Noblesse oblige

Am längsten Tag des Jahres 1922, also am 21. Juni, erscheint ein junger Mann vor dem Notstandskomittee des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten. Nicht freiwillig, wohlgemerkt. Er identifiziert sich als Graf Alexander Iljitsch Rostov, Träger des Ordens des Heiligen Andreas, Mitglied des Jockey Clubs, Meister der Jagd, geboren am 24. Oktober 1889 in St. Petersburg. Die Anklage, der er sich stellen muss, lautet auf moralische Korruption. Was ihn vor der Todesstrafe rettet, ist ein ihm zugeschriebenes Gedicht aus dem Jahr 1913, das ihn damals ziemlich in die Bredouille bringen hätte können, weil es einen Aufruf zu revolutionärem Handeln beinhaltete. Aber nicht wegen dieses Gedichts hatte er Russland in Richtung Paris verlassen …

Amor Towles zweiter, großartiger Roman nach seinem ersten New York Times Bestseller „Eine Frage der Höflichkeit“ steigt gleich mit der Verhandlung und dem Urteil, dem sich der Adlige fügen muss, ein: lebenslanger Hausarrest an seiner derzeitigen Wohnstätte. Glücklicherweise ist diese eine Suite im ersten Haus am Platz, dem Hotel Metropol. Der Blick auf das Bolschoi-Theater ist Legende, die Räumlichkeiten gehören allgemein der Kategorie oberste Spitzenklasse an, zumal die Möbel dem Grafen selbst gehören. Einhergehend mit dem Urteil wird der Graf zu einer „ehemaligen Person“ und verwirkt somit alle Bürgerrechte. Sollte er jemals einen Fuß vor die Tür des Metropol setzen, wird er erschossen. Der Verurteilte selbst nimmt das Urteil mit Würde und Haltung entgegen – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als er merkt, dass sich doch grundlegend einiges für ihn verändern wird.

Er muss sich von vielem verabschieden, was ihm lieb und teuer war, alte Gewohnheiten aufgeben, sich auf viel engerem Raum einrichten und eine neue Beschäftigung finden, will er nicht dem langsam einsetzenden Wahnsinn anheim fallen. Aber da er nicht in die Welt hinaus kann, kommt die Welt eben zu ihm. Erst in Form eines kleinen Mädchens, das gelbe Kleider liebt und das Metropol aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und mit Hilfe eines Passepartout-Schlüssels eröffnet und später in der Erscheinung vieler verschiedener Menschen, die alle von seinem ureigensten Wesen angesprochen werden und ihn deshalb sehr schätzen. Und natürlich hilft ihm auch der Rat seines Onkels, der ihm einst sagte „dass ein Mensch Herr seiner Umstände sein muss, wenn er nicht von ihnen beherrscht werden will…“

Amor Towles hat mit „Ein Gentleman in Moskau“ ein wunderbar stimmiges, rundes, elegantes, spannend kurzweiliges Buch geschrieben, das profunde Einblicke nicht nur auf die politischen Ereignisse im Russland der Jahre 1922 bis 1954 gibt, sondern auch ganz allgemein gültige Beobachtungen über das Verhalten von Menschen in bestimmten Strukturen bereithält. Denn auch wenn sich die äußeren Umstände frappant geändert haben, so sind die Grundzüge des menschlichen Verhaltens doch vergleichbar.

Als der Graf das erste Mal mit Nina auf der Galerie gesessen hatte, war er voller Staunen darüber, wie grundlegend das Leben des Ballsaals sich verändert hatte. […] Aber nachdem der Graf einige Versammlungen miterlebt hatte, war er zu dem erstaunlichen Schluss gekommen, dass sich der Raum selbst trotz der Revolution kaum verändert hatte.

Just in diesem Moment kamen zwei kampfeslustig wirkende junge Männer zur Tür herein, aber bevor sie sich den Reihen der Sitzenden zuwandten, gingen sie quer durch den Raum, m einem alten Mann, der an der Wand saß, ihren Respekt zu zollen. Wahrscheinlich hatte der Mann an der Revolution von 1905 teilgenommen oder 1880 ein Pamphlet aufgesetzt oder 1852 mit Karl Marx zu Tisch gesessen. worauf seine Eminenz sich auch gründet, der alte Revolutionär nahm die Huldigung der beiden jungen Bolschewiken mit einem selbstbewussten Kopfnicken zur Kenntnis – auf einem Stuhl, nebenbei bemerkt, auf dem schon die Großherzogin Anapowa bei ihrem jährlichen Osterball die Tribute der pflichttreuen Prinzen entgegengenommen hatte.

