Vanity Fair versus Heilung

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Ein rauschendes Fest auf dem Land, geladen ist alles, was Rang und Namen hat in der englischen High Society – auch Patrick Melrose. Mittlerweile hat er sich von den Drogen verabschiedet, ernährt sich „von Mineralwasser und fettarmer Kost“, womit sich gleichzeitig der Grund, solche Feste zu besuchen und das Hilfsmittel, solche Zusammenkünfte zu überstehen, in Luft aufgelöst haben. Bisher hat er niemandem, auch nicht seinem besten Freund Johnny, von den Ereignissen erzählt, die ihn zu Heroin, Koks, Marihuana, Alkohol und beliebigen Aufputsch- und / oder Beruhigungsmitteln aus dem Arzneischrank – all das gerne auch in ausgeklügelter Kombination – haben greifen lassen. Im nachhinein betrachtet, war seine Sucht für ihn überlebensnotwendig – Heroin immerhin aufgrund seines Standes und dem damit verbundenen monetären Mitteln in bester Qualität, hat ihn gerettet. Die zweite Rettung, die er erfahren durfte, kam für ihn unerwartet durch den Tod seines Vaters. Ein Aufatmen, eine Befreiung, die Konsequenzen zeitigte, Patricks Lebensstil und die Sicht auf viele Dinge und Menschen, die sein bisheriges Leben bevölkerten, veränderte sich nachhaltig.

Ganz zu schweigen, dachte Patrick, als er die Füße aus dem Bett schwang, von den zwei Orten, wo er heute Abend sein wollte:: auf Bridgets Party und nicht auf Bridgets Party. Und er war nicht in der Stimmung, mit Leuten zu Abend zu essen, die Bossington-Lane hießen. Er würde Johnny anrufen und sich mit ihm allein zum Essen verabreden.

Edward St. Aubyns eigentlich als Abschlussband der Melrose Trilogie angedachter Roman mit dem deutschen Titel Nette Aussichten – der durchaus doppeldeutig zu verstehen ist – zeigt im Grunde einen Tag im Leben des Patrick Melrose, der ihn wieder zurück katapultiert in die Gesellschaft derer, die er nach seinem Entschluss, clean zu werden und das auch zu bleiben, aus seinem Leben verbannt hat.

Kaum lag der Hörer auf der Gabel, als das Telefon läutete. Es war Nicholas Pratt, der ihn dafür tadelte, dass er auf die Einladung nach Cheatley nicht reagiert hatte.
»Dank mir bloß nicht dafür«, sagte Nicholas Pratt, »dass ich dir eine Einladung zu diesem glanzvollen Ereignis heute Abend verschafft habe. Ich bin es deinem lieben Papa schuldig, dich ins richtige Fahrwasser zu lotsen.«
»Ich ertrinke bereits darin«, sagte Patrick. »Außerdem hast du den Boden für diese Einladung nach Cheatley schon bereitet, indem du Bridget nach Lacoste mitgebracht hast, als ich fünf war. Schon damals war klar, dass sie eines Tages zu den Spitzen der Gesellschaft gehören würde.«
»Und du warst zu ungezogen, um derart Wichtiges zu bemerken« erwiderte Nicholas. […] ‚Wie geht es ihr [gemeint ist Patricks Mutter Anm. d. R.] übrigens? Man bekommt sie gar nicht mehr zu Gesicht.«
»Erstaunlich, nicht? Sie glaubt anscheinend, dass es Besseres zu tun gibt, als auf Partys zu gehen.«
»Ich fand sie schon immer etwas verwunderlich«, sagte Nicholas abgeklärt.
»Soviel ich weiß, fährt sie gerade eine Ladung aus zehntausend Spritzen nach Polen. Auch wenn alle Welt das fabelhaft findet, bin ich der Meinung, dass die Familie an erster Stelle stehen sollte. Sie hätte sich die Reise sparen und das Zeug bei mir abliefern können«, erklärte Patrick.
»Ich dachte, du hättest das hinter dir«, sagte Nicholas.
»Hinter mir, vor mir  – hier in der Grauzone ist das schwer zu sagen.«

In einem kurzen, pointierten Dialog schildert Edward St. Aubyn überaus gekonnt sowohl die emotionale Ausgangslage Patricks im allgemeinen, als auch bezüglich der Party und gleichzeitig die nach wie vor schwierige Mutter-Sohn-Beziehung. Der Blick von außen durch Nicholas Pratt – eine für Patrick sicherlich kritisch zu hinterfragende Wahrnehmung – zeigt unverstellt die Haltung der englischen Upper Class Menschen gegenüber, die ihr nicht ureigenst angehören. Diese Kunstfertigkeit ist selten, gepaart mit der Gabe schwere Dinge in einen amüsanten Rahmen zu packen und  die Leserschaft wahrhaft und dennoch tiefgründig zu unterhalten, noch seltener.

Einzig sein guter Freund Johnny, ebenfalls mittlerweile abstinent, bleibt ihm als emotionale und damit sehr wichtige Stütze. Patrick ist sich der Mechanismen und Strukturen der oberflächlich so feinen und im Grunde innerlich ausgehöhlten, verdorbenen Upper Class durchaus bewusst. Als Spross einer der ältesten Familien weiß er nur zu genau, dass es  in diesen Kreisen bei allem darauf ankommt, das Gesicht zu wahren. Auch deshalb hat er sich dazu entschieden, nicht über die Vorgänge in seiner Kindheit zu sprechen. Doch genau am Tag des Festes, zu dem im übrigen auch ein Mitglied der königlichen Familie geladen ist, wird ihm klar, dass er nicht für immer darüber schweigen kann, wenn er weiter gesunden will.

