Cha-cha-cha oder Die fulminanten Texte der Marina Keegan

51Hm+iUdH8L._SX303_BO1,204,203,200_Marina Keegan ist tot. Sie starb zu einem Zeitpunkt, zu dem bei anderen das Leben gerade erst richtig losgeht – nur wenige Tage nach ihrem Uni-Abschluss. Keine schreckliche Krankheit, kein brutaler Mord, ausschließlich das unsägliche Schicksal, das ja, wie wir seit dem gleichlautenden Roman von John Green wissen, ein mieser Verräter ist.

Auf der Rückreise von Yale, wo sie gerade ihr Studium erfolgreich beendet hatte, zu ihrem Elternhaus schlief ihr Freund am Steuerrad des Autos völlig übermüdet ein – sie starb noch am Unfallort, er blieb weitgehend unverletzt. Ein Drama, wie es nur das Leben schreibt, kaum einer würde sich etwas so Zynisches ausdenken.

Den Hype um ihre Person, der laut S. Fischer Verlag nach ihrem Tod und aufgrund ihrer offensichtlich den Zeitgeist treffenden Yale-Abschlussrede entstanden ist, habe ich nie mitbekommen, habe auch nie von ihrem Buch gehört – obwohl all das bereits 2012 passiert war. Auf das Buch bin ich tatsächlich jetzt vor ein paar Wochen in einer großen Buchhandlung gestoßen. Das gelbe Cover und der Titel „Das Gegenteil von Einsamkeit“ waren einfach extrem catchy und sprachen mich rein optisch sehr an. Ich konnte mich dem reißerischen Text auf der Buchrückseite nicht entziehen, der einen sofort packt, denn wenn ein so junger, kluger Mensch so abrupt aus dem prallen Leben gerissen wird, rührt einen das schon an. Wenn dieser Mensch dann auch noch Literatur hinterlassen hat, möchte man doch wenigstens einen Blick auf diese Worte werfen … man kann das finden, wie man will, etwas Voyeurismus mag dabei sein … In der „Welt“ hat dazu sehr kritische Worte gefunden, sie wurde das Gefühl nicht los, dass der Tod als Verkaufsschlager genutzt wurde. Hier kann man ihren Artikel nachlesen.

Hat man sich erst einmal durch das sehr (und mir viel zu) amerikanische Vorwort der Yale-Professorin Anne Fadiman durchgekämpft, kann es losgehen. Unvoreingenommen ist man nicht mehr. Buchrückentext und Vorwort sind tatsächlich extreme Steilvorlagen, die sehr auf Emotionen setzen und gleichzeitig große Erwartungen schüren.

Aufgeteilt ist das Buch in zwei große Blöcke – Stories und Essays. Zuerst bemerkte ich beim Lesen, dass mich mein Mitleid nicht frei über die Qualität der Texte urteilen ließ. Doch tatsächlich entfalten die kurzen Geschichten sehr schnell eine ganz eigene Dynamik, völlig unabhängig von der Biografie der Autorin. Man liest sich frei – und wenn ich bei der Yale-Rede, dem ersten Text, noch skeptisch war (und es auch geblieben bin, dieser Text überzeugt mich nicht so sehr), so wird es bereits bei „Kalte Idylle“, der ersten Geschichte von Keegan schwer, sich gegen die Wucht der Sprache zu wehren. Schrägerweise handelt die Story von einem Mädchen, dessen „Noch-nicht-so-lange-Freund“ bei einem Unfall ums Leben kommt. Ich merkte, dass ich mich unwohl fühle bei dem Plot; es wirkt ein wenig wie eine Vorahnung dessen, was Keegan selbst passieren wird. Doch die Geschichte ist brillant geschrieben, entwickelt sich spannend und reißt einen mit.

Die meisten Geschichten handeln von jungen Menschen – verständlicherweise, schließlich war auch die Autorin ein junger Mensch, als sie sie schrieb. Doch in „Vorlesen“ zum Beispiel versucht sie sich an der Prespektive einer alten oder zumindest älteren Frau, die eine einsame Hypochonderin ist. Das gelingt ihr ganz gut – doch Keegan scheint am stärksten bei sich selbst zu sein, wenn sie von jungen Leuten schreiben kann.*

Besonders eindrücklich war für mich „Die Naive“, eine Story, in der Keegan eine genaue Beobachtungsgabe an den Tag legt und diese auch ihrer Protagonistin „leiht“. So gelingt es der namenlosen Ich-Erzählerin, ganz subtile, kaum wahrnehmbare Nuancen und Verhaltensweisen in ihrer Beziehung zu erkennen – und zieht ihre eigenen, erstaunlichen Konsquenzen daraus … für mich der stärkste Text in diesem Buch.

Im Gegensatz dazu haben mich die Essays nicht komplett überzeugt. Exemplarisch sei hier „Wie die Eschatologie wieder Spaß machen kann“ genannt. Keegan erörtert darin die Aussage wissenschaftlicher Studien, die besagen, dass die Sonne in Milliarden von Jahren die Erde unbewohnbar machen wird. Sie philosophiert ein wenig über nachhaltige Lebensweisen, über verschiedene Möglichkeiten, womit die Galaxien nun wirklich gefüllt sein könnten – mit anderem intelligenten Leben oder nur mit unbewohnten Planeten? -, doch dieses Textchen kommt weder sprachlich noch inhaltlich über das Niveau einer guten Uni-Hausaufgabe hinaus. Hier hat mich das Gefühl beschlichen, dass der Wunsch, dieser ungewöhnlich klugen und selbstbewussten jungen Frau ein Denkmal zu setzen, so groß war, dass, um die Seiten für ein ganzes Buch voll zu bekommen, auch Texte veröffentlicht wurden, die ansonsten wahrscheinlich nie einem größeren Publikum zugänglich gemacht worden wären. Vielleicht hätte sich Keegan selbst am allermeisten darüber geärgert, dass so viele Menschen auf Texte blicken, die sie selbst als nicht 100 % gelungen eingestuft hätte. Sie, die ihrer Professorin schrieb: „Es geht immer (noch) besser.“

Doch der Zweck heiligt die Mittel, sagt man so schön. Ohne diese Texte läge das gesamte Buch nicht vor und das wäre extrem schade. Denn es stecken viele gute Geschichten zwischen diesen zwei Buchdeckeln. Geschichten, die voll von Wucht, Wut, starken Gefühlen und kraftvoller Energie sind. Geschichten, die bleiben. Geschichten, die nachhallen, die zum Nachdenken anregen.

Natürlich geht es immer (noch) besser. Aber das hier ist schon verdammt gut!

* Carmen Eller von der ZEIT ONLINE sieht das übrigens interessanterweise genau anders herum. Hier entlang zu ihrem Artikel.

„Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan ist im S. Fischer Verlag
erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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