Das Buch der vergessenen Artisten

Es gibt Bücher, die locken mit einem wunderschönen, eindrücklichen, neugierig machenden Cover. Dasselbe gilt für Titel, die im Gedächtnis haften bleiben, indem sie Fragen aufwerfen. „Das Buch der vergessenen Artisten“ punktet mit beidem und einer interessanten, ungewöhnlichen Geschichte, die zwischen dem Berlin der Dreißiger Jahre und dem fünfzehnjährigen Mathis Bohnsack, dem schwächlichen dreizehnten Sohn eines Bohnenbauers aus dem Rheinland wechselt. Mathis, dessen Leben Vera Buck erzählt, ist es gelungen, sich aus Tradition, Heimat und vorgezeichnetem Schicksal zu lösen. Mut, der aus Verzweiflung rührte, und die große Liebe zu einer auf dem im Dorf gastierenden Jahrmarkt entdeckten Maschine, gaben den Anstoß. Diese rasch aufflammende Liebe, seine Fähigkeit zu einer grandiosen, fast selbstlos zu nennenden, toleranten loyalen Hingabe, verlassen ihn sein Leben lang nicht. Mathis ist der rote Faden, der sich durch die dichte, breit angelegte Handlung dieses sprachlich einfachen und dabei erzählerisch so fesselnden Romans zieht.

Im Buch der vergessenen Artisten setzt die 1986 geborene Autorin diesen Jahrmarktskünstlern ein Denkmal. Sie erweckt sie wieder, fängt den Tenor, das Lebensgefühl der Menschen der jeweiligen Zeit zwischen 1902 und 1935 ein und flicht en passant verschiedene, noch heute bekannte Persönlichkeiten oder Institutionen dieser Jahrzehnte ein: Chaplin, Kafka, Marie Curie, die Folies Bèrgères, Coco Chanel, Agatha Christie, Hans Sarrasani junior bis Adolf Hitler und den Herausgeber des Stürmers. Bucks Intention für Toleranz, Vielfältigkeit und Weltoffenheit, Neugier und der Kunst sich das Staunen angesichts der von der Welt dargebotenen Wunderlichkeiten und Wunder zu bewahren, dringt aus jeder Seite dieses zauberhaften Romans. Sie widmete ihn ihrem Großvater mit den Worten:

 

Du hattest recht. Sie könnten den Leuten einen Stock mit Perücke hinstellen. Wird trotzdem gewählt. Als hätten wir seit der letzten Vergangenheit rein gar nichts dazugelernt.

– Für Opa – Gegen das Vergessen“

Diese Vermengung historischer Persönlichkeiten und Fakten mit Fiktion und die Detailfülle wirken dank Bucks Können und ihrer leichten, mit sachtem Humor durchzogenen Art zu erzählen niemals überladen. Man möchte jederzeit erfahren, wie es weitergeht oder ist gespannt wie Mathis Bohnsack zu dem wurde, der er 1935 ist und nicht zuletzt, ob seine Liebe zu Kraftfrau Meta ein gutes Ende nimmt. Wer jetzt denkt, hier liest man Kitsch, der oder die sei beruhigt oder enttäuscht. Buck kann sehr vieles, aber seicht oder kitschig wird sie in ihrem zweiten Roman nie. Ihr geht es um die Hintergründe, sie nimmt die Leser*innen mit auf eine Erkundungsfahrt durch menschliche Beziehungen, Entwicklungen, Charaktere und Antriebskräfte und stösst sie mitten hinein in die gar nicht so ferne deutsche Geschichte. Dabei erzählt sie wohltuend distanziert, sie berichtet statt zu werten, lässt das Kopfkino beim Leser wirken.

Klare Leseempfehlung für diesen rundum gelungenen, fetten, lebensprallen Schmöker von mir. Ab an den Lieblingsleseplatz, einmummeln und übers Wochenende ein- und abtauchen in diese fremde bunte Welt.

Das Buch der vergessenen Artisten von Vera Buck ist im September 2018 bei Limes erschienen. Nähere Informationen durch Klick auf’s Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

 

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