Von der Macht der Manipulation

Othello neu verfasst von Tracy Chevalier, für das Hogarth-Shakespeare-Projekt – kann das gut gehen? Ja, das kann und meiner Meinung nach ist es Chevalier ausgezeichnet gelungen. Die groben Züge des Dramas, das Shakespeare aus der italienischen Vorlage – eine Geschichtensammlung ähnlich des Decamarone enthielt bereits die Erzählung – verändert auf die Bühne brachte, sind vielen Menschen auch heute noch bekannt. Vielfach ist der rasante Fall des Helden, ausgelöst durch Intrigen, angeblichen Verrat und Eifersucht, variiert worden. Immer aber handelte es sich bei Othello um einen Mann afrikanischer Herkunft, ein Fremder, der sich schon alleine durch sein Erscheinungsbild von der (Venezianischen) Gesellschaft abhebt, in der er lebt.

Tracy Chevalier hat ihren Othello Osei genannt. Er ist der Sohn eines aus Ghana stammenden Diplomaten, der häufig seine Arbeitsstätte und damit auch den Wohnort wechseln muss. Die Familie zieht mit, keine Frage. Wir schreiben das Jahr 1974 und Osei kommt als einziger nicht-weißer Junge kurz vor Ende des Schuljahres in an eine Schule in Washington. Die letzte Schule, die er besuchte, war in New York. Dort ist auch seine fast schon erwachsene Schwester geblieben, um das Schuljahr zu beenden. Der Neue zu sein ist für O., wie er sich der Einfachheit halber gerne nennen lässt, nichts Neues. Doch dieses mal ist es anders. Das merkt O. schon, als er den Schulhof betritt, auf dem seine Mitschüler kurz vor Schulbeginn zusammenkommen. Denn Ian – der Shakespeares Jago entspricht – erkennt, neben der Hautfarbe – etwas in ihm, das seine eigene Position an der Schule gefährdet. Ian ist so etwas wie ein Anführer, jedoch nicht wie Casper (Cassio), der einfach offen, ehrlich und zu allen super nett ist, sondern weil er höchst manipulativ und Angst verbreitend zu Werke geht. Und dann ist da noch Dee (Desdemona), die beliebteste Schülerin von allen, die Lieblingsschülerin des Klassenleiters Mr. Brabant, die Osei gerade aufgrund seiner Herkunft faszinierend findet. Die anfänglich rein optische Faszination vertieft sich, als die beiden sich ernsthaft unterhalten und Dee bemerkt, dass sie sich noch nie tatsächlich und so gut mit einem Jungen unterhalten hat. Osei und Dee freunden sich an, ganz schnell, ganz unkompliziert und Osei ist mehr als dankbar, dass es einen Menschen hier gibt, der ihn offensichtlich mag. Noch dazu ein Mädchen! Denn Sechstklässler – und das ist einer der klugen Schachzüge Chevaliers – befinden sich, was die Annäherung an das andere Geschlecht betrifft quasi zwischen „Baum und Borke“.

Beobachtet man Vorgänge auf Schulhöfen, dann kann man ganz genau feststellen, dass die Schüler bis ungefähr zur vierten Klasse bunt gemischt miteinander spielen. Ab der vierten Klasse jedoch beginnen sich Gruppen zu bilden, die vor allem geschlechtsspezifisch definiert sind. Die Mädchen bleiben ebenso gerne mal mehr für sich, wie die Jungen. Das vertieft sich immer mehr, bis die neue und anders motivierte Annäherung der beiden Geschlechter wieder stattfindet. Dann kommt es tatsächlich zu ersten Pärchenbildungen. Tracy Chevaliers Trick, die Handlung ihrer Shakespeare Neuinterpretation auf einen Schulhof zu verlegen, ist für mich gerade deshalb sehr clever, weil sie das, was da an teilweise unlogischen Vorgängen, deren Beweggründe man kaum hinterfragen kann, nicht zur Diskussion stellen muss, denn wenn ich meinen eigenen Fünftklässler erzählen höre, wie die Kinder miteinander umgehen, dann ist das, was Chevalier schildert, ganz alltäglicher Kram. Gut, mit einem sehr drastischen Ausgang, aber was Beweggründe angeht, hat sie somit einen guten Weg gefunden, diese nicht zu sehr in den Fokus zu stellen. Eine Kritik an solch schnell wandelbaren Gefühlslagen, wie sie ja auch bei Shakespeares Othello durchaus hinterfragbar wären, umgeht sie durch die allgemeine schwierige Seelenlage Pubertierender, die sich durch Unsicherheit ihrer Selbst gerne mal auf die eine oder andere Seite ziehen lassen.

