„Ja, nu!“, sagte der Luschi …

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Was soll man bitte davon halten, wenn es an der Türe klingelt und da steht ein Typ, ein völlig normal aussehender Typ, der einem erzählt, er sei der Tod?

Thees Uhlmanns Protagonist in seinem grandiosen Erstlingswerk „Sophia, der Tod und ich“ jedenfalls bleibt schlagfertig, auch wenn der Typ vor der Tür ganz selbstverständlich reinkommt und leider sein Anliegen aufs Genaueste erläutert:

„Er: „Guten Tag. Eigentlich können Sie mir gar nicht helfen. Ich bin der Tod und Sie müssen jetzt mitkommen.“
Ich: „Ja, dann warten Sie kurz. Ich pack nur noch schnell meine Sachen und komm dann!“
Der Mann verdrehte die Augen, schaute mich an und sagte: „Oh, einer der Humorvollen! Wundervoll. Noch nie gehört den Witz. Sie haben jetzt noch drei Minuten Zeit, um über alles nachzudenken. Wenn Sie jemanden anrufen oder schreiben, sterben Sie sofort.“
Von allen abgedrehten Dingen, die ich je gehört und erlebt habe, war das vermutlich eines der abgedrehtesten.“

(Hach, wie ich mich doch schon wieder allein beim erneuten Lesen dieser Zeilen über diesen herrlich lakonischen Stil freuen kann! Es ist eine wahre Pracht! Wem dieser Einstieg zusagt, der wird seinen Spaß haben auf allen 318 Seiten, die das Buch zu bieten hat!)

Doch dann passiert etwas, was den etwas beamtenmäßig agierenden Tod komplett aus dem Konzept bringt: Es klingelt erneut an der Tür. Erst einmal, dann zweimal, dann, äußerst genervt, sogar noch ein drittes Mal. Völlig verdattert fragt der Tod: „Was machen wir jetzt?“ – Doch dann übernimmt er nach einer kurzen Schockminute wieder das Ruder:

„Weißt du was? Wir machen jetzt die Tür auf. Endlich mal Leben in der Bude. Ich habe schon viele Tode getroffen und davon gehört, aber ich habe noch nie einen Tod getroffen, dem das passiert ist. Wir gehen jetzt dahin und dann machen wir die Tür auf. Wouhou. So was ist seit Hunderten von Jahren nicht passiert, und jetzt passiert es genau mir. Ich weiß noch nicht, WIE schlecht das ist, aber das ziehen wir jetzt durch. Wir machen jetzt die Tür auf. ‚Eh, Luzifer, alte Schwefellunge, kommst du auch mal wieder rum.‘ Oder: ‚Erzengel Gabriel, top ondulierte Haare. Was machst du hier?‘ Los, wir machen jetzt die Tür auf. Das wird geil!“

Vor der Tür steht Sophia, die Exfreundin des „Todgeweihten“. Und was nun kommt, ist ein Feuerwerk an Schlagabtausch. Sophia ist extrem genervt von der Luschigkeit ihres Exfreundes, die sie schon wieder darin bestätigt sieht, dass er offensichtlich vergessen hatte, dass sie verabredet waren für diesen Tag. Ein Besuch bei seiner Mutter steht an und sie wollte ihm den Gefallen tun, noch einmal mitzukommen. Und dann dieser komische Besucher, der bei ihrem Ex da in der Wohnung abhängt. Irgendwie hat der optisch sogar etws Ähnlichkeit mit ihm, alles sehr merkwürdig. Die eh schon kratzbürstige Sophia läuft zur Hochform auf und staucht ihren Ex vor dem seltsamen Besucher total zusammen. Und der? Der von so viel Leben geflashte Tod genießt das in vollen Zügen!

Was Thees Uhlmann hier schafft, ist irgendwie nicht richtig in Worte zu fassen. Die Magie liegt sowohl in der Handlung, als auch im Stil der Geschichte, diesem herrlichen, knochentrockenen Humor. Tod, Exfreund und Sophia ziehen absurderweise gemeinsam los, zuerst in eine Kneipe, wo klar wird, dass der namenlose Ich-Erzähler ganz dringend Sophia selbst erklären muss, wer sein neuer „Kumpel“ ist, denn wenn es der Kumpel selbst tut, hat Sophia leider auch nur noch drei Minuten zu leben – so wie eigentlich auch der Ich-Erzähler. Dann fahren sie wirklich zur Mutter des Todgeweihten – und zwar alle drei. Der Todgeweihte gewinnt tatsächlich durch den Riesenzufall des Klingelns an der Tür Zeit auf Erden. Er kann, auf seine ihm eigene, sehr luschige Art, noch ein bisschen Dinge in Ordnung bringen, die nicht so ganz rund laufen. Und tatsächlich wechseln sich auf diesen starken 300 Seiten der Klamauk, der tiefgründige Humor und die rührenden, gefühlsbetonten Passagen derart kunstvoll ab, dass man aus der Karussellfahrt der Emotionen (Lachen, Heulen, Kichern) gar nicht mehr rauskommt. Denn schließlich begibt sich der Ich-Erzähler mit Mutter, Tod und Exfreundin – im wahrsten Sinne des Wortes todesmutig – auf eine Mission zu seinem Sohn, den er seit Jahren nicht mehr gesehen, ihm dafür aber täglich (!) eine Postkarte geschrieben hat. Doch ob ihm trotz gutem Verhältnis zum Tod, das Glück so hold ist, seinen einzigen Sprössling zu finden und aufzustöbern, ob ihm die Zeit dafür reicht und ob am Ende der Tod oder er gewinnt – all das wird natürlich hier nicht verraten. Es soll ja nur dazu verleiten, dass Ihr alle zum Buchhändler geht und irgendjemanden diese Weihnachten sehr, sehr glücklich macht und ihm dieses Buch schenkt!

Lasst Euch also versichert sein, trotz abgedrehtem Plot ist dies auf keinen Fall ein klamaukiges Buch, sondern ein seltener, wunderbarer Glücksgriff aus den Millionen von Büchern, die der Markt bereithält.

Also … worauf wartet Ihr noch?! Hopp, hopp … geht einkaufen!

Sophia, der Tod und ich ist bereits 2015 im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

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3 Gedanken zu “„Ja, nu!“, sagte der Luschi …

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