Ein neuer Morgen – ein Berliner Stadtblatt

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@JohnQube auf pixabay

Während Karl Benner in der Vogtländerstraße kraftvoll die Jalousien im Wohnzimmer hochzieht – er hat heute ungewöhnlich lange geschlafen-, läßt Mohammed Ünal die Jalousien seines Schlafzimmers in der Silbersteinstraße herunterrauschen. Er hat wieder eine lange, widerliche Nacht in der Fleischverarbeitung hinter sich.

Zeitgleich läßt Vera Pinke das Doppelgaragentor auf ihrem Anwesen in der Großmünzerstraße aufgleiten, während sie ihrer Assistentin Carola erste Anweisungen zu ihrer neuen, bahnbrechenden Idee mitteilt.

Franz ist zwar ebenfalls schon wach, wenngleich beachtlich verstrahlt. Er hat sich in seinem schmuddeligen Schlafsack immerhin schon einmal aufgesetzt, rubbelt sich das ausgezehrte Gesicht und rüttelt schließlich an der Schulterpartie seines schlafenden Nachbarns. Es ist eine Frau und sie wird Strine gerufen.

Doch sie rührt sich nicht.

Franz wartet und fahndet nach übersehenen Flascheninhalten. Nurmehr ein paar Tropfen.

Schließlich wendet er sich wieder Strine zu. Streicht ihr das Haar aus dem Gesicht und betrachtet sie.

Freilich, waren sie mehr als Knülle gewesen, als sie sich gestern Nacht auf der Grünfläche am Schlesischen Tor in ihre Schlafsäcke hineingefummelt hatten, aber normalerweise erwachten sie doch gemeinsam. Vom Brand, einer unsäglichen Gier nach Wasser und einem gewaltigen Loch im Bauch. Der Verkehr stört sie nicht.

„Strine! Nu‘ komm. Ich hab Hunger.“ – Nichts.

„Strine! Was’n los?“, er packt sie vorsichtig an der Schulter und rüttelt abermals an ihr. Sie stinkt über alle Maße. Er auch. – „Ist doch jetzt vollkommen schnuppe! STRINE!“

Die Frau im Schlafsack bewegt sich nicht. Noch gibt sie Lebenszeichen.

Da setzt eine Dämmerung in Franz ein, als das Verstehen sich anzuschleichen beginnt. Sich entlang der, vom Alkohol, angerissenen Neuronalnetze gemächlich durch sein Hirn schiebt, stets bedachtsam nach neuronalen Verknüpfungen Ausschau haltend, die zu nutzen das Verstehen näher an die zugeschnürte Blase seines Bewußtseins tragen soll. Bis schließlich das Verstehen, das Gewahrwerden der vollen Kälte dieses Augenblicks sein zusammengeschrumpeltes und ausgedörrtes Bewußtsein bis zur Gänze ausfüllt und ihn mit dem Hammer der Verlassenheit brutal zu Boden streckt.

Zu einem Häuflein Elend in Reinkultur zusammengekauert wimmert er über ihr gebeugt und verzagt, während dutzende Hochglanz – SUVs minütlich die vielbefahrene Kreuzung passieren.

Businsassen der Linie 165 werden für wenige Sekunden Zeugen des Geschehens. Doch was sollen sie schon tun?

Eine Passantin kommt heran. Sie ist wohl Ärztin.

Sie fühlt, prüft und bestätigt, was Franz doch schon weiß.

Strine hat es jetzt hinter sich.

Die Frau telefoniert. Dann blickt sie Franz nur kurz an und weiß um das Ausmaß seiner Alkoholschädigungen.

Dieser Mann wird nurmehr noch eine Reise antreten.

Sie gibt ihm 20 Euro und sagt dabei so nette Dinge. Und sie lächelt. Von irgendwoher erklingt schöne Musik.

Franz hat keine Ahnung, wann er das letzte Mal angelächelt worden ist. Muß wohl in einem anderen Jahrtausend gewesen sein.

Franz weint. Aus Verzweiflung. Aus seiner vollkommenen Verlorenheit heraus.

Franz weint. Vor Glück, daß es noch einen Menschen gibt, der ihn sieht.

Er nickt. Er bedankt sich. Er rafft seine Sachen zusammen. Er zieht weiter.

In der Nähe wird wohl gerade eine Jalousie hochgezogen.

So klingt das nämlich.

 

Entstanden am Schreibtag der „Symphonie der Großstadt“ am 21.06.18 – einem kollektiven Schreibprojekt. Initiiert vom Lyriker Arne Schmelzer und gefördert durch das Bezirksamt Pankow.

Am 21.09.18 findet der dritte diesjährige Schreibtag im Rahmen der Symphonie der Großstadt statt. Am 28.09.18 kommen wir dann zur gemeinsamen Lesung ab 18 Uhr in der Brotfabrik (Pankow/Weißensee – da trennen sich die Geister) zusammen. Zuhörer willkommen!

https://symphoniedergrossstadt.wordpress.com/2017/08/24/winterallegro/

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