Fürchten muss man nur die Angst

Okay, ich gebe es zu, ich wusste nicht recht, ob ich das Buch lesen wollte. Der Titel Uns gehört die Nacht verbunden mit der kurzen Inhaltsbeschreibung gingen mir ein wenig zu sehr in Richtung tragischer Liebesroman. Aber wie heißt es so schön don’t judge a book by its cover – wobei das in diesem Fall wieder dazu geführt hat, dass ich meinen inneren Widerwillen überwand und spätestens der Einstieg in diesen Roman, der für mich einem (Glam)-(Rock)song der 80er gleicht: Frisch, mit Schulterpolster, echt, ein bisschen „dreckig“ und immer wieder schillernd – hat mich hineingezogen in diese Geschichte, die viel mehr ist, als eine amour fou, als eine Obsession mit ungewissem Ausgang. Und ich bin verdammt glücklich, dass ich dieses Buch nun in meinem Regal stehen habe, es mehrfach lesen kann und freue mich über weitere Lektüre von Jardine Libaire.

New Haven / Connecticut / 1986

Elise ist Anfang zwanzig, von zuhause ohne ein Wort abgehauen, weil sie es dort – trotz der Liebe zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern – nicht mehr aushielt. Eines Abends findet Robbie sie im Auto seines derzeitigen Lovers, eingehüllt in ihren weißen Kaninchenpelz. Sie sieht aus, als wäre sie ein zottiger schlafender Hund, der es irgendwie in das Auto hineingeschafft haben muss.

»Als sie ausstieg, war sie größer als die Jungs, einen Rucksack in der Hand wie ein Pendel, und man sah ihr die Angst an. Eine auf elegante Art traurige Ausreißerin in weißen Turnschuhen und mit goldenen Bambusohrringen.«

Robbie nimmt sie auf und die beiden wohnen nicht zur zusammen, sie werden Freunde. Beide sind Freaks. Robbie, weil er homosexuell ist und nicht so recht weiß, was aus ihm werden soll. Elise, weil sie puertoricanische Wurzeln hat und nicht gerade aus der besten Gegend stammt und ebenso nicht weiß, was sie aus ihrem Leben machen möchte. Und beide wohnen in einer Wohnung, die »leer ist wie ein besetztes Haus«, aber Elises Zimmer spiegelt sie und ihre Zeit wieder:

»Wo bei anderen Leuten ein Kruzifix an der Wand hängt, klebt in Elises Zimmer eine ausgerissene Seite aus dem Rolling Stone: Prince in einem dunstigen lavendelfarbenen Paradies«

Es ist die Zeit der Schulterpolster, von Glamrock und langsam treten auch die Glamourgirrrrls, die in den 1990er die Alltagsbühnen zuhauf bevölkern, in Erscheinung. Sie sind ein bisschen laut und schrill, aber vor allem sind sie lebendig. Und das ist auch Elise. Elise die nach außen hin tough erscheint, nicht viel Allgemeinbildung mitbringt, sich ihrer Haut erwehren kann, hat eigentlich ein goldenes Herz. Sie weiß, was Anstand ist, dass man sich vor allem vermeintlich Schwächere nicht als Zielscheibe sucht und geht dafür auch auf Konfrontation. Gelernt hat sie das von klein auf. Und deshalb muss sie einschreiten.

»Nebenan steht ein weißes Townhouse, in dem zwei Yale-Studenten wohnen. Ein Kronleuchter fängt dort drüben das letzte Licht des Tages ein, wenn alles andere schon im Dunkeln liegt. Hier haben reiche Leute gelebt, bevor die Gegend den Bach runterging, und das Haus wirkt fehl am Platz wie eine höhere Tochter, die im Supermarkt an der Kasse sitzt.«

Einer der beiden Yale-Schnösel jedoch geht ihr nach ihrem kleinen Ausflug nicht mehr aus dem Kopf. Love at first sight … offensichtlich.

Jamey ist aus gutem Haus, seine Familie besitzt Geld wie Heu. altes Geld. Skandale werden geschickt aus der Welt geschafft, natürlich auch mithilfe dieses Geldes. Sein Studium nimmt er ernst, so richtig wohl in seiner Haut ist ihm nicht, eigentlich fühlt er sich in der Gesellschaftsgruppe, der er angehört nicht hundertprozentig zugehörig. Aber er weiß sich zu benehmen, kennt die Codes der superreichen Upper-Class und genießt die Annehmlichkeiten, die mit dem Familienreichtum einhergehen, auf ganz natürliche Art und Weise und ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er war auch schon immer anders. Die abwegigsten Fächer hat er belegt, mehr als er musste und die Zensuren ließen nichts zu wünschen übrig. Doch jetzt …

