Neuanfang in Buenos Aires

Der Autor hat ein umfassendes Auswanderer-Epos kreiert, das die drei Schicksale seiner Protagonisten miteinander verwebt. Rocco flüchtet vor der Mafia, weil er als Sohn eines Killers nicht den für ihn zwangsläufig vorzeichneten Weg in der Cosa Nostra gehen will, die Sizilianerin Rosetta vor einem Baron, der ihr Land geraubt und sie vergewaltigt hat und die polnische Jüdin Rachel möchte als einzige Überlebende eines Progroms als Frau einen Job als Buchhändlerin antreten. Alle drei zieht es aus ihrer Heimat in abenteuerlichen Wirren quer über den Atlantik nach Buenos Aires, wo sie einander begegnen, sich verlieren, wiederfinden, sich und andere gegenseitig positiv beeinflussen.

Sehr viele Aspekte dieses Romans haben mir wirklich gut gefallen, da ist als erstes der Umstand, dass dieser spannende Pageturner ein derartiges Tempo, beziehungsweise keine Längen hat und somit kaum wegzulegen ist.

Zweitens hat der Autor den Roman unter einem einheitlichen Motto konzipiert, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Emanzipation. Aber nicht nur Emanzipation der Frauen, wie Rachel, die aus dem Bordell flüchtet und anschließend Yentl-mäßig als Junge verkleidet ihren Traum als Buchhändler(in) lebt und zudem Rosetta, die auch nicht als Prostituierte arbeiten will, für Frauen andere Jobs findet und diese dann gemäß einer kleinen Job-Börse sogar weitergibt. Sondern auch Rocco, der sich selbst und die Hafenarbeiter von der Mafia emanzipieren will, eine Verlademaschine konstruiert und letztendlich eine Gewerkschaft gründet.

Selbstverständlich gibt es auch einige Bösewichte, die die Geschichte sehr rasant machen. Da ist einmal der durchgeknallte Baron, der aus Sizilien Rosetta nachstöbert und sie finden will, um sie zu töten. Der Zuhälter Amos, der Rachel finden und umbringen muss, denn sie war Zeugin eines seiner Morde und könnte ihm Schwierigkeiten bereiten, der Mafioso Tony, der zwar als abgebrühter Mörder doch auch einige sehr positive Eigenschaften und intensive persönliche Beziehungen zu seiner Tochter und Rocco pflegt. Das war fast der positivste Aspekt des Romans. Keine Figur ist stereotyp eindimensional gezeichnet, sogar die schlimmsten Bösewichte haben irgendwo ihre Schwachstellen, sei es der diabolische Amos, der seinen Vater liebt oder der perfid bösartige aber sehr geniale Baron, der auf Grund seiner Schwäche für Kokain letztendlich auch nicht immer kluge Entscheidungen trifft.

Natürlich darf auch ein Schuss Romantik und Schmonzette nicht fehlen, denn Rocco und Rosetta haben sich auf dem Schiff auf den ersten Blick ineinander verliebt, verlieren einander und finden letztendlich ein einem Taschentuch erfordernden Happy-End zueinander. Das wäre dann auch der einzige Punkt, der mir persönlich weniger gefallen hat, den aber viele andere Leser*Innen zu schätzen wissen werden. Aber auch das brutale Leben in den Hurenhäusern und auf der Straße wird sehr anschaulich geschildert. Insgesamt also eine interessante Mischung.

Sprachlich ist die Lektüre eher einfach gestrickt, schnell und entspannt zu lesen, was aber durch den Plot und die restlichen Komponenten gar nicht störend, sondern sogar unterstützend auf das rasante Tempo der Geschichte wirkt.

Fazit: Spannender episch breiter Auswanderer-Roman mit Botschaft, der das Emanzipationsthema wundervoll einbindet und auch noch einen Schuss Romantik bietet.

Als das Leben unsere Träume fand von Luca di Fulvio ist 2018 im Verlag Bastei Lübbe in Hardcover-Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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2 Gedanken zu “Neuanfang in Buenos Aires

  1. @fraggle Keine Sorge ich habe eine derartige Romantikallergie, dass sich bei mir schon die Zehennägel aufdrehen, sobald ich lesen muss, dass sich jemand auf den ersten Blick verliebt. Es ist nicht so schlimm, wie es scheint und die Liebesgeschichte ist nur ein kleiner Teil.

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  2. Ich mochte „Der Junge, der Träume schenkte“ und „Das Mädchen, das den Himmel berührte“ wirklich sehr gerne, fand dafür „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ absolut unerträglich kitschig. Und wenn ich jetzt etwas von „Romantik und Schmonzette“ lese, erfüllt mich das nicht mit Vertrauen … 😉

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