Berliner Stadtblatt Nr.18

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@JohnQube auf pixabay

Draußen in Köpenick

Herr Fred nun war an diesem Vormittag in ganz eigener Mission unterwegs.

Und er mußte sich sputen, wollte er jenen verhassten Grobianen, die zweimal im Jahr eilig vorbeisahen und kurzerhand sämtlichen Innenhofbewuchs malträtierten, ein gehöriges Schnippchen schlagen. Denn bezahlen für derartige Unzulänglichkeiten wollte er schon lange nicht mehr; war aber laut Mietvertrag bis zu dessen Aufkündigung genau dazu verpflichtet.

Ein sattes Salär für Vandalismus in der Pflanzenwelt! Wie konnte es nur soweit kommen?

Nach und nach hatte sich eine Idee in ihm Gehör verliehen und Herr Fred schmale Augenschlitze.

Er würde diesen Kerlen kurzerhand das Wasser abgraben, indem er selbst alle notwendigen Arbeiten vornahm.

Und dies ganz im Sinne der Pflanzen und eines ansehnlichen Farbspektakels.

Also hakte er, als die Zeit kam, das herumliegende Laub auf. Doch da er wußte, wie gut dem Regenwurm Laubblätter schmecken und somit zur Bodenbildung beitragen, stopfte er den Haufen nicht in einen Einwegplastiksack sondern jagte das Ergebnis seiner Betätigung durch seinen Aktenvernichter, für welchen er seit seiner Pensionierung kaum noch Bedarf hatte. Auf diese Weise erhielt er feinstes Laubstreu, welches aufzuhaken unmöglich ist.

Herr Fred brachte alles wieder sorgsam aus, wobei er darauf achtete, das kein Fleckchen Boden zu kurz kam.

Nur noch wässern, dann entfernte er schon umsichtig einige überstehende Zweige und Geiltriebe, die er verpackungslos in die Biomülltonne schnitt.

Die Anwohner dachten sich nicht viel dabei. Nur in einem waren sich alle wortlos einig: Der Alte brauche dringend einen Garten.

Ökonomischer eingestellte Anwohner erwägten stattdessen schon einen Anruf bei der Hausverwaltung zwecks einer Streichung des Gartenpflegeanteils.

Alles in allem wirkte sich die inoffizielle Arbeit des Herrn Fred belebend auf das Miteinander aus. Die Witwe Pauke hielt nun des Öfteren auf ihrem Weg inne. Hunde und Kinder kamen und wollten wissen, was er da zum Kuckkuck treibe.

Und schon war er mit Hundebesitzern und Eltern ins Gespräch vertieft.

Den meisten behagte der Gedanke, daß sich jemand aus der Anlage um die Begrünung kümmere. Auch fiel nicht wenigen die Achtsamkeit auf, mit welcher er zuwege ging und die offenbar prächtige Blüten zeitigte. Viele sahen ihm länger zu, als sie in der Regel Zeit hatten.

Die Hausverwaltung indes war sich nicht sicher, wie man diese Initiative hinsichtlich des geltenden Verwaltungsrechts als auch des ungeklärten Versicherungsschutzes bewerten sollte. Und dabei war die Frage des Impfschutzes bei dieser Abeit noch gar nicht angedacht worden.

Frau Hölderlein war mit Herrn Fred nicht persönlich bekannt. Doch seine Mieterakte wies keinerlei Beanstandung seines Verhaltens auf. Er hatte immer gezahlt. Und nie gezickt. Keine Wohnungsdurchsuchungen, keine Lärmbelästigung.

Das klang doch nach einem umgänglichen Herrn und so fand sie ihn dann auch vor.

Gleichmütig, gezielt schnippelnd und glücklich.

Schmetterlinge schwangen sich um hin her durch die Luft. Hummeln brummten hierhin, Bienen summten dorthin und einige Florfliegen bohrten kleine Löcher in Parasiten; Ameisen beim Ausschwärmen.

Alles blühte, alles duftete. Und das Gezwitscher der Vögel war so laut, daß es beinahe schon dröhnte.

Da stand Frau Hölderlein und schaute und horchte und sog die süße Luft ein und es schien ihr, als wache sie gerade eben erst auf; wurde klar und gewahr.

Aber mehr weiß ich auch nicht

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