[…]

Es stimmt schon, dass im Saal mehr Leinen als Kaschmir zu sehen war, mehr Grau als Gold.  Aber unterscheidet sich ein Flicken auf dem Ellbogen wirklich so grundlegend von einer Epaulette auf der Schulter? Sollen die Arbeitermützen allerorten nicht, so wie früher Zweispitz und Tschako eine bestimmte Botschaft aussenden? Oder nehmen wir den Bürokraten auf dem Podium mit seinem Hämmerchen. Er kann sich doch bestimmt ein gut sitzendes Jackett eine gebügelte Hose leisten. Wenn er in diesen Armenkleidern auftritt, dann sicherlich um keinen Zweifel daran zu lassen, dass er ebenfalls ein Mitglied der Arbeiterklasse ist und schwere Arbeit leistet!

Sprachlich befindet sich Towles – wie sein Hauptcharakter – auf höchstem Niveau und der jeweiligen Stimme bzw. Situation mehr als angepasst. Auch der auktoriale Erzähler, der sich gleich einem Kommentator ab und an direkt einschaltet und die Geschichte sogar in ihrer Struktur analysiert, damit an manchen Stellen mögliche Kritik am Verhalten einer Figur des Romans oder der Logik einer Situation vorwegnimmt und gleichzeitig durch eine kluge und immer menschliche Arugmentation aushebelt, ist ein genialer Schachzug des Autors. Hier blitzt es nur so vor Charme, Chuzpe und Intelligenz. Solche Passagen verleihen dem gesamten Text einen leicht schelmischen Charakter und lockern die Handlung gleichzeitig auf. Wie die Stimme aus dem Off in einem Film, schafft Towles damit weitere Bilder, die der Geschichte Dichte und Tiefe verleihen, einen zurückhaltend eleganten, samtweichen Eindruck hinterlassen und dennoch ganz klar Grenzen ziehen.

Das Problem der Eindimensionalität, das sich aus dem Setting der Geschichte – Hauptcharakter ist zu lebenslangem Hausarrest in einem Hotel verdammt und die Jahre ziehen dahin – ergeben könnte, vermeidet er geschickt durch verschiedene Einschübe. Mal sind diese Einschübe tatsächliche Fußnoten, die Hintergrundwissen über historische Fakten liefern, mal sind es zeitliche Sprünge in die Vergangenheit des Grafen selbst oder allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen. Atmosphäre erhält das Ganze durch die gekonnte Beschreibung von Gerüchen und das Einstreuen von Bildern, was die Lektüre greifbar, bunt und zu einer besonderen Freude macht.

Er nahm eine Dose von der Kommode, löffelte ein paar Löffel Bohnen in die Mühle und begann an der Kurbel zu kurbeln. Sein Zimmer lag noch unter dem zarten Schleier des Schlafs, als er so vor sich hin drehte. Ungehindert überzog die Schlaftrunkenheit Gesehenes und Gefühltes, Formen und Formulierungen, das was gesagt war, und das, was getan werden müsste, mit ihrem Schatten und verwandelte alles in Schemen. Aber als der Graf die kleine Lade an der Kaffeemühle aufzog, wurde die Welt mit allem, was in ihr war, verwandelt von dem, was den Neid der Alchemisten weckt – dem Aroma frisch gemahlenen Kaffees. Das war der Moment, in dem Dunkelheit von Licht, Wasser von Land und der Himmel von der Erde geschieden wurde. Die Bäume trugen Früchte, und die Wälder regten sich bei den Bewegungen der Vögel und Tiere und allem,was kriecht. Während in unmittelbarer Nähe, draußen auf der Fensterbank, eine geduldige Taube scharrte.

Zusätzlich schafft Towles einen Kreis von Vertrauten für den Grafen, der dank seiner Disziplin der schon nach einem Tag des Hausarrestes greifbaren ennuie zu entkommen versucht. Schlussendlich lässt Towles seinen Hauptcharakter in die Rolle des Oberkellners schlüpfen, als wäre diese sein ureigenstes Wesen und gibt ihm später eine Lebensaufgabe: die Erziehung eines kleinen Mädchens. Jeglicher Aufgabe, die sich ihm stellt, tritt Rostov mit Ernsthaftigkeit, Aufmerksamkeit und Haltung entgegen. Er hat also alles im Griff, bis es nicht mehr um sein eigenes Glück geht. Und hier überrascht Towles mit einer grandiosen Wendung, einem Plan, der einem meiner Lieblingsfilme, Der Clou, entsprungen sein könnte.

