Berliner Stadtblatt Nr.22

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@JohnQube auf pixabay

Hoch oben in Neukölln

Hans kocht.

Und daß obwohl der Standventilator mit voller Leistung läuft.

Er schäumt und ist dabei verzweifelt darum bemüht, nicht auszurasten.

Und das alles wegen eines Telefonats.

Mit seiner Mutter, die in ihm eine einzige Unzulänglichkeit sieht. – Eine irrige Laune der Natur. Jemanden, der unfähig scheint, sich diesen lächerlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten zu fügen.

Fahrig greift Hans nach einem Geschenk von ihr.

Einem Buch, das er bürdengleich nun schon seit Jahren mit umzieht, in stiller Unterwerfung dem Umstand gegenüber, daß es von ihr kam.

Er besieht sich voll Abscheu die Titelseite „Talente richtig nutzen“, etwas kneift sich tief in ihm zusammen und überstürzt zerreißt er es und schmeißt das ganze Gefleddere aus der Balkontür.

Nicht wenige Seiten geraten beim Herabsinken noch vor der Balkontür in den Einflußbereich des ventilatorischen Windkanals und werden erfaßterweise hinaus geblasen und sind fort.

Werden weiter gerissen vom böigen Stadtwind, der so unstet umherstreift und nicht eine einzige kehrt je zu ihm zurück, der dasteht und schaut und über sich selber staunt; halb erfüllt von Scham wegen der schändlichen Zerstörung eines mütterlichen Geschenks, das doch als Hilfestellung aus Liebe gegeben worden war. Oder aus Sorge. Oder aus der mütterlichen Gewißheit heraus, daß Hans‘ Leben schief gehen mußte.

Was hatten sie sich nicht den Kopf wegen ihm zerbrochen. Hatten Mutmaßungen angestellt. Und zwar in alle Richtungen. Mal war er ein Spätentwickler. Anderntags schien er ihnen allzu frühreif. Einmal erwähnte sein Bruder ihm gegenüber, daß die Alten davon ausgingen, daß er geistig schlichtweg ein wenig unterbelichtet sei und demnach ein Sorgenkind bleibe.

Das sei schon in Ordnung, meinte sein Bruder.

„Besonders hell strahlt ja keiner von uns. Auch nicht der Alte. – Auch wenn er sich für den letzten Schrei des Universums hält.“ Konrad dachte einen Moment nach. „Auf jeden Fall isser der dickste Schrei des Universums.“

 

Mehr weiß ich allerdings auch nicht

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