Warum King Kong starb

„Ich schreibe aus dem Land der Hässlichen und für die Hässlichen, die Alten, die Mannweiber, die Frigiden, die schlecht Gefickten, die nicht Fickbaren, die Hysterischen, die Durchgeknallten, für alle vom großen Markt der tollen Frauen Ausgeschlossenen. Und ich sage gleich, damit das klar ist: Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern. Ich würde meinen Platz gegen keinen anderen tauschen, denn Virginie Despentes zu sein finde ich viel spannender als alles andere.“

Das ist mal ein klares Statement. Wer Viginie Despentes Bücher kennt, weiss, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch so brachial wie der Anfang, bleibt es zum Glück nicht in diesem Taschenbuch, welches Essays von ihr vereinigt. Despentes ist nämlich eine sehr genaue Beobachterin, die ihre Schlussfolgerungen genauestens begründen kann und eindrucksvoll belegt, weshalb das Wort Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern immer noch eine Wortfloskel ist.

Weitab vom Wutgeschäume einer Alice Schwarzer, beleuchtet sie messerscharf die Themen Pornographie, Vergewaltigung, Mode oder auch King Kong und wie unsere Gesellschaft ausgerichtet ist – nämlich Männlich. Die vielen Überschriften wie : ‚flammendes Plädoyer‘ oder ‚wütendes Pamphlet‘ habe ich ehrlich gesagt in dem Buch nicht gefunden. Diese beiden Eigenschaften implizieren eine Art von Dschihad, aber Despentes geht auch selbstkritisch gegen ihr eigenes Geschlecht vor. Bücher, die eine einseitige Schuld verteilen, finde ich persönlich auch nicht treffend, gerade bei dem Thema Gleichberechtigung.

Gerade der Anfang zeigt uns, um was es Despentes geht; Um die andere Seite unserer Bilder die wir über Männer und Frauen haben. Sie beschönigt, im Gegensatz zum Schönheitsideal der Gesellschaft, nichts, nicht das Trugbild steht im Vordergrund. Despentes nimmt wortscharf, wie ein Skalpell, viele Aspekte unseres geschlechterspezifischen Verhaltens unter die Lupe. Sie räumt mit dem Mythos auf, dass sich in dieser Diskussion der Ton verschärft hat, seit den 70er Jahren.

„Frauen mussten sich immer ohne Hilfe durchschlagen. Die Behauptung, dass sich Männer und Frauen vor den 70er Jahren besser verstanden hätten, ist historisch falsch. Sie hatten weniger miteinander zu tun, das ist alles.“

Vieles was sie schreibt, ist aus ihrem eigenen Leben. Ihre Verweigerung, hübsch und adrett auszusehen, die Hinwendung zum Punkrock, der ihr die notwendige Ruppigkeit brachte, aber am allerwichtigsten, die erlebte Prostitution und die am eigenen Leib erfahrene Vergewaltigung. Despentes kanalisiert das erlebte Trauma nicht in Wut oder Hass, auch bleibt sie nicht in der Opferrolle stecken. Eine Vergewaltigung bedeutet immer einen Übergriff, eine narbenschaffende Respektlosigkeit, meist etwas Schlimmeres. Despentes hilft es, darüber zu sinnieren, welche Gründe diese Tat hatte.

„Die traditionelle Männlichkeit verstümmelt nämlich ebenso wie die Zuweisung zur Weiblichkeit. Was heißt das eigentlich, ein Mann, ein echter Mann zu sein? Unterdrückung der Gefühle. Verschweigen der Sexualität. Brutaler und endgültiger Abschied von der Kindheit: Der Kind-Mann hat keinen guten Ruf. Angst vor der unzureichenden Größe seines Schwanzes. Die Frau zum Höhepunkt müssen, auch wenn sie ihm nicht sagt oder selbst nicht einmal weiß, wie.“

Weiterhin half es ihr rückblickend, sich mit den Männern zu versöhnen, als sie, in Lyon lebend, ihren Körper verkaufte. Sie erlebte Männer in einer anderen Art und Weise wieder. Ihre eigene Prostitution entschied sie aus freiem Willen und erkannte die Doppeldeutigkeit der spießigen Gesellschaft.

„Es ist keine Überraschung, dass die Kunden der Prostituierten in Bezug auf Motivation, gesellschaftliche, kulturelle, Rassen- und Alterszugehörigkeit eine sehr heterogene Bevölkerungsgruppe bilden. Hingegen werden Frauen, die diese Arbeit machen, sofort stigmatisiert, sie gehören zu einer einzigen Kategorie: Sie sind Opfer.“

Doch Opfer will sie nicht sein! Die Opfer- Täter Rolle führt zu einer moralischen Verdammung der Prostitution, die laut Despentes so nicht in Ordnung ist.

„Die politische Entscheidung [in Frankreich], die Prostituierten zu Opfern zu machen, erfüllt auch die Funktion, das männliche Begehren zu stigmatisieren, auf seine Niedertracht zu reduzieren. er mag gegen Geld zum Orgasmus kommen, aber dann soll er es in Dreck, Schande und Elend tun. Dabei ist die Vereinbarung der Prostitution ‚ich bezahle dich, du befriedigst mich‘ grundlegend für die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Die Behauptung, dies sein unserer Kultur fremd, ist scheinheilig. Die Beziehung zwischen dem männlichen, heterosexuellen Kunden und der Hure hingegen ist ein vernünftiger und klarer Vertrag. Deshalb muss sie künstlich kompliziert werden.“

Deswegen, so Despentes, ist die männliche Sexualität an sich keine Gewalt gegen Frauen, wenn sie einverstanden und gut bezahlt ist. Gewalt ist vielmehr die Kontrolle, an der Stelle der Frau über das Recht zu entscheiden, was würdig ist und was nicht.

Despentes hat ihr Trauma in dem Film ‚Baise-moi‘ visualisiert und es hat sie sehr erbost, dass dieser Film verboten und zensiert wurde. Doch so wirklich kann dies, bei der herrschenden Doppelmoral, niemanden verwundern. Von Kontrolle und Zensur hat die Politik, der Staat die Finger zu lassen.

Die Verknüpfung von eigenen Erlebnissen und den klaren tiefschürfenden Gedanken von Despentes, machen die Essays so authentisch und ich spüre, dass diese Frau weiß wovon sie schreibt. Schon in Vernon Subutex hat mich ihre klare und direkte Sprache gefangen genommen. Eine Mischung aus einem wissenschaftlichen Essays und der Härte des Punks. Diese Mischung erzeugt eine Exaktheit, der ich mich in ihren Büchern schwer entziehen kann. Sicherlich wird die eine oder andere These in diesem Buch Grund zu weiterreichenden Diskussionen geben, doch an den Thesen dieser Frau sollte kein Interessierter vorbeigehen.

Warum King Kong starb? Jedenfalls nicht, wie der verlogenen Regisseur Satz dem Mann in den Mund legte: „Die Schöne hat ihn getötet“ Nein, das haben die Männchen ganz alleine in ihrer Kontrollwut erledigt.

King-Kong Theorie von Virgines Despentes ist 2018 im Kiwi-Verlag  als Taschenbuch erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

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