Shakespeare, Populisten und Tyrannen

Eine Warnung: Wenn man Der Tyrann zu lesen beginnt, kann man das Buch nicht mehr weglegen. Ich musste eine Nachtschicht einlegen.

Stephen Greenblatt, Pulitzerpreisträger und Shakespeare Spezialist aus Harvard, nimmt sich Shakespeare her, um die Mechanismen des Populismus und die Vorgehensweise der Tyrannen und Diktatoren zu untersuchen und sie mit jenen, die heute praktiziert werden, zu vergleichen. Und er wird fündig! Reichlich Material hat der wortgewaltige Autor in seinen Stücken zu bieten. Folgerichtig untertitelt Greenblatt sein Werk: Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert.

Seit Beginn seiner Karriere anfangs der 1550er Jahre  interessierte sich Shakespeare dafür, wie es geschehen kann, dass ein Land in die Fänge eines Tyrannen fällt. Zu dieser Zeit musste man sich sehr vorsichtig und behutsam mit dieser Thematik befassen, sonst konnte es geschehen, dass einem plötzlich der Kopf oder andere geschätzte Körperteile abhanden kamen. Freie Meinungsäußerung war kein Bürgerrecht, Theater wurden bei unliebsamen Stücken geschlossen oder abgerissen.

Shakespeares „Trick“ dem zu entgehen bestand darin, dass er die Handlung seiner Stücke in frühere Zeiten und andere Länder verlegte. Der Erfolg gab ihm recht. Ihm war es wichtig Unterhaltung für die Massen zu machen, dabei waren ihm Amüsement und Inhalt gleich wichtig. Wer wollte und dazu in der Lage war konnte im Theater auch immer wieder politisch relevantes finden. Diese Relevanz hat sich bis ins 21. Jahrhundert gehalten. Die Art und Weise wie Narzissten und Egomanen sich den Weg zur Macht bahnen ohne sich um Werte, Mitmenschen und Gemeinwohl zu scheren ist noch immer dieselbe. Putin, Trump, Erdogan, Kim Dingens und wie sie alle heißen interessiert doch nicht das Volk, außer um es für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Macht ist ihr Ziel, sei es um den Reichtum in ihrem Sinne zu verteilen, sei es zum puren Selbstzweck.

Brilliant und scharfsichtig beginnt Greenblatt anhand des englischen Rosenkrieges, Inhalt eines seiner frühen Stücke, aufzuzeigen wie alles beginnt. Spannend und faszinierend liest sich das, aber auch zunehmend beängstigend:

„Dieser Hass ist ein wichtiger Teil dessen was zu sozialen Zusammenbruch und schließlich zur Tyrannei führt. Er macht die Stimme des Gegners, ja den bloßen Gedanken an ihn fast unerträglich.“ So analysiert er in Heinrich dem VI. den jungen König der zu schwach ist diesen „Bruderkrieg“ zu unterbinden.

Und auch in Deutschland und den USA ist dieser Hass auf den politischen Gegner wieder aufgekommen, wird forciert und genutzt von Machtmenschen, die nur ihr eigenes Interesse im Blick haben. Alles schon mal dagewesen. Wir wissen es, unsere Politiker wissen es doch entweder sind sie, wie Heinrich zu schwach oder sie glauben diese rasende Wut in ihrem eigenen Interesse kanalisieren und beherrschen zu können, oder sie sind absolute Egomanen denen jedes Mittel recht ist.

King Lear, Julius Caesar, Macbeth, sie alle sind in verschiedenen Varianten auch heutzutage vertreten. So grandios und informativ Stephen Greenblatt hier seinen Shakespeare auf diese Thematik hin durchleuchtet, so niederschmetternd und furchteinflößend sind die Schlüsse die er zieht. Soziale Ungleichheit ist gewollt, ermöglicht die Kontrolle der Massen, bis sie so brutal wird, dass diese sich erheben. Daher sind all diese Tyrannen, Despoten und Egomanen in ihrem tiefsten Innern unglücklich, paranoid und vertrauen niemandem. Weder ihren Verbündeten und  Mitläufern bis hin zu ihren Familienangehörigen.

Was Greenblatt in seinem Buch darlegt ist eine exakte Analyse dieser Menschen und ihrer geistigen Verfassung und dies alles anhand der Stücke eines vor Hunderten Jahren verstorbenen großartigen Beobachters der menschlichen Natur und Seele. Trotz des unerfreulichen Themas ein großes, spannendes Lesevergnügen das ich gerne weiterempfehle. Unter anderem macht es auch Lust sich wieder an Shakespeares Klassikern zu erfreuen. Sie sich zu erlesen. Und am Ende resümiert Greenblatt:  „…Shakespeare war überzeugt, die Tyrannen und ihre Günstlinge würden am Ende scheitern, an ihrer eigenen Bösartigkeit und an einem Geist der Menschlichkeit, der sich zwar unterdrücken, aber nie ganz ausrotten lasse. Die größte Chance lag für ihn im politischen Handeln gewöhnlicher Bürger.“

Eine Interpretation die sich wie ein Thriller quer durch die (englische) Geschichte liest.

 

Der Tyrann von Stephen Greenblatt ist im September 2018 bei Siedler erschienen. Weitere Informationen durch Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

 

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16 Gedanken zu “Shakespeare, Populisten und Tyrannen

  1. Pingback: Der Mann der Shakespeare gewesen sein könnte | Feiner reiner Buchstoff

  2. Nicht in diesem Buch, da widmete er sich nur den ernsten Stoffen, ich werde mir von ihm „Will in der Welt“ seine Shakespeare Biographie zulegen. Sehr fiktiv natürlich, doch bei diesem Autor stört mich das sicher nicht. Ein schönes Wochenende dir und liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

  3. Aus der Schulzeit klingen noch die Hexen-Worte aus dem Macbeth nach:

    „Where shall we three meet again,
    in thunder, lightning or in rain?“

    Manche Stücke las ich, manche sah ich auf der Bühne oder im Kino, auf weitere bin ich gespannt.

    Zur Nachlese habe ich stets gerne an der Hand:

    Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachwissenschaftler herausgegeben von Ina Schabert. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Clemen, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 3. Auflage 1992.

    Danke für empfehlende Besprechung zu Stephen Greenblatt. Nur aus Gründen des lesenden Gleichgewichtes: Hat er auch was zu Shakespeares Komödien oder Sonetten?

    Sonett XVIII

    Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
    Er ist wie du so lieblich nicht und lind;
    Nach kurzer Dauer muß sein Glanz verbleichen,
    Und selbst in Maienknospen tobt der Wind.
    Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
    Oft ist verdunkelt seine goldne Bahn,
    Denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
    Ist wechselndem Geschicke untertan.
    Dein ew’ger Sommer doch soll nie verrinnen,
    Nie fliehn die Schönheit, die dir eigen ist,
    Nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,
    Wenn du in meinem Lied unsterblich bist!
    Solange Menschen atmen, Augen sehn,
    Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergehn!

    Hier aus: http://gutenberg.spiegel.de/buch/sonette-2186/18

    Es gibt auch andere Übertragungen.

    Schöne Grüße, Bernd

    Gefällt 3 Personen

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