Hitlers letzte Kämpfer

In den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges wurde, wie jeder weiß, noch alles aufgeboten, um das heilige dritte Reich zu retten. Kinder wurden zu den Waffen gerufen und gingen freudig in den sicheren Tod. Längst war aber der unsinnige Krieg schon verloren, der Untergang nahte. Rund um Berlin wurden Bunker ausgehoben, die dem Führer einen Rückzug bieten sollten. Bunker mit Essen für Jahrzehnte und Raum für eine persönliche Leibesstandarte, die aus Jugendlichen rekrutiert wurden. Männer, die nie in Kampfeshandlungen verwickelt waren, aber fest an die eingebläute Ideologie glaubten.

Nach sechzig Jahren tauchen aus so einem verschollenen Bunker, unter einem Truppenübungsplatz, vier alte Männer auf, die ihr ganzes Leben in so einem Bunker zugebracht haben. Der letzte Dosenöffner ist kaputt und somit muss nachgeschaut werden, ob der Krieg gewonnen wurde, da auch die Bombeneinschläge, auf eben diesem Truppenübungsplatz, aufhörten.

Was nun folgt, ist eine Irrfahrt im jetzigen Deutschland, die bitterböse und absurd verläuft, als die vier alten Kämpen in Brandenburg wieder das Tageslicht sehen.

 

 

 

Als erstes wird auf einen Bus, der auf der Autobahn vorbeifährt, geschossen, danach Geiseln in einem kleinen Dorf in Brandenburg genommen. Erste Sympathisanten auf dem politisch so informierten und progressiven Land werden gewonnen.

„Schließlich hielt es eine Oma mit Kopftuch nicht mehr aus. ‚SS-Männer, Kindchen‘, sagte sie und rückte näher an Jennys Ohr: ‚Waffen-SS – das waren immer die feschesten.‘ Es fehlte nicht viel und sie hätte mit der Zunge geschnalzt. Wahrscheinlich dachte sie dann aber noch rechtzeitig an ihre dritten Zähne, vielleicht sogar daran, dass man in ihrem Alter nicht mehr für fremde Männer schwärmt – oder heutzutage in solchen Tönen für die SS. Gut möglich, dass sie sich auch gar nicht viel dachte, so inbrünstig wie sie klang.“

Natürlich bekommen die Medien von den vieren (der Anführer der Truppe im Rollstuhl), schnell Wind und so werden die alten Recken vor der Einsatztruppe der Polizei gerettet, schließlich muss ja auch ein Interview gemacht werden, es geht um Zuschauerzahlen. Doch Benny (ein Kameraassistent) und Evelyn (die Leiterin der Sorex (Sonderermittlungstruppe gegen Rechtsextremisten)) geht der Rummel und der plötzliche Schutz von oben für die Altnazis, mächtig auf den Geist.

„Mir ging längst etwas anderes durch den Kopf. Es war nicht nur ein Spruch: Die alten Säcke, die heute in Gerichten, Medien oder der Politik den Ton angaben, kannten sich tatsächlich alle von früher, aus irgendwelchen WGs oder besetzten Häusern der 60er oder 70er Jahre, vom Gruppensex oder einer dieser Oldschool-Demos, bei denen alle noch die Arme ineinander hakten. Im Grunde wurde das ganze Land von einem einzigen Küchentisch aus regiert.“

So irren die, inzwischen auf zwei geschrumpfte Schutztruppe des Führers, durch Berlin und verstehen die Welt nicht mehr. Sodom und Gomorra. Liederliche Verhältnisse, ausländische Viertel, Mitbürger, die die deutsche Sprache nicht verstehen, schlecht angezogene Personen. „Eine defiätische Welle der Zerstörung muss alles weggespült haben, was diese Stadt einst ausgemacht hat. Großberlin steht kurz vor dem Fall.“ Der elterliche Frisörsalon hat Öffnungszeiten von 22:00 – 4:00, ist mit Stahlplatten zugezogen und beherbergt einen Darkruhm, auch wenn das Wort bei Josef für Verwirrung sorgt.

Eine herrlich böse und subtile Satire, die sich wohlwollend von dem etwas plakativ überzogenen ‚Er ist wieder da‚, abgrenzt. Hans Waal verurteilt die verwirrten SS-Zurückgebliebenen nicht, er zeigt deren ideologische Verwirrung aus ihrer Sicht. So kommen diese vielleicht für mancherlei Geschmack besser weg, als sie in der Geschichtsschreibung sollten. Sehr schlecht weg, kommen die heute Lebenden und deren Umgang mit ihrer Vergangenheit.

„Im Grunde war der ganze Alexanderplatz mit seinen hässlichen Nachkriegsbauten ein einziges Abziehbild für dieses kleine schäbige Land, das sich so viel auf seinen Antifaschismus eingebildet hatte und dabei doch nur neue Duckmäuser produzierte. Gerade die Lehrer.“

Hans Waal wählt drei verschiedenen Ich-Perspektiven und bringt damit frischen Schwung in ein altes Thema. So manches mal bleibt einem das Lachen aber im Halse stecken, gerade die Sicht des alten Nazis, wie er die neue Welt sieht, ist amüsant und gleichzeitig abstoßend, aber absolut (aus seiner Sicht) nachvollziehbar. Erschreckend. Eine absolute Leseempfehlung von mir.

 

Die Nachhut von Hans Waal ist im November 2009 beim Aufbau Verlag erschienen. Für mehr Informationen zum Buch Klick auf das Cover oder direkt auf die Verlagsseite.

 

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6 Gedanken zu “Hitlers letzte Kämpfer

  1. Wer weiß das schon … so genau kann man das ja immer nicht sagen, denn Ideen entwickeln sich ja tatsächlich häufiger mehrfach an unterschiedlichen Stellen … aber nun ja, wer weiß;)

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  2. Ja, das stimmt schon, aber „Er ist wieder da“ erschien tatsächlich nach Waals Nachhut! Waals Nachhut erschien im Plöttner Verlag 2008 und Vermes „Er ist wieder da“ 2012!!! Also klingt Vermes eher nach Waal … das ist ein kleiner aber feiner Unterschied.

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