Wird am Ende alles gut?

Mein Jahr mit dem Tod von Heike Fink

Der Tod ist immer ein heikles Thema. Wenn alte Menschen sterben, sagt man gern: „Immerhin, er/sie hatte ein langes Leben.“ Das beruhigt einen selbst. So ist es richtig: Schön leben, dann sterben. Ist halt so. Anders bei jungen Leuten, die dann sterben, wenn es eigentlich erst los geht mit dem selbstbestimmten Teil des Lebens. Bei jungen Müttern, die der Krebs dahinrafft, wenn sie eigentlich stillen sollten. Solche furchtbaren Schicksale gibt es, mir fehlen die Worte, so etwas eloquent zu kommentieren, es macht mich sprachlos vor Angst, dass mir eines Tages ein ebenso grauenvolles Lebensende bevorstehen könnte. Ich stille zwar nicht mehr, aber ich möchte meine Kinder sehen, wenn sie den Schulabschluss in der Tasche haben, wenn sie (vielleicht) heiraten, will wissen, was sie mal für einen Beruf wählen, ob die Große wirklich Grundschullehrerin wird. Manche Tode kann man einfach nicht schönreden. Eine junge Mutter darf nicht sterben müssen, ein 14-jähriges Kind nicht achtlos vom LKW-Fahrer beim Rechtsabbiegen übersehen und plattgewalzt werden und Babys sollen verdammt noch mal auch bitte schön alle erst über 80 sein, bevor sie sich überlegen, diese Erde wieder zu verlassen.

Mein Verhältnis zum Thema Sterben und Tod ist, wie man unschwer erkennen kann, nun ja, im besten Falle ambivalent zu nennen. Wie viele Menschen weiß ich, dass auch ich irgendwann (ach Quatsch, ich doch nicht!) mal gehen werde, aber es ist völlig surreal für mich, komplett unrealistisch, dass ich irgendwann mal nicht mehr aufwache, mich über rumliegende Legosteine der Kinder ärgere, nicht mehr am Schreibtisch sitze und mit den Fingern auf der Tischplatte rumtrommle, weil mir nicht die richtigen Worte für meine Texte einfallen. Alles sehr unwirklich. Genau deshalb bin ich über meinen eigenen Schatten gesprungen und habe mir das Buch mit dem verlockenden Titel „Mein Jahr mit dem Tod“ von Heike Fink bestellt.

Ich gebe zu, ich habe es schon vor einigen Monaten bestellt, einmal reingeguckt, dann schnell wieder weggelegt, beruhigt, weil ich ja noch ganz viele andere Bücher vorher rezensieren musste. Im Urlaub war es dann aber soweit, ich konnte es nicht mehr länger vor mir herschieben, der Verlag wartet ja auch auf eine Rückmeldung.

Das erste Kapitel nahm mir die Angst, denn es kam sehr betulich, für meinen Geschmack sogar etwas zu behäbig daher. Frau Fink, wie ich aus dem Schwäbischen stammend, ließ es gemütlich angehen, was vielleicht auch ihrer eigenen Angst vor dem Tod geschuldet ist. Sie traf sich zuerst mal mit einem Physiker, der schon einmal klinisch tot war, dann aber doch zurückkam ins Leben und heute wieder komplett gesund ist. Zu seinem Leidwesen erinnert er sich nicht im Mindesten an diese Erfahrung der anderen Art. Ausgerechnet er, der Wissenschaftler durch und durch ist, hatte diese einmalige Chance, etwas zu analysieren, was nur wenige erleben, darüber zu berichten – doch es ist keine Erinnerung mehr da, einfach nichts! Dennoch ist es ein sehr philosophisches Gespräch – und wer schon immer etwas über die Entstehung des Regenbogens wissen wollte, der wird hier zusätzlich fündig.

