Dreimal kurz & knapp

Ihr kennt das: wenig Zeit zu lesen, aber viele Bücher im Stapel. Wenn dann mal Zeit zu lesen war, dann geht es mir meist so, dass ich die Bücher zwar aus dem realen Stapel raus genommen habe, doch der gedankliche Stapel in meinem Kopf wächst dafür wieder an. Das Leben kommt mir meist dazwischen, wenn ich das, was ich mir zu erfolgter Lektüre gedacht habe, auch notieren und im besten Fall hier in die weite Welt des Webs hinauslassen möchte, denn ich spreche einfach so wahnsinnig gerne über Bücher. Dabei geht es mir häufig so, dass die Inhalte mich natürlich ansprechen müssen, aber die Struktur, der Aufbau und die Stilmittel das Tüpfelchen auf dem i darstellen, sprich: mit einem klug arrangierten Plot kann man mich jederzeit holen, auch wenn das Thema auf den ersten Blick vielleicht nicht so spannend aussieht.

Da sich aber – wie bereits gesagt – die Bücher immer wieder neu aufstapeln, habe ich mich heute mal dazu entschlossen mehrere in einen Post zu packen und dabei kürzer als gewohnt auf die einzelnen Titel einzugehen. Der Hintergrund dazu ist auch, dass die Geschichten zwar gut sind, mich aber nicht über Maßen gefesselt haben. Also im Klartext: nicht schlecht, aber kein unbedingtes Highlight und das aus ganz persönlichen Lektürevorlieben. Denn wenn ich mich in der Leselandschaft umsehe, haben diese Bücher ganz viele Fans und das ist auch gut so.

Das kalte Blut

Eine detailreiche Geschichte, die beginnend mit der Jugend zweier in Riga geborener Brüder deren Weg über die ihre Zeit in Nazideutschland in die BRD – wo sie als Spione agieren – fast ein ganzes Jahrhundert einfängt. Strukturell nicht uninteressant gestrickt, was bei satten 1200 Seiten ja auch ein Muss ist. Dennoch habe ich mehrere Anläufe gebraucht, um über die ersten 150 Seiten hinaus zu kommen. Diese opulente Geschichte, die immer wieder mäandernd durch die Zeiten wandert, verlangt Durchhaltevermögen, das ich – zumindest zum Zeitpunkt der Lektüre – nicht im Übermaß hatte. Ein solches Werk, noch dazu, wenn es quasi die eigene Familiengeschichte betrifft, zu schreiben braucht dieses Durchhaltevermögen ebenso. Und das kann man Chris Kraus auf jeden Fall bescheinigen. Doch Leser, die es gerne prägnant und auf den Punkt pointiert haben, werden damit nicht unbedingt zurecht kommen.
Zu den Hintergründen und zur Entstehungsgeschichte dieses Buches gibt es einen sehr lesenswerten Artikel auf dem Blog Das graue Sofa.

Das Genie

Die biographische Geschichte mit realem Hintergrund um ein wahres Genie hatte mich stark gereizt, gerade weil ich dieses Genie kennenlernen wollte. Doch die titelgebende Person erscheint erst nach geraumer Zeit auf der Bildfläche dieses 656 Seiten starken Romans, der sich ihr nicht gerade in der darin beschriebenen Sidis-Methode nähert. Das Genie, William James Sidis (1898-1944) überschattet zunächst die Geschichte seiner Vaters, der eben schon erwähnte Methode erfand, um die Welt von Dummheit und Krieg zu befreien. Ein hehres Ziel, keine Frage. Eindrücklich schildert Zehrer die Anfänge der Sidis-Methode, die Zeit, in der seine Protagonisten lebten, die wahrlich nicht einfach war, und auch den Erfinder der Methode. Einzig die eigentliche Hauptperson erschien mir eher blass. Dass Sidis offensichtlich über einen durchschnittlich hohen IQ verfügte, ist bekannt, was die Sidis-Lernmethode ihm antat … das kann man nicht so sicher sagen. Aber eben deswegen ist Das Genie ja auch ein Roman, eine Fiktion. Leider einer der Sorte, der mich auf Dauer nicht ganz fesseln konnte. Ein wenig zu eindimensional war mir die Geschichte im Kern aufgebaut. Ich hätte mir hier eine etwas andere Struktur gewünscht, kann aber keinen Lösungsvorschlag bieten. Manchmal liegt mir einfach die Kürze sehr am Herzen und Leerstellen selbst füllen zu dürfen ist für mich Teil des Lektürespiels. Andere Leser jedoch sind da komplett anderer Meinung.
Ausführlichere Besprechungen finden sich bei Zeichen&Zeiten und Sätze&Schätze

Krieg und Terpentin

Das Leben ist hart, aber man kann alles schaffen was man will – das ist es, was Stefan Hertmans von seinem Großvater lernt. Zunächst einmal etwas, was auch ich an manchen Stellen von meinen Großeltern oder auch meinen Eltern gelernt habe. Auch, wenn deren Leben niemals so stark von Entbehrungen geprägt war, wie das von Hertmans Großvater. Harter Tobak ist es, was uns Hertmans hier erzählt. Ganz unsentimental und klar. Das hat mich nachhaltig beeindruckt und von den drei hier kurz genannten Büchern ist es das, was mir am lebhaftesten in Erinnerung blieb. Eben wegen der Härte, wegen der Klarheit. Aber genau deshalb musste ich es auch immer wieder einmal zur Seite legen. Lektüre auf Etappen, nicht immer das Beste, aber in diesem Fall unumgänglich für mich. Nichts für zarte Gemüter.
Eine ausführlichere Besprechung findet sich auf Buch-Haltung.

Erschienen sind alle Bücher im Diogenes Verlag, nähere Informatiionen dazu auf der Verlagsseite.

 

 

 

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4 Gedanken zu “Dreimal kurz & knapp

  1. Gerne. Ich fand es gut, dass Du das angesprochen hast, denn so konnte ich das auch mal klar machen, ohne darauf im Post selbst eingehen zu müssen. Wobei ich das vielleicht hätte tun sollen. LG, Bri

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  2. naja, gerade deshalb, weil ich nicht immer nur Lobhudeleien los werden will und die Geschmäcker verschieden sind. Deshalb. Was mir nicht gefällt oder was ich als für mich zu unausgereift erachte, kann ja jemand anderes total super finden. Ich versteh schon, dass man sich mit solchen Dingen nicht „belasten“ will und das kann ja auch jeder machen, wie er meint, aber gerade bei Das Genie und Das kalte Blut hatte ich das Gefühl, dass extrem viele Menschen – in meiner Filterblase – diese Bücher sehr gemocht haben. Vielleicht hilft es denen, die sie nicht so sehr gemocht haben oder noch ganz unentschlossen sind, ob sie sie lesen wollen. Ich gehe bei meiner Lektüre thematisch immer mal wieder gerne aus meiner Wohlfühlzone raus und erlebe die eine oder andere Überraschung. Bin aber gleichzeitig erleichtert, wenn ich bei einem Buch nicht so richtig einsteigen kann und mir jemand signalisiert, dass es ihm, ihr ähnlich ging. Deshalb. LG, Bri

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  3. Hallo Bri,
    volles Verständnis für gestapelte und erlesene Bücher. Es ist auch okay, zu schreiben, dies oder das ist völlig doof und daneben.
    Das geht mir auch so. Aber warum sollte ich Bücher annoncieren, mit denen ich nicht wirklich etwas anfangen kann oder von denen ich ausführlich erzählen mag? Das wäre eine Liste: und sonst so …
    Sorry und viele Grüße, Bernd

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