Little Boxes on the hill side …

Ich weiß nicht, wer von euch die Serie „Weeds“ kennt – ich habe sie vor Jahren ein paar Staffeln lang verfolgt und war jedes Mal ob der Akkuratesse und der Gleichförmigkeit, die mir da im Vorspann entgegensprang bass erstaunt. Der Titelsong „Little boxes on the hill side“ von Malvina Reynolds handelt genau von dieser Gleichförmigkeit amerikanischer Städte, die am Reißbrett entstanden, nicht organisch gewachsen, auch ihre Einwohner zu so etwas wie Reißbrettentwicklungen machen – dabei aber wird der Song in jeder einzelnen Folge von anderen Künstlern neu interpretiert dargeboten. Ein paradoxes Bild. Der Song jedoch hebt natürlich auf die Konformität dieser „Wohnschachteln“ ab, deren Individualität alleine durch den Anstrich herausgestellt wird.

Das war die erste Assoziation, die ich hatte, als ich anfing, Sinclair Lewis „Babbitt“ zu lesen, da der Held des Romans in einer Stadt namens Zenith lebt und auch noch selbst Immobilienmakler ist.

 

Little boxes on the hillside,
Little boxes made of ticky tacky,
Little boxes on the hillside,
Little boxes all the same.
There’s a green one and a pink one
And a blue one and a yellow one,
And they’re all made out of ticky tacky
And they all look just the same.

1922 – also vor bald 100 Jahren – veröffentlichte Lewis seinen „Babbitt“, zwei Jahre nach dem Erfolg von „Main Street“  und ebenso aktuell damals wie heute. Für die heutigen Leser*innen sind beide Romane erstaunlich, schreibt Lewis doch schnell, präzise, fast Screwball-artig und vermeintlich satirisch. Doch liest man, was seine Zeitgenossen über „Babbitt“ dachten, so ergibt sich ein anderes Bild. Kurt Tucholsky zum Beispiel schrieb 1925 in der Weltbühne unter seinem Pseudonym Peter Panter voller Begeisterung über das für ihn aktuellste und dabei modernste Werk Lewis. Das was uns heute ironisch und vielleicht übertrieben vorkommt – die ersten 150 Seiten beschäftigt sich Lewis en détail mit dem Tagesablauf seines (Anti/Alltags-)Helden, ohne diesen durch allzu Außergewöhnliches hervorzuheben – ist nur deshalb für uns so zu begreifen, weil es auf sein Gegenteil abzielt: auf einen Mann, der so bemüht normal ist, dass er eben doch satirisch-ironisch daher kommen kann. Babbitt ist trotz seiner Normalität ständig im Ausnahmezustand und das ist nicht nur amüsant zu lesen, sondern zeigt, wie wenig sich in den letzten hundert Jahren doch tatsächlich für uns „zivilisierte“ Menschen geändert hat.

Aber ist es denn tatsächlich wichtig, ob eine Lektüre vom Autor satirisch gemeint wurde oder nicht, wenn sie mit solcher Verve verfasst wurde? Ich meine nicht. Wichtig ist nur, dass man sich als Leser*in nicht durch solche Gedanken den Lesefluss anstauen lässt. Einlassen muss man sich auf Lewis immer können, sonst legt man ihn zu schnell beiseite und muss nach einer Unterbrechung fast wieder von vorne beginnen, da doch trotz der Alltäglichkeit, die Tucholsky damals weder im amerikanischen noch im deutschen Roman nur ansatzweise so gut dargestellt sah, so vieles geschieht. So muss man also ab und an Zeit frei schaufeln, um sich am Stück mit diesem außergewöhnlichen Roman zu beschäftigen, ohne gleichzeitig zu sehr darüber zu grübeln und auch nach der erfolgter Lektüre wird er lange im Gedächtnis bleiben, wird man sich lange mit den Strukturen, dem Hauptcharakter, der so erschreckend aktuell ist, dass man ihn ohne große Probleme in unserer Zeit sehen könnte, beschäftigen. So leicht lässt er einen nicht los, vor allem deshalb nicht, weil er doch im Grunde ein kritischer Mensch ist, der sein zumindest für seine Begriffe rebellisches Wesen im Laufe des Romans erkennt.

Hat Tucholsky in seiner Besprechung noch bedauert, dass die Übersetzung leider am amerikanischen Slang scheiterte, so ist die wunderbar gestaltete Neuübersetzung von Bernhard Robben über diesen Makel mehr als erhaben. Auch wenn Robben in seiner editorischen Notiz sein Vorgehen, sich nicht in die Phraseologie der Entstehungszeit gewagt zu haben, quasi entschuldigt, was völlig unnötig ist.  Das Nachwort von Michael Köhlmeier gibt weitere Einblicke sowohl in den Roman als auch in das Leben des Autors und ergänzt diese schmucke Ausgabe perfekt.

„Babbitt“ von Sinclair Lewis ist im Oktober 2017 im Manesse Verlag erschienen. Weitere Informationen zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

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2 Gedanken zu “Little Boxes on the hill side …

  1. Ja, genau, witzig, manchmal etwas anstrengend, das mag aber an mir gelegen haben, weil man für solche Lektüre eigentlich den Kopf frei und Zeit haben muss. Aber satirisch meine ich eben – wie Tucholsky und Köhlmeier es auch meinen – ist er nicht. Er ist aus der Zeit her zu verstehen und das bringt uns zum lachen, ist aber offensichtlich nicht überzeichnet.

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  2. Ich fand den Roman sehr witzig und auch erstaunlich frisch und aktuell. Satirische Elemente hat er natürlich schon, aber Du hast Recht, so eindeutig ist es nicht, denn der Autor blickt keineswegs auf seine Figuren hinab.

    Gefällt 2 Personen

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