Das Buch ist, dem Titel folgend, tatsächlich auf ein Jahr angelegt, die Kapitel sind einzelnen Monaten zugeordnet. Der Februar wird schon heftiger: Frau Fink kommt dem Wunsch ihrer besten Freundin nach, ihr beim Tod der eigenen Mutter beizustehen. Dazu muss sie in ein Hospiz gehen, denn dort liegt die alte Dame – doch um endlich über die Eingangsschwelle zu treten, muss Frau Fink ihren enorm groß gewordenen inneren Schweinehund in den Griff bekommen, was leichter gesagt ist, als getan. Ein Hospiz, da will man doch nicht rein! Doch der Wunsch, der Freundin beizustehen, siegt und sie ist wieder um eine Lebenserfahrung reicher. Es ist gar nicht so schlimm, merkt Heike Fink, hier wird auch noch gelacht und gelebt, nicht nur gestorben. Mit diesem Kapitel konnte ich gut umgehen, ging es doch um eine alte Dame, die, siehe oben, ihr Leben gelebt hatte und nun, wie der Lauf der Dinge eben so ist, am Ende ihres Lebenswegs angekommen war. Alles in der richtigen Ordnung.

Sehr erhebend und in manchen Momenten anrührend gestaltet sich der Monat März. Heike Finks Freundin liest zum wiederholten Mal die neu überarbeitete Grabrede ihres Vaters für seine Beerdigung Korrektur. Sie soll verbessern und durchsehen, ob grobe Schnitzer enthalten sind. WHAT? Nicht schlecht die Idee! Der Vater der Freundin ist sowieso ein cooler Kerl: Er hat seinen Körper bereits jetzt Gunther von Hagens vermacht, dem Erfinder der „Körperwelten“-Ausstellung. Ob er jemals in der Gesamtheit seines jetzigen Ichs zu sehen sein wird, weiß er selbst nicht, das entscheidet das Team um Gunter von Hagens dann, wenn es soweit ist. Für ihn ein zusätzlicher Antrieb, sich auch weiterhin so fit wie möglich zu halten, gesund zu ernähren, viel Sport zu machen, agil zu bleiben. Dann sind die Chancen höher, als Ganzkörpermodell in die Ausstellung zu kommen. Morbide Idee? Muss jeder für sich entscheiden. Der Vater zumindest ist glücklich, denn er plant alles gerne im Voraus. Er möchte, dass er all denen, die dann hoffentlich zu seiner Beerdigung kommen werden, einen letzten stimmigen Gruß überlassen kann, Worte, die bleiben, seinen Tod überdauern. Seine Gedanken sind in dem Moment nicht mit seinem Körper verschwunden, sondern sie können noch einmal durch seine Tochter Form erhalten, an die Freunde herangetragen werden. Eine schöne Idee, die ich mir auf meine To-do-Liste setzen möchte (aber natürlich nicht jetzt, denn, ach, ich sterbe ja eh nicht …), wenn ich dann mal so mutig sein kann.

