Hitlers jüdischer Freund

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter KeglevicDie Beschreibung „Ein rasanter Schelmenroman“ (Der Tagesspiegel) bringt es auf den Punkt –  ein Buch, das dieses Etikett tatsächlich zu Recht trägt! Es liest sich wie eine irrwitzige Fahrt in der Achterbahn auf dem Jahrmarkt. Man weiß nicht genau, welcher Wahnsinn einen nach der nächsten Ecke oder Kurve erwartet. Geht es weiter bergauf oder urplötzlich wieder – man weiß ja, dass es auch mal kommen muss – doch bergab?

Natürlich kommt bei einem Schelmenroman grundsätzlich das aberwitzige Quäntchen Glück hinzu, das meist in unrealistischer Häufung auftritt – so auch hier. Oder wie heißt es bei Wikipedia zur Begriffserläuterung so schön und treffend: „Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. “

Richtig! So ergeht es auch Harry. Er hat keine Ahnung, was ihm ständig so rasant widerfährt, aber er hat unfassbar viel Chuzpe. Harry Freudenthal, wie der Protagonist hieß, bevor er verschiedenste Namen annahm, um vor den Nazis versteckt und unerkannt zu bleiben, hat so unverschämt viel Glück, dass man manchmal schon nur noch genervt kichernd die Augen gen Himmel verdrehen kann, so unrealistisch ist das. Aber natürlich wirkt die Story nur so: durch Überzeichnung. Wer seinen Roman schon „Ich war Hitlers Trauzeuge“ betitelt, will provozieren. Das ist klar.

Peter Keglevic ist ein in Österreich geborener Regisseur, der schon einiges an Preisen abgesahnt hat, so den renommierten Grimme-Preis, aber auch den Deutschen Fernsehpreis. Mit diesem Roman legt er sein erstes Buch vor – und hat dafür aber auch gebührend lange gearbeitet und recherchiert: angeblich seit über 20 Jahren.

So dick aufgetragen die Geschichte an manchen Stellen auch ist (Harrys Vater, ein jüdischer Zahnarzt, muss eines Tages, mitten im Zweiten Weltkrieg, aufgrund hanebüchenster Verwirrungen und Zufälle Hitler behandeln, der unter scheußlichen Zahnschmerzen leidet. Seine Familie kann nicht fassen, dass er, statt dem Führer die Todesspritze zu verpassen, ihn tatsächlich effektiv behandelt und anschließend wieder nach Hause trottet! Wie viele Chancen hat man in seinem Leben für so eine weltbewegende Aktion?!), sie geht ins Detail und man merkt ihr vom ersten Moment an, dass da ein tatsächliches, fundiertes Wissen vorhanden sein muss, sonst könnte der Autor nicht so fabulieren.

Harry Freudenthal hat in seiner Kindheit bereits ein prägendes Erlebnis mit Hitler, als er mit seinen Eltern in der Nähe des Obersalzbergs Urlaub macht und dort Hitler sieht bei einem riesigen Menschenauflauf. Er sieht den Führer, dieser sieht ihn …:

„[…] – und noch immer verfolgte mich Herr Hitler mit seinem Blick. Ein unsichtbares Band. Etwas hielt uns zusammen. Etwas kettete uns aneinander.“

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Harry Dinge erlebt, die ihm irgendwann später auf wundersame Weise Türen und Tore öffneten oder ihm schlicht und ergreifend das Leben retteten.

Der Hauptstrang der Story beginnt, als Harry mit ein paar Leuten Ende März 1945 getarnt als Pilgergruppe auf der Flucht ist. Er verliert die anderen unterwegs und wird plötzlich aufgegabelt von den Nazis, die ihm sicherlich sein Lebenslichtlein ausgepustet hätten, wäre nicht wieder eins zum anderen gekommen: Hier nun eben Leni Riefenstahl. Die Reichsfilmregisseurin kommt, als Harry schon hört, wie der Schlitten der Pistole des Hauptsturmführers Ehrlinger zurückgezogen wird … die Kugel ist für ihn bestimmt, doch das Schicksal hat andere Pläne. Ehrlinger schiebt in der Eile, um die wunderbare Frau Riefenstahl zu sehen, den störenden Harry vor sich her auf den Hof, Riefenstahl sieht Harry – und beschließt:

„Solche wie ihn brauche ich.“

Sie will nämlich einen Durchhaltefilm drehen, etwas, was den Mutlosen Mut macht. Harry oder Paul Renner, wie er sich zu diesem Zeitpunkt bereits nennt, ist einigermaßen drahtig – so einen Kerl braucht sie für den Film. „Wir laufen für den Führer“ – die Läufer müssen von Berchtesgarden nach Berlin laufen. Und Leni wird filmen. Und der Gipfel: Frau Riefenstahl erkennt Harry wieder! Er spielte nämlich schon mal bei einem Film von ihr mit, in einer Mini-Rolle, wo er ebenfalls lief. „Olympia, Marathonlauf. Kilometer 35.“, knallt sie ihm entgegen. Eine Frau mit fotografischem Gedächtnis! Wieder ist Harry das Glück hold – aus dem Nichts heraus rutscht er in die einigermaßen komfortable Situation, für Leni Riefenstahl laufen zu dürfen – eindeutig besser, als erschossen zu werden.

Abstruse Dinge widerfahren Harry auf seinem langen Lauf – doch immer, das wissen wir ja, entkommt er um Haaresbreite dem Schicksal, dem viele seiner Weggenossen nicht entgehen. Das ermüdet auf 572 Seiten erstaunlich selten, auch wenn es manchmal so abstrus wird (Ja, am Ende landet er mit Eva Braun – wen wundert’s – natürlich noch im Bett.), dass man nur noch den Kopf schütteln kann. Aufhören zu lesen wollte ich eigentlich nie, trotz der vielen Seiten, denn Harry erzählt unterhaltsam und hat für den Leser ein großes Wissen mit im Gepäck – und immer wieder muss man sich an der Nase fassen und sagen: Es ist nur ein Roman! Denn so überdreht und fantasievoll die Story um Harry Freudenthal sein mag, das Drumherum, das er erlebt, beobachtet und beschreibt – der Niedergang der deutschen Städte, wie sie bombardiert wurden, wie die letzte Hoffnung der letzten Nazis allmählich schwand und wie die ganze verlogene Gesellschaft sich dennoch noch aufrecht hielt – all das sind Fakten. Sie sind klug und feinsinnig verwoben mit dem erfundenen Wahnsinn, sodass ein unwiderstehliches Zusammenspiel entsteht, das den Leser zu faszinieren vermag!

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic erschien bereits 2017 im Albrecht Knaus Verlag, München und 2019 im Penguin Verlag (vorliegende Ausgabe) als Taschenbuch. Weitere Informationen zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

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2 Gedanken zu “Hitlers jüdischer Freund

  1. Oh cool – ich war auf der Präsentation dieses Buchs im Rahmen der Buchwien, dann hat mich aber jemand wegen eines Jobs angequatscht und ich hab völlig verpasst, was auf der Bühne passierte. Offensichtlich habe ich wirklich was verpasst.

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