Wem die Stunde schlägt

Tage mit Ora. Schon dieser Titel ist mir ins Gesicht gesprungen Ora, italienisch für Stunde, verknüpft mit dem Wort Tage. Tage mit schönen Stunden? Nur ein Teil dieser Tage sind schön und erinnerungswürdig? Ora ist auch ein Wind am Gardasee. Und ein Wind weht durch das Leben des Erzählers. Eine Frau, wie ein Orkan, die ihn dazu bewegt, etwas Verrücktes anzustellen.

Ein Lied von der Indie-Band Bright Eyes, dient als Rahmen dieser Reisegeschichte. Die Orte, die im Lied besungen werden, sollen aufgesucht werden. Mit einer Frau, die der Erzähler nicht so gut kennt, zu der er eine lose Beziehung hat. Sie fühlen sich zueinander hingezogen. Die Beziehung soll gefestigt werden bei dieser Reise. Doch der Weg ist das Ziel und wenn es sich herausstellt, nicht zusammen zu passen, dann zieht der Wind weiter und das Leben erreicht wieder die vorherige Stille.

Doch sind Beziehungen, Ehen nicht auch Tage des Orkans oder der Stille? Gerade Ehen weisen meist Stillstand und Stagnation der Gefühle auf. Menschen verändern sich, meist nicht zeitgleich. Michael Kumpfmüller begibt sich in den Mikrokosmos einer Begegnung, die nur mehrere Tage hält. Eine Begegnung, die auch gut und gerne stellvertretend für den Ablauf einer jahrelangen Beziehung stehen kann. Sozusagen im Schnelldurchlauf.

Der Erzähler glaubt sich dieser Begegnung gewachsen.

„Das Einzige, was für mich sprach, war meine Seele. Rein Seelisch, muss ich sagen, war ich der perfekte Mann; so eine schöne Seele besaßen die Allerwenigsten. Ich war auch zeitlebens damit beschäftigt, an ihr zu arbeiten, hatte eine komplette Gestalt-und eine Verhaltenstherapie hinter mir, zwei, drei Kriseninterventionen und eine abgebrochene Analyse. Ich hatte meine Seele geschliffen und poliert. Außerdem konnte ich gut reden, ich war witzig, ich war originell, auf bestürzende Weise offen, stellte kluge Fragen, konnte zuhören. Ich äußerte mich auch immer zu dem Gehörten, wusste die Dinge auf überraschende Weise zu verknüpfen, brachte den anderen auf andere Gedanken, tröstete, ermutigte, gab Halt, ohne das man groß merkte, dass ich selbst mehr oder weniger haltlos war.“

Beide sind vom Leben mit Depressionen und Narben gezeichnet. Sie schluckt Pillen gegen ihre Lebensunlust, er wirkt über-therapiert. Langsam nähern sie sich. Ihre Reise verfolgt nicht in geplanten Abschnitten, sie lassen sich meist treiben, genießen die Zweisamkeit, oder brauchen Abstand voneinander.

„Am frühen Nachmittag hatten wir keine Lust mehr auf die Interstate 5. Ora wollte ans Meer, das gut eineinhalb Stunden weiter westlich lag, nicht gerade um die Ecke, aber durchaus machbar – der Plan war zwar ein anderer gewesen, doch waren Pläne nicht da, um sie über den Haufen zu werfen?“

Der geschilderte Mikrokosmos der beiden wirkt auf mich, wie eine verzweifelte Suche der Charaktere zu sich. Dabei klammern sie sich suchend an den Anderen. Voller Lakonie beschreibt Kumpfmüller dieses Aufeinanderprallen, Abtasten und gierig ineinander tauchen. Ein wenig Ironie schwingt immer in seiner Erzählung mit, die dadurch auch so leicht und unbeschwert wirkt. Trotz der sicherlich ernsten Themen, in die sich die beiden Protagonisten verstricken. Und was wollen beide?. „Ich fragte mich zum hundertsten Mal was ich von Ora eigentlich wollte.“ denkt sich der Ich-Erzähler. So ist das Nicht-wissen ihrer Beziehung, auch das Scheitern ihres eigenen Lebenslaufes. Und so könnte es eigentlich immer weiter gehen:

„Ich wollte nur, dass es nicht aufhörte. Verstehen Sie? Wir könnten einfach weiterfahren, dachte ich, die Küste entlang bis nach Mexiko und runter bis Panama und nach Chile und immer so weiter bis an die Spitze von Feuerland. Aber, aber.“

Anders als in seinem letzten Roman, zu lesen hier, in dem die Entwicklung Georgs über Jahrzehnte geschildert wird, hat Michael Kumpfmüller ein leichtes, nichtsdestotrotz, sehr komprimiertes Buch über Beziehungen vorgelegt. Zwei Menschen verwickelt in 2 Wochen USA Reise, dienen als Spiegelbild von jahrelangen Beziehungen. Beschwingt, spöttelnd, aber nie boshaft, erkundet der Autor das Innenleben seines Protagonisten und den Versuch der Annäherung an Ora. So sind den beiden schöne Stunden beschieden und mir als Leser ein amüsantes Leseerlebnis.

Tage mit Ora von Michael Kumpfmüller ist 2018 im Kiwi-Verlag in Hardcover-Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

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