Der April wird schon heftiger, denn noch ist bislang alles ja eher nur in Andeutungen geblieben, keine größeren Dramen, nichts komplett Unmögliches, was mich verzweifeln lässt. Doch im April, der ja bekanntlich nicht weiß, was er will, geht Heike Fink in ein Kinder- und Jugendhospiz. Auch hier ist es glücklicherweise so, dass die Autorin bemerkt, dass ein solcher Ort tatsächlich ein Platz der Freude, Heiterkeit und auch Ausgelassenheit sein kann. Kinder sind Meister im Hier-und-Jetzt-sein. Auch wenn Sie alle, die dort versammelt sind, niemals Großeltern werden, leben sie dennoch JETZT. Nur weil sie nicht alt werden, heißt das noch lange nicht, dass man nicht, so gut es geht, die aktuelle Zeit nicht genießen kann. Für die Eltern der todkranken Kinder ist es eine Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden. Außerhalb dieses kleinen „Universums“ kann ja kaum jemand nachvollziehen, wie es sich anfühlt, jeden Tag mit dem Wissen leben zu müssen, dass Dir die Zeit mit Deinem Kind davonläuft und es vor Dir sterben wird. Schickimicki-Themen aus der Normalo-Welt sind da nicht mehr von Bedeutung, für die betroffenen Eltern fallen viele alltägliche Gesprächsthemen der „normalen“ Eltern weg, somit wird vielen Freundschaften die Existenzgrundlage entzogen und die Eltern der kranken Kinder bleiben oft isoliert zurück. Nicht so aber im Hospiz. Hospiz heißt also nicht Sterbe-Endstation, sondern auch Urlaub vom Alltag. Das Interview mit dem extrem sympathischen, weisen, coolen James, der an fortschreitendem Muskelschwund leidet und selbst bei bester Prognose nur noch in etwa vier Jahre zu leben hat, ist umwerfend und geht sehr zu Herzen. Ein so kluger Junge, der an seinem Schicksal nicht verzweifelt ist, sondern aus reinstem Herzen sagt, dass er sein Leben genießt, hundertprozentig, der reflektiert ist, lustig, kindlich – einfach normal. Das treibt mir die Tränen in die Augen angesichts der unzähligen egomanen Jugendlichen, die vor lauter Wohlstand verwahrlost sind und sich nur noch durch verbale Entgleisungen und körperliches Traktieren der anderen zu spüren scheinen, was ich beim gelegentlichen Abholen meiner größeren Tochter an der weiterführenden Schule beobachten darf.

Als ich mich dem Wonnemonat Mai literarisch nähere, bin ich schon in Hab-acht-Stellung. Mal schauen, wie es weitergeht, wie lange ich das Thema Tod noch ertrage. Der Monat kommt erst mal harmlos daher, eine Journalistin, die nach spannendem Lebensweg nun angekommen ist bei einem Herzensprojekt: Sie ist mittlerweile Sterbebegleiterin und schneidet „Familienhörbücher“. Dafür interviewt sie Sterbende, macht daraus ein stimmiges Hörbuch, untermalt und unterbrochen von passender Musik. Das fertige Produkt hören sich die Sterbenden meist nochmals an, nicken es ab und schenken es dann ihren Hinterbliebenen. Eine wunderbare Idee, so herzzerreißend sie klingt, denn, was gibt es bespielsweis Schöneres, als dem eigenen Kind die Stimme der Großmutter vorspielen zu können, die es nie kennengelernt hat. Doch das Kapitel endet krass. Judith Grümmer, so der Name der Journalistin, verliert ihren Mann, ganz unvorhersehbar, einfach so, ohne Vorankündigung. Eine besonders radikale Krebsform frisst sich durch den Körper ihres Mannes, es geht nur noch um Tage oder Wochen. Und auch sie, die erfahrene Sterbebegleiterin, leidet im Angesicht des Todes des geliebten Menschen, sie hadert mit dem Schicksal, ist unglücklich. Keine noch so große Erfahrung beim Thema Sterben kann einen offensichtlich auf den eigenen Tod oder den eines nahestehenden Menschen vorbereiten. Und an dieser Stelle muss ich abbrechen. Ich schlafe die ganze Nacht kaum, starre ständig meinen Göttergatten an, der da so sanft schlummernd neben mir liegt und habe Panik, einfach nur Panik.

Sicher wächst man an den schwierigen Situationen, die das Leben für einen bereithält, doch noch bin ich nicht bereit für den Rest des Buches. Ich brauche erst mal Ablenkung. Einen guten Roman, einen Film, irgendwas! Am besten etwas Seichtes! Nur nicht weiter über den Tod nachdenken.

Mein Jahr mit dem Tod – wie ich den großen Unbekannten besser kennenlernte von Heike Fink ist im Mai 2018 im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

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4 Gedanken zu “Wird am Ende alles gut?

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