So hat Ian also leichtes Spiel, als er Osei einredet, Dee wäre untreu, was Osei wiederum sehr viel mehr trifft, als es jeden anderen Schüler an dieser Schule träfe. Denn er ist ja quasi per se der Außenseiter und das an diesem ersten Tag dort auch noch doppelt. Das Tempo der Handlung, das bei Shakespeare in der Konsequenz des dramatischen Ablaufs kulminiert, setzt Chevalier genauso gut um: ein Schultag, durch die Pausen in fünf Akte gegliedert. Ein Tag genügt, um ein tödliches Drama zu entwickeln. Oseis Hautfarbe spielt Ian dabei natürlich zusätzlich in die Hände, auch wenn er vorgibt, diese nicht mit bestimmten Vorurteilen zu verbinden.

Konnte Shakespeare noch ungehindert vom „Mohr von Venedig“ sprechen, so ist das heute nicht mehr möglich. Alleine die Tatsache, einen politisch korrekten Begriff für Oseis „Andersartigkeit“ – die ja nicht außergewöhnlich ist, weil ja kein Mensch dem anderen tatsächlich gleichen kann – finden zu müssen, eine  ungewollte rassistische Konnotation zu vermeiden, ist heute manchmal derart schwierig, dass auch ich gerade jetzt so meine liebe Mühe habe, mich nicht verfänglich auszudrücken. Einen, wie ich finde sehr klugen und lesenswerten Essay hat dazu Frank Günther, DER Shakespeare-Übersetzer unserer Zeit schlechthin, in seinem Buch „Unser Shakespeare“ unter dem Titel „Othello, der PoC* von Venedig“ geschrieben, der sowohl die Wichtigkeit einer angemessenen Sprache hervorhebt, aber dennoch darauf hinweist, dass auch vermeintlich politisch korrekte Ausdrücke durchaus anders konnotiert werden können. Ein weites Feld, das Chevalier nur durch die Andeutung des (N-Wortes) durch ein nicht ausgesprochenes Attribut der Hautfarbe Oseis einerseits umschifft und andererseits nicht ausgelassen hat.

Tracy Chevalier hat somit die Handlung, das Motiv, den Plot des Shakespearschen Dramas in eine Zeit gehoben, die gerade für die Afro-Amerikanische Bevölkerung der Vereinigten Staaten Amerikas eine sehr wichtige und hoffnungsvolle war. Nicht umsonst hat die Kunst in den 1960er und 1973er Jahren auch auf die erstarkende Bürgerrechtsbewegung reagiert und Kultfiguren wie Black Panther oder Shaft kreiert. Shakespeares Othello wird zwar eindeutig als Fremder gezeigt, doch seine Hautfarbe wird nie tatsächlich benannt. Die Aktualität, die Chevalier ihrem Othello verleiht, ist aufgrund gesellschaftspolitischer und sozialer Vorgänge unausweichlich. Ein weiterer sehr gelungener Punkt, den es hier hervorzuheben gilt.

Nach Edward St. Aubyns ebenfalls im Rahmen des Hogarth-Shakespeare-Projektes entstandene King Lear Neubearbeitung „Dunbar und seine Töchter“ war dies die zweite Lektüre aus dem Projekt, die mich vollstens überzeugen konnte und Lust auf weitere Neubearbeitungen aus dem Projekt machte.

*Zur Erklärung, falls noch nicht bekannt: PoC ist der derzeit politisch korrekte Ausdruck, der in der Einzahl Person of Color und in der Mehrzahl People of Color bedeuet.

„Der Neue“ von Tracy Chevalier ist im April 2018 bei Knaus erschienen. Weitere Informationen zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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6 Gedanken zu “Von der Macht der Manipulation

  1. natürlich kann man das nicht pauschalisieren, aber es gibt so vereinzelte Typen, die so reagieren,. Vielleicht ist mir das einfach auch präsenter, weil meiner gerade in dem Alter ist.

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  2. Ersteren Einwand kann ich nachvollziehen – wobei ich mir aber auch gerade das vorstellen können. Zweiteres würde ich verneinen. Mein Sohn ist 10, in der fünften Klasse und was sich da auf dem Schulhof abspielt passt genau zu den Dingen, die auf diesem Schulhof ablaufen. Man könnte vielleicht sagen, dass der Maßstab der an das Verhalten der Kinder angelegt wurde, der heutige ist und 1974 die Kinder noch zurückhaltender waren, aber auch das würde ich nicht hundertprozentig unterschreiben. Die Lütten manipulieren ganz schön … und wenn ich mir manchmal durch Zufall anhören kann, wie die miteinander sprechen, wenn sie denken, es wäre kein Erwachsener anwesend, dann ist das schon häufig nicht mehr kindlich. Sie befinden sich in dem Alter so richtig zwischen Baum und Borke.

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  3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein afrikanischer Diplomat seinen Sohn unter den damaligen Bedingungen in eine öffentliche Schule geschickt hätte, die nur Weiße besuchen – das wäre auch ohne Shakespeare-Plot lebensgefährlich gewesen. Außerdem passt die Art, wie die Schüler*innen reagieren, nicht mit ihrem Alter (lt. Buch ca. 11) zusammen. So reagieren meiner Meinung nach Kids, die ein wenig älter sind. Aber wenn man sich diese beiden „Regiefehler“ wegdenkt, ist es eine toll erzählte Geschichte.

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