Der Aufbau des 560 Seiten umfassenden Romans teilt sich in fünf Bücher und ein letztes Kapitel, das anders als die vorhergehenden Kapitel nur diesen schlichten Titel trägt, der keine Vermutungen über den Inhalt dieses letzten Kapitels zulässt.

Buch für Buch, Kapitel für Kapitel bin ich der Geschichte entzückt und beglückt gefolgt, habe mich verloren in einer anderen Zeit, in einer mir völlig fremden Kultur, die mir plötzlich ganz nah und bekannt vorkam und den Wunsch in mir weckte, mich endlich auch mit russischer Literatur zu befassen. Die ausgeklügelte Struktur, der fundierte feine Aufbau des Buches und die sprachliche Eleganz waren mein tägliches Highlight. Auch nach Beendigung der Lektüre kehre ich immer wieder gedanklich ins Metropol zurück und erfreue mich an diesem außergewöhnlich schönen Lektüreerlebnis. Allerfeinster, die Lesenerven charmant kitzelnder Buchstoff. DAS Lesehighlight des Herbstes 2018 für mich. Und ich freue mich riesig auf die geplante Verfilmung dieses großartigens Stoffs mit Kenneth Branagh als Graf Alexander Iljitsch Rostov – Träger des Ordens des Heiligen Andreas, Mitglied des Jockey Clubs, Meister der Jagd!

Wischinski: Bevor wir anfangen, muss ich doch sagen, dass ich noch nie ein Jackett mit so vielen Knöpfen gesehen habe.
Rostov: Vielen Dank.
Wischinski: Das war nicht als Kompliment gemeint.
Rostov: In dem Fall verlange ich Satisfaktion auf dem Feld der Ehre.

 

Ein Gentleman in Moskau von Amor Towles erschien 2017 im Hardcover in der großartigen Übertragung von Susanne Höbel im Ullstein Verlag. Am 09. November 2018 erscheint es ebenda als Taschenbuch. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

Die Rezension, die für mich den Ausschlag gab, das Buch tatsächlich lesen zu Müssen findet ihr auf Leselebenszeichen. Danke liebe Ulrike für den Schubs in die richtige Richtung, ich hätte wirklich ein wunderbares Buch verpasst …

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6 Gedanken zu “Noblesse oblige

  1. Liebe Ulrike, ja, das ist sowas mit Düften, die schaffen Atmosphäre. Und ich hatte Deine Besprechung doch gelesen … dass ich das vergessen habe, zeigt eindeutig, dass ich urlaubsreif bin. Denn deine Besprechung war es letztendlich, die mich überzeugt hat, dass ich es lesen muss. LG, Bri

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  2. Liebe Ulrike, vielen vielen Dank für den Link – der ging mir doch glatt durch die Lappen. Ich bin exzessive Kaffetrinkerin und da konnte ich an dem Zitat nicht vorbei 😉 Dabei gab es noch so viele andere. Du bringst das in deinem Kommentar genau auf den Punkt. Ich lese morgen deine Besprechung – jetzt ist es mir zu spät … das muss ich genießen. Ganz liebe Grüße, Bri

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  3. Liebe Bri,
    schön, daß wir uns bezüglich des Gentlemans in Moskau harmonisch einig sind. 😀
    Diese Kaffemahlszene fand ich auch überaus köstlich, aber ich habe mich dann für meine Rezension doch für ein anderes Zitat entschieden.
    Dieser Roman bietet wohlformulierte, stilvolle Unterhaltung, dezente Spannung, nostalgisches, kulinarisch-luxuriöses Grandhotel-Flair in Verbindung mit historischem Hintergrundrauschen sowie einen feinsinnigen, würdevollen Hauptcharakter, dessen blaublütigem Charme und großzügigem Entgegenkommen man kaum widerstehen kann.
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/08/05/ein-gentleman-in-moskau/

    In Mitvorfreude auf die Verfilmung dieses Romans
    Ulrike von Leselebenszeichen

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