Der Zufall ist Gottes Methode anonym zu bleiben

 

Im Leben passieren viele Zufälle, die einen plötzlich in eine andere Richtung treiben. Ein völlig ungeplantes Szenario eröffnet sich vor einem und man fragt sich, ob das nun von einer höheren Instanz so geplant war. Vielerorts wird auch das Wort Karma verwendet, eine Aufgabe die bewältigt werden muss, bevor man selbst zu einer nächst höheren Stufe aufsteigt. Nun, belassen wir es einfach bei dem Zufall, der passiert und versuchen wir, die neuen Lebenssituationen zu meistern.

Theo Decker ist dreizehn Jahre alt, als seine Welt bei einem Bombenanschlag auf ein Museum in Trümmer zerbricht. Seine Mutter stirbt, er überlebt leichtverletzt. Später fragt er sich oft, ob er den Tod seiner Mutter hätte verhindern können. Hätte es nicht geregnet, wäre er pünktlich aufgestanden, hätten sie einen anderen Weg durch New York genommen. Das traumatische Ereignis wird für den Jungen zu einer langen Selbstzerfleischung. Seine Kindheit ist mit einem Schlag vorbei.

Im Museum trifft er kurz vorher ein rothaariges Mädchen, das seitdem mit ihm und an sein Schicksal, verknüpft ist. In dem Trümmerchaos bei dem Anschlag, nimmt Theo spontan noch ein Gemälde mit – den Distelfinken. Theo war schon vorher ein ernster und nachdenklicher Junge. Nach dem Tod seiner alleinerziehenden Mutter schwimmt er haltlos in die nächsten Jahre seines Lebens, die Pubertät erlebt er in einem Drogenrausch, als er zu seinem Vater nach Las Vegas zieht und Boris kennen lernt.

„Am Montagmorgen um acht erschienen Möbelpacker in Sutton Place und fingen an, das Appartement auseinanderzunehmen und in Kisten zu verpacken. Ein Antiquariatsbuchhändler kam und sah sich die Kunstbücher meiner Mutter an, und jemand anders begutachtete ihre Möbel – und schier ehe ich michs versah, verschwand mein Zuhause in schwindelerregendem Tempo vor meinen Augen. Ich sah, wie die Vorhänge entfernt und die Bilder abgenommen und die Teppische zusammengerollt und weggetragen wurden, und musste an einen Trickfilm denken, den ich einmal gesehen hatte: Eine Cartoonfigur mit einem Radiergummi rubbelte ihren Tisch weg, die Lampe, den Stuhl, das Fenster mit dem Panoramablick und das ganze behaglich eingerichtete Arbeitszimmer, und am Ende schwebte der Radiergummi in einem beunruhigenden Meer von Weiß“

Boris, durch das Herumziehen seines Vaters in vielen Ländern aufgewachsen und heimatlos, hat eine direkte und nicht so nachdenkliche Art wie Theo, die Welt zu sehen. Manch einer würde es fehlende Tiefe nennen, doch Boris gelingt es leichtfüßig über die Tiefen des Lebens zu gleiten und trotzdem an den richtigen Stellen zu tauchen. Theo und Boris sind bald ein unzertrennliches Paar und probieren in ihrer großzügigen Freizeit alles aus, was sie in die Finger bekommen können. Alkohol, Drogen und Fast Food.

Nach dem Tod seines Vaters flüchtet Theo nach New York zu dem einzigen Freund den er kennt, den Antiquitätenhändler James Hobart, der ihm alles über Restaurierung und alte Dinge beibringt. Den Distelfinken bringt er in ein Lagerhaus, wohl wissend dass dieses Kunstwerk überall auf der Welt gesucht wird.

„Aber – wenn dir ein Ding wirklich am Herzen liegt, bekommt es ein ganz eigenes Leben, nicht wahr? Und ist das nicht der ganze Sinn der Dinge – der schönen Dinge, dass sie dich mit einer größeren Schönheit verbinden? Diese ersten Eindrücke, die dein Herz weit aufreißen, sodass du den Rest deines Lebens damit verbringst, ihnen nachzujagen oder sie wieder einzufangen, auf diese oder jene Weise? Denn ich meine – alte Dinge zu reparieren, sie zu erhalten, für sie zu sorgen – in gewisser Hinsicht gibt es dafür keine rationale Begründung.“

Folge Deinem Herzen. Doch was ist, wenn Dein Herz dich in den Abgrund reißt, wenn es dich auf den Scheiterhaufen bringt, weitab der ausgetretenen Pfade. Theo lernt diese Wege zu beschreiten, die ihm sein Herz, das Leben bereit hält.

1024 Seiten sind ein schweres Pfund, besonders beim Halten in der S-Bahn. Doch die Sehnenscheidenentzündung habe ich mir gerne beim Lesen geholt. Donna Tartt hat einen sehr nüchternen Stil, der diesem Buch aber zu Gute kommt, auch wenn manche Entwicklungen quälend langsam vorangehen. Theos Drogenexzesse werden über Seiten minutiös geschildert, sie erspart ihrem Leser und dem Ich-Erzähler Theo Decker nichts. Da er etwas schwermütig ist, kreisen seine Gedanken oft in seinem Kopf, ohne dass er zu einem Ergebnis kommt. Doch liest sich das Buch wie geschnitten Brot, jedenfalls habe ich das so empfunden. Theo stolpert zwar von einer Lebenskatastrophe in die nächste, doch immer findet er das Schöne im Chaos, das was ihn weitermachen lässt. Und das Ende ist eines der schönsten, die ich in meinem Buchleben gelesen habe.

Der Distelfink von Donna Tartt ist im Oktober 2015 bei Goldmann erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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