Aber wie sollte er es sagen? Zeit seines Lebens hatte er Worte benutzt, um von seiner tiefen Sprachlosigkeit abzulenken, von diesem unaussprechliechen Gefühl, das er nun mit worten würde beschreiben müssen. Sie würden zwangsläufig lärmend und taktlos sein wie schnatternde, lachende Kinder unter dem Schlafzimmerfenster eines Sterbenden. […] doch Patrick wollte es einem unbezahlten Zuhörer erzählen, ohne dass Geld, Sex oder Schuld im Spiel waren. Einem anderen menschlichen Wesen.«

Bereits die Schilderung der Vorbereitungen des Festes ist die Lektüre wert. Auf der einen Seite sind da die freudigen und doch gestressten Gefühle derer, die das Fest ausrichten und auf der anderen Seite ist da Patrick, der sich der Herausforderungen dieser Party sehr bewusst ist, sich ihnen am liebsten entzöge und das gleichzeitig als Scheitern empfände, was zur Folge hat, dass er nicht anders kann, als sich diesen zu stellen. Alte Bekannte treten auf den Plan, Bridget, die junge Frau, die Patrick als Kind kennenlernte, organisiert den Geburtstag ihres Mannes bis hin zur perfekten farblichen Abstimmung der Blumen und der Dekoration des Festzeltes, das wegen des Termins im fortgeschrittenen Jahresverlauf natürlich auch noch beheizt werden muss. Dort wird nach dem Abendessen mit ausgewählten Gästen, natürlich in den weitläufigen Räumen des Landhauses, der vergnügliche Teil des Abends stattfinden. Die geschliffenen, zuweilen bissigen Dialoge zwischen allen Anwesenden sind überaus köstlich und zeigen die herrschende Maxime der britischen Upper-Class: immer geistreich bleiben, auch wenn es auf Kosten anderer ist. Glasklar und messerscharf seziert Aubyn, was in diesen Kreisen üblich ist: Gesicht wahren, kleine Tricks unter Freunden, nur keine wahren Gefühle zeigen, Haltung zeigen.

Doch ein paar Menschen gibt es, die aus dieser Gesellschaft herausstechen, weil sie echtes Selbstwertgefühl besitzen und / oder sich aus den anerzogenen Mustern herausbewegen wollen. Patrick ist auf dem Fest der von Aubyn eingesetzte Beobachter, der nur ein bisschen mitspielt, aber eigentlich eher analytisch beobachtend den Finger auf offene Wunden legt. Seine Verletzlichkeit wird das erste Mal direkt offenbar, es scheint manchmal gar als schäme er sich dieser Schicht anzugehören, die nichts menschliches im Umgang miteinander an sich hat. Bridget, die Gastgeberin, die sich ihrer Rolle und der damit verbundenen Verantwortung bewusst ist, verhält sich zunächst ganz konform, doch als sie einem schweren Vertrauensbruch auf die Spur kommt, bricht sie aus. Sie ist eine dieser Personen, die genügend Selbstwertgefühl haben, um sich den in ihren Kreisen üblichen Verhaltensmustern zu entziehen.

St. Aubyn spielt gekonnt mit den Blickwinkeln und wir bewegen uns mit ihm auf dem Fest der Eitelkeiten. Das alles ist in seiner hohen Komplexität scharf beobachtet, pointiert geschrieben, amüsant und gleichermaßen erschreckend zu lesen. Innerhalb der Melrose Saga ein Abschnitt, der Patrick in Entschlossenheit zeigt mit einem klaren Blick für die Gegebenheiten, seiner Verletzlichkeit und deren Notwendigkeit bewusst. Er steht sich und den Dingen, die er getan hat, klar und aufrichtig gegenüber, schönt Fehler seinerseits nicht und ganz besonders gelungen ist das Ende, das zwar offen gestaltet, Patrick dennoch zuversichtlich in eine durchaus machbare Zukunft blicken lässt – Nette Aussichten eben.

Trotz seiner Müdigkeit und der absolut unbewegten Luft spürte er, wie seine Seele, die er nur als Teil seines Geistes beschreiben konnte, der nicht von dem Bedürfnis zu sprechen beherrscht wurde, emporstieg und sich hin und her wand wie ein Drachen, der losgelassen werden wollte. Ohne nachzudenken, hob er einen toten Ast zu seinen Füßen auf und warf ihn wirbelnd, so weit er konnte, hinaus in das stumpfe graue Auge des Teiches. Leise Wellen bewegten das Schilf. […]
Patrick schnippte die Zigarette in den Schnee und machte sich, ohne recht zu wissen, was geschehen war, auf den Rückweg zum Wagen, erfüllt von einem eigensartigen Gefühl der Beglückung.

Ob diese netten Aussichten einer Fatamorgana gleich nur eine trügerische und kurz anhaltende Sinneswahrnehmung sind, das wird sich m nächsten Teil dieser kleinen literarischen Serie um die Melrose-Saga zeigen. Muttermilch, der Roman, der auf der Shortlist des Man Booker Prize stand, ihn nicht erhielt und St. Aubyn zu Der beste Roman des Jahres inspirierte, der wiederum mich endlich zu diesem fabelhaften Schriftsteller führte, ist ein weiteres Meisterstück, das in Form und Struktur erneut von den bisher vorgestellten Romanen abweicht.

 

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