Misbehaving – ungezogene Verhaltensökonomie

Richard Thaler, Professor für Behavioral Science and Economics an der University of Chicago und einst Berater von US-Präsident Obama erhielt 2017 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Interessanterweise war es nie im Sinne Nobels einen Preis für Ökonomen zu stiften, im Gegenteil. Wikipedia schreibt dazu: […“Seine Abneigung gegen die Wirtschaftswissenschaften zeigt sich in einem Brief, den vier Urenkel seines Bruders Ludvig 2001 veröffentlichten. Darin schreibt Alfred Nobel: „Ich habe keine Wirtschafts-Ausbildung und hasse sie von Herzen.“ Entsprechend drängten Nobels Nachfahren die Schwedische Akademie der Wissenschaften, den erst 1968 nachträglich von der schwedischen Nationalbank gestifteten „Preis für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel“ separat von den Nobelpreisen zu behandeln, bis heute ohne Erfolg.“…]

Wem der Begriff Chicagoer Schule etwas sagt, hier darf Entwarnung gegeben werden. Thaler ist weit davon entfernt, tatsächlich legte er sich über Jahre hinweg mit den Gläubigen des Homo oeconomicus an, jene nennt er Econs da sie unter anderem grundsätzlich davon ausgehen, dass der Markt von Menschen betrieben wird, die immer wirtschaftlich rational handeln. Beispielsweise glauben die Jünger der Chicagoer Schule, dass ein absolut freier Markt – den es tatsächlich nicht gibt, gab oder geben kann – bei dem die Wohlhabenden immer wohlhabender werden, sich selbst reguliert und auch den Armen zugute kommt, da vom Reichtum immer wieder Brosamen nach unten durchfallen. Zugegeben sehr flapsig formuliert, im Kern jedoch exakt die vorgebliche Glaubensrichtung vieler Ökonomen und offizielle Lehrmeinung.

Richard Thaler versteht es, ein relativ trockenes Thema amüsant und locker aufzubereiten. Seine Warnung im Vorwort, „dass dieses Buch von einem nachweislich faulen Mann“ geschrieben worden sei, ist dem Leser eher Ansporn. Diesen braucht es jedoch fast nicht, denn Misbehaving (zu deutsch etwa: sich ungezogen benehmen) ist eine aufschlussreiche, informative und verwundernde Lektüre. Verwundernd deshalb, weil eigentlich jedem denkenden Menschen klar sein müsste, dass Homo Sapiens Sapiens eben nicht immer zu rationalem Denken und Handeln fähig ist. Dafür gibt es dank Professor Thaler und seinen Mitstreitern aus der Verhaltenspsychologie die über  Jahre hinweg viele interessante und aufschlussreiche Studien und Beispiele, anhand derer sie nichts anderes tun als den renommierten Wirtschaftswissenschaftlern samt ihrer Prämissen elegant ans Bein zu pinkeln, erstellt haben. Solange keine KI (Künstliche Intelligenz) für die Menschheit den Handel übernimmt ist es für die meisten, wenn nicht alle von uns schier unmöglich in Geldfragen rational zu handeln.

Thaler hat sich mit diesen Ergebnissen nicht zufrieden gegeben, er ging weiter mit seiner Forschung und erfand den Begriff des „libertären Paternalismus“ später in Nudge (anstupsen um das „Richtige“ zu tun, umbenannt da dies psychologisch um einiges charmanter klingt.

So ist Misbehaving nicht nur ein vergnügliches Sachbuch zu einem ernsten Thema sondern praktische Lebenshilfe für alle, die sich mit ihrem eigenen Finanzgebaren auseinandersetzen möchten.

„Misbehaving“ von Richard Thaler ist 2018 beim Siedlerverlag erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Misbehaving – ungezogene Verhaltensökonomie

  1. Yupp. Die Diskussion dreht sich darum ob man Menschen beeinflussen darf um sie dazu zu bringen, das „Richtige“ zu tun. Sei es Umweltschutz oder Vorsorge für das Alter etc. . Fand ich interessant. Produktwerbung, u.a. auch Rezis zielt ja auch darauf ab. Inwieweit entmündigt man die Leute durch psychologische Tricks zu ihrem Besten.

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