Berliner Stadtblatt Nr.15

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@ JohnQube auf pixabay

Tief im ehemaligen Westsektor

Timo mußte los. Doch er konnte einfach nicht aufstehen. Wie gelähmt saß er auf der Bettkannte und stierte panisch seine Schultasche samt Turnbeutel an.

Ein unaussprechlicher Ekel würgte ihn bei dem bloßen Gedanken daran, die Tasche anfassen zu müssen. Sie aufzunehmen und sich auf den Rücken zu packen, erschien in diesem Moment ebenso grotesk, wie den Mount Everest aufzunehmen und sich munter pfeifend auf den Rücken zu schnallen.

Timo schüttelte den Kopf und sein halblanges Haar flog hin und her, wie die dichten Flusen eines abgekämpften Staubwedels.

Alles in ihm sträubte sich. Da war nichts zu wollen. Sackgasse. Mit dem Rücken an der Wand. Fluchtweglos.

Das Geld hatte er natürlich auch nicht. Wie auch? Er war ein verdammter Teenager aus kleinen Verhältnissen und nicht irgendein reicher Schnösel. Naja, wenn er das wäre, dachte er sich bitter, würde er sicherlich eine andere Schule besuchen. Vielleicht sogar eine private. Und nicht jenes runtergekommene Loch von einem abgefuckten Betonbunker mit allerlei uneinsehbaren Winkeln, die sich vorzüglich dazu eigneten, Mitschüler abzuziehen.

Welcher Vollhorst hatte eigentlich diese kalte Häßlichkeit als Ort von Wissensvermittlung verbrochen? Und was hatte er gegen Halbwüchsige gehabt?

Sicherlich so ein Nazi – Folteropfer, das sich auf diese Weise am Nachwuchs seiner Peiniger gerächt hat.

Dessen Rechnung war zumindest aufgegangen. Was für ein verhasster Scheißort! Selbst die Lehrer schienen da über die Jahre einen wegzukriegen.

Timo dachte angestrengt nach. Er brauchte einen Plan, wie er hier wegkommen konnte.

Irgendwohin nur weg. Alles war besser, als roaring BoarMan und seinen Jungs über den Weg zu laufen.

Diesem fetten ungeschlachten Kerl, der aller Wahrscheinlichkeit nach seinen eigenen Namen nicht fehlerfrei aufs Papier geschrieben bekam. Doch was ihm an Grips fehlte, machte er mühelos mit Rohheit wett. Doch das alles half ihm im Moment auch nicht weiter. Natürlich konnte er zu spät kommen. Passierte auch den Besten.

So hätte er aber auch nur Zeit bis zu ersten Pause gewonnen. Dann schien es beinahe unmöglich dem Kerl nicht irgendwo in seine gewaltigen Arme zu laufen. Sie schienen die Schule systematisch durchzukämmen, um ihre Opfer aufzuspüren.

Und selbst wenn es ihm gelänge, dem roaring Arschloch und seinen Dumpfbacken aus dem Weg zu gehen, so würde er doch nur Morgen dran sein.

Aber wo sollte er schon groß hin? Er war fünfzehn und es wäre bloß eine Frage der Zeit, wann er aufgegriffen würde, nur um wieder Daheim abgeliefert zu werden.

Es mußte einen anderen Weg geben. Er konnte sich doch nicht sein Leben lang verkriechen, weil andere ihn tyrannisierten.

Timo atmete schwer aus und besah sich nochmals sein Zimmer.

Sein Hulk – Poster. Seine Steinesammlung. Sein Lego – Technik Truck mit Greifarm. Und seine geliebte Venusfliegenfalle fielen ihm hierbei zuerst auf.

Sein Blick ging zurück und blieb bei Hulk haften.

Hulk war cool. Der würde Speckhirn anbrüllen, daß der sich in die Hosen macht, bevor er ihn gepackt und in den nächsten Kiez geworfen hätte.

Timo lächelte verträumt. Er hätte auch liebend gern den Hulk in sich gewußt. Das wär sowas von cool.

Denn seine eigenen Hände erinnerten ihn eher an ausgefranste Milchbrötchen denn an muskelbepackte Pranken. Am ehesten taugten die wohl noch zum Fliegen verscheuchen. Aber sicherlich nicht für menschliches Ungeziefer eines derartigen Auswuchses.

Also mußte doch sein Grips mit einem gangbaren Weg aufwarten, wenn seine Muskeln schon in der Regel an einem geschlossenen Gurkenglas scheiterten.

Wieder glitt sein Blick durchs Zimmer; taxierte dies und das und blieb am Sportbeutel hängen, der aussah, wie ein Fußball, dem man die Luft abgelassen hatte. – Der reinste Spiegel meinerselbst, dachte er resigniert.

Ach, wenn ich doch nur nicht so eine Lusche wär, sondern hart wie Stein, spann er seinen Wunsch weiter, während sein Blick hinüber zum Fensterbrett huschte, auf dem seine spektakulärsten Steinexponate aufgereiht lagen.

Den Kerl mit meinen geliebten Steinen zu bewerfen, geing jedenfalls gar nicht. Am Ende fand er sie nicht wieder.

Und was sollte das überahupt bringen? Wenn, dann müßte man ihn mit allen gleichzeitig bewerfen und genau auf denselben Punkt. Und das kann aber nur klappen, wenn die Steine zusammengepackt sind…, spuckte Timos gestresstes Gehirn munter logische Schlüsse aus, während sein Blick zurück zum durchhängenden Sportbeutel glitt.

 

Aber mehr weiß ich allerdings auch nicht.

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