaber nicht, dass er bei einem falschen Ton zusammenzuckt? Denken Sie darüber nach. Worte verwandeln uns vom Affen zum Menschen. Wir bringen sie hervor, wir verändern sie, jagen sie, essen sie und leben von ihnen – sie sind wahre Arbeitspferde, die jede Last tragen. Sie möglichst gewandt zu gebrauchen, ist die Kunst des schriftstellerischen Gewerbes. Manchmal ist das falsche Wort das richtige Wort, und manchmal kann man Worte so drehen und wenden, dass die Stille schreit. Ihre Pflege, ihre Fütterung und, ja, ihre Aufzucht ist ein Teil der Handwerkskunst, deren Geselle ich bin.“

Pratchett hat viele Fantasy Bücher geschrieben. Beim Wort Fantasy zucken viele Leser erst einmal zurück, doch laut Pratchett ist sie die Urform aller Genres. Für ihn besteht die Rolle der Fantasy darin, sich das Normale, Alltägliche, Gewöhnliche und Unbeachtete vorzunehmen, es umzukrempeln und den Lesern aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen, damit sie es mit anderen Augen betrachten können.

Die Fantasy und Science-Fiction hat vieles voraus gesagt (und vieles nicht), was sie aber nicht bedachte war, dass wir das Internet benutzen um Social Media zu betreiben, Pornos zu schauen und zu chatten. Die Menschen vor dem Computer sind dieselben geblieben, auch wenn sich die Technik geändert hat. (Da ist er wieder der zornige Pratchett, der aber fasziniert die Menschheit betrachtet und diesen Zorn in lakonischen Witz verwandelt)

Nebenbei erzählt uns Pratchett, wie er zu seinem Hut kam, wie er sein Handwerk als Pressesprecher eines Atomkraftwerkes erlernte, was Buchhändler bei Signierstunden besser machen können, wie ein Affe der Bibliothekar in der Scheibenwelt werden konnte und wie die Idee der Scheibenwelt überhaupt das Licht der Welt erblickte. In den späteren Essays wird es ihm immens wichtig, die Selbstbestimmung über seinen eigenen Tod zu bekommen (die er letztendlich erhalten hat) und das ungerechte britische Krankensystem anzuklagen.

Die Essays sind sehr kurzweilig, witzig, gegen Ende fast schon tragisch, da (Sir) Pratchett seine Texte wegen seiner Krankheit nicht mehr selbst vortragen konnte. Ein wirklich großer Schriftsteller hat uns dann 2015 im Kreise seiner Familie mit nur 66 Jahren verlassen. Geblieben ist sein sehr umfangreiches Werk, die Zusammenarbeit mit namhaften Schriftstellern, die wunderschönen Comicadaptionen, Filme, Theaterstücke und und und … Und natürlich dieser wunderschöne Nachruf, der Pratchett als Mensch beleuchtet. Nicht lustig, aber zornig, doch immer mit einem liebevollen Blick.

Auch von meiner lieben Mitstreiterin Thursdaynext goutiert, siehe hier.

Aus der Tastatur gefallen ist im September 2018 bei Goldmann erschienen. Weitere Informationen durch Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

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Ein Gedanke zu “Nicht lustig, sondern sehr zornig

  1. Hab ich noch nicht gelesen, will ich aber natürlich noch tun. Irgendwie kann ich mich aber immer noch nicht damit abfinden, ich glaube, deshalb hab ich auch die letzten Bücher noch nicht gelesen. 😦

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