»Die Fächer … sie haben Meuterei begangen. Über Nacht haben sich die einfachsten und unschuldigsten Begriffe in Feinde verwandelt und sind in der Lage, einen totalen Systemausfall bei ihm auszulösen. Licht ist nicht Licht, sondern Energie. Ein Mensch sieht nie ein eigenes Gesicht, immer nur seine Spiegelung oder ein Abbild. Gehirnwellen sind beim Träumen aktiver als im Wachzustand. Rosen riechen nicht gut; sie riechen wie reife Früchte, was zu erkennen von Vorteil für unser Überleben ist, deswegen werden sie von unserem ästhetischen System als schön definiert. Die bekannten Rätsel, die Liga der Vexierfragen, die einen Dreizehnjährigen nach dem ersten Joint faszinieren. Jamey fragt sich beschämt, warum ihm diese Fragen jetzt so zusetzen.«

Es scheint etwas passiert zu sein, was Jameys in ruhigen, sicheren Bahnen laufendes Leben aus dem Tritt gebracht hat. Noch weiß er es nicht, doch alles wird sich Stück für Stück verändern …

Jardine Libaires Roman über die Verbindung dieser zwei so unterschiedlichen Menschen, die vielleicht trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede auf einer Wellenlänge schwimmen und über ihre anfängliche sexuelle Obsession eventuell eine tiefere Verbindung knüpfen können, ist mehr als ein Liebesroman. Als solcher wurde er bei Lovelybooks einsortiert und gehört meiner Meinung nach komplett in die Belletristik. Libaires Stil besticht durch ihre außergewöhnliche Fähigkeit, trotz einer gewissen kühlen Art zu erzählen, einen unglaublichen Sog zu erzeugen. Die vielen Zitate, die hier oben stehen, sind nur ein paar, die mich begeistert haben. Im Grunde genommen müsste ich das ganz Buch hier abschreiben, um irgendwie klar machen zu können, wie umwerfend ich es finde.

Die Kämpfe, die Elise und Jamey mit sich, einzeln und miteinander, mit ihrer Umwelt zu kämpfen haben, zeigen nicht nur auf, wie stark eine Verbindung sein muss, um Erfolg zu haben. Ausgehend von einer wahren sexuellen Obsession – die im übrigen ganz selbst bestimmt und natürlich ist, prüde sollte man aber nicht sein – hin zu den Fragen, die uns alle beschäftigen, weiß Libaire alles, was sie in ihrer Geschichte einarbeiten wollte, präzise unterzubringen, ohne dass etwas nur angerissen und nicht auserzählt wird. Die Dichte, der Sog, den sie erzeugt, lebt aus ihrer Fähigkeit, pointiert zu formulieren, ungewöhnliche, aber treffende Bilder zu nutzen und entgeht so der Gefahr, die Handlung zu sehr aufzuladen oder zu überfrachten.

Elise ist trotz ihrer Herkunft – oder auch vielleicht gerade deshalb – diejenige, die die wahren Schätze des Lebens erkennt. Und mir damit sehr ans Herz gewachsen. Jamey ist smart und mit der Zeit auch ebenso aufrecht in seinen Gedanken und Handlungen wie Elise. Doch alles kostet seinen Preis und Libaire lässt die Leserschaft lange genug zappeln, bis sie die Anfangsszene auflöst, die nicht das ist, was sie zu sein scheint: das tragische Ende einer Romanze à la Romeo und Julia. Verglichen wird der Roman allenthalben zwar mit dem Schicksal der beiden Liebenden, die Shakespeare unsterblich machte, doch der Vergleich hinkt. Denn bei Elise und Jamey sind es nicht verfeindete Familien, die die Liebenden nicht zueinander kommen lassen wollen, sondern Gesellschaft und Vorurteile.

Uns gehört die Nacht – oder White Fur – ist zwar durch Sophie Zeitz großartig übersetzt aus dem amerikanischen Englisch übertragen worden (ich konnte ins Original reinlesen), doch es reizt mich sehr, dieses Kleinod in seiner Originalsprache zu lesen. Auf jeden Fall werde ich dieses Buch sicherlich immer wieder lesen. Chapeau Jardine Libaire für dieses Regaljuwel. Und um das Ganze noch zu toppen – und das Gefühl der 80er Jahre, das sich bei mir automatisch zurückgemeldet hat, bin ich doch ein Kind der 80er, auch bei Menschen, die zu diesem Jahrzehnt nicht solch eine persönliche Verbindung haben wie ich – gibt es eine passende Playlist.

Es leben die Glamourgirrrrls und ihre Energie! Danke für dieses wunderbare Leseerlebnis – ich freue mich auf weitere solche aus Jardine Libaires Feder.

Uns gehört die Nacht ist im Juli 2018 bei Diogenes erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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2 Gedanken zu “Fürchten muss man nur die Angst

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