Never mind

zorro4 auf pixabay

Patrick Melrose, Spross einer alten englischen Familie der Upper-Class, verbringt seine Ferien gemeinsam mit seinen Eltern in Südfrankreich. Ein altes Landgut, umgeben von Weinbergen in einer der schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann, nennt die Familie ihr eigen. Weit ist es mit dem Familienbesitz väterlicherseits nicht mehr her, wurde der Vater doch enterbt. Enterbt, weil er enttäuscht hatte. Sein Credo: Nichts, was man in der Kindheit erlebt, ist von Bedeutung und wenn man schlimme Dinge in dieser Zeit überlebt hat, übersteht man alles. Stiff upper lip – so könnte man das auch nennen. Die Zähne zusammenbeißen. Haltung zeigen, komme was da wolle. Das mag für einen Erwachsenen, der sich in gewissen Situationen wehren können sollte, gelten. Doch Kinder mit Grausamkeit und Missbrauch zu konfrontieren, hat nichts, aber auch gar nichts mit Menschlichkeit oder einer nur etwas harten Erziehung zu tun. Es ist einfach nur dégoutant, widerlich. Ein weiteres Motto von David Melrose ist aber auch das der ach so feinen englischen Gesellschaft gemeinhin: niemals langweilig sein. Und weil David Melrose zwar intelligent, aber auch recht bösartig, ja eigentlich sadistisch, veranlagt ist und diese Veranlagung auch auslebt, ist er nicht unbedingt beliebt. Menschen, die landläufig als seine Freunde bezeichnet werden, können sich seiner manchmal auch attraktiven Art nicht entziehen – auch deshalb, weil er vor allem ein Gefühl bei anderen Menschen hervorruft: Furcht.

Yvette musste nur noch am Feigenbaum vorbei, dann konnte sie ins Haus huschen, ohne dass Dr. Melrose ihr Kommen bemerkt hatte. Er hatte jedoch die Angewohnheit, nach ihr zu rufen, ohne den Blick vom Boden zu heben, wenn sie sich eben im Schutz des Baumes wähnte. Gestern hatte er gerade so lange mit ihr geredet, dass ihre ‚Arme erlahmten,  aber nicht lange genug, dass sie die Leinentücher fallen ließ. So etwas konnte er sehr genau einschätzen.

Patrick Melrose hat aber auch noch eine Mutter – die aber flüchtet sich in den Alkohol. Sie merkt, dass ihr Sohn sich häufig einsam fühlt, dass es ihn mehr zu ihr, als zu seinem Vater hinzieht und doch schafft sie es nicht, sich vor ihn zu stellen, ihn aus dem Schussfeld der Grausamkeiten zu ziehen. Denn es gibt natürlich auch so etwas wie „liebevolle“ Momente.

Die Bindung zwischen Eltern und Kindern ist eine besondere, sich abzunabeln ist meist nicht leicht. Wenn aber schwerwiegende Verletzungen – seelischer oder körperlicher Art – passieren, dann denkt man landläufig, müsse die Trennung von dem, was einem nicht gut tut doch ganz einfach sein. So ist das aber bei weitem nicht. Patrick Melrose ist ein Kind, das sich von jeher vor seinem Vater gefürchtet hat. Das ist mehr als Respekt. Und dennoch vertraut er seinem Vater, der ihn auf grausame Art zu lehren versucht, dass Vertrauen töricht sein kann. Zu lesen, wie ein Vater sein eigenes Kind so behandelt, ist harte Kost. Edward St. Aubyn aber gelingt es dennoch, diese Stellen prägnant, nachhaltig aber nicht den Lesegenuss schmälernd, knapp zu halten und die Grausamkeit, die von David Melrose ausgeht, mit chirurgischer Präzision aufzuspüren und in Bilder zu packen, die die ganze Tragweite dieser kleinen fiesen Gemeinheiten auf einen Schlag preisgeben, ohne sie direkt auszusprechen.

Auch das für Patrick Melrose lange Unaussprechliche deutet St. Aubyn nur an, die Leser*innen aber wissen genau, was passiert. Der Feigenbaum, der zum Ferienhaus gehört, spielt eine doppeldeutige Rolle – er trägt überaus viele Früchte, Jahr für Jahr, die einfach vergessen im Hof verderben. Er ist ein doppeldeutiges Symbol von Macht, die vor allem David seinen Mitmenschen gegenüber ausübt. Macht durch Erniedrigung, das ist sein Metier.

Aber wie schon im letzten Beitrag zum zweiten Band der Melrose-Saga angesprochen, gelingt es St. Aubyn hervorragend, die Leser*innen am Buch zu halten. Obwohl klar ist, dass dieser Roman semibiographisch ist, fragt man sich nie, was genau fiktiv und was tatsächlich passiert ist. Das ist eine besondere Güte, die viele Autoren nicht mehr beisteuern können oder wollen. Sieht man sich in der autobiographisch gefärbten Literatur um, dann wird den Leser*innen gerne viel Einblick darin gewährt, wieviel Wahrheitsgehalt in diesen Romanen steckt. Der Autor wird zum Protagonisten und umgekehrt. Und das, obwohl die Maxime der Lektüre doch eigentlich ist, gerade diese Verquickung nicht aufkommen zu lassen. Verwechsle niemals Autor mit Romanfigur. In Zeiten von übermäßigem Reality- TV allerdings scheint es vielen Rezipienten nicht mehr möglich, sich auf etwas einzulassen, das sie nicht mit einer wahren Begebenheit abgleichen oder verbinden können. Dieses Verhalten wiederum wird gestärkt durch Verlage und Autoren, die ihre Bücher besser verkaufen zu können, indem sie deren Authentizität herausstreichen. St. Aubyn hat das nicht nötig. Er schafft Literatur, das braucht ihn als Autor nicht im Vordergrund, was seinen Romanen wiederum eine Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit verleiht, die einem narzisstisch geprägten Werk niemals zuteil werden wird.

Auch wenn Schöne Verhältnisse inhaltlich nicht immer leicht zu lesen ist, so ist es wichtig, dass es gelesen wird. Diese Erkenntnis kam mir, nachdem ich mich endlich überwunden hatte, überzeugt durch die sprachliche und literarische Qualität von Schlechte Neuigkeiten, mich aus meiner Komfortzone zu bewegen und durch meine Lektüre zu bezeugen, dass immer, wenn Grausamkeiten – in welcher Form auch immer – geschehen, es nicht die sind, denen diese angetan werden, die sich schämen müssen. Es ist schwer, die Gedanken, die dieses Buch ausgelöst hat, in Worte zu kleiden, doch ich bin Edward St. Aubyn vor allem für seine Verletzlichkeit dankbar, die er zuließ, um dieses Buch schreiben zu können.

Und ich kann euch beruhigen, es war – für mich zumindest – der härteste Teil der Saga. Wenn ihr immer noch wissen wollt, wie es mit Patrick Melrose und mir weiterging … dann freue ich mich, wenn ihr auch für die nächste Folge der kleinen literarischen Serie hier vorbeischaut